Wirecard nun größer als die Deutsche Bank

Das Kopf-an-Kopf-Rennen um die größere Marktkapitalisierung scheint die Deutsche Bank gegen Wirecard vorerst verloren zu haben. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Es war ein Tag mit Symbolkraft: Die im TecDAX notierte Wirecard hat seit dieser Woche eine größere Marktkapitalisierung als die altehrwürdige Deutsche Bank. Mit 21 Milliarden Euro wird der Münchener Zahlungsdienstleister gegenwärtig bewertet. Seit Anfang 2010 hat sich der Aktienkurs von unter 10 Euro auf zuletzt mehr als 170 Euro mehr als versiebzehnfacht. Weltweit konnten in diesem Zeitraum nur wenige Aktien eine bessere Kursentwicklung aufweisen als Wirecard.

DAX-Aufnahme mit Symbolcharakter

Da liegt es nahe, dass Wirecard demnächst in die Königsklasse des deutschen Aktienmarktes, das Elitesegment DAX, aufgenommen wird. Die Chancen dafür stehen gut, denn Wirecard hat inzwischen nicht nur die Deutsche Bank hinter sich gelassen, sondern gleich eine ganze Reihe von etablierten Industrietiteln wie Lufthansa, Merck, RWE, ThyssenKrupp, HeidelbergCement, oder Henkel.

Sollte es tatsächlich mit einem Aufstieg in die erste Börsenliga klappen, würde das als Fintech gestartete Unternehmen aber ausgerechnet einen klassischen Bankenwert ersetzen: Denn die Commerzbank ist mit einer aktuellen Marktkapitalisierung von nur noch 10,4 Milliarden Euro der kleinste Wert im DAX und damit die erste Wahl, von Wirecard in den MDAX verdrängt zu werden.

Neuordnung der Börsenindizes

Dabei profitiert Wirecard nicht nur von den zum Teil hausgemachten Problemen der klassischen Bankhäuser, sondern auch von der Neuordnung der Börsenindizes, die im kommenden Monat in Kraft treten wird. Zukünftig können nämlich Unternehmen des Technologie-Segments – bislang im TecDAX verortet – auch in den SDAX, MDAX oder DAX aufgenommen werden. Dann dürften sich die TecDAX-Schwergewichte Wirecard, Qiagen oder United Internet zumindest in dem auf 60 Unternehmen erweiterten MDAX wiederfinden – und sich einer größeren Aufmerksamkeit der Investoren erfreuen.

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Doch gab es in der Vergangenheit auch immer wieder heftige Kritik am Geschäftsmodell von Wirecard. Die letzte Attacke kam Anfang des Jahres. Die auf investigativen Journalismus spezialisierte Southern Investigative Reporting Foundation („SIRF“) hatte über Wirecard berichtet, dass im Jahr 2015 bei der Übernahme eines indischen Konkurrenten durch Wirecard ein Großteil des Kaufpreises nicht beim Verkäufer eingegangen sein soll.

Angriff nach demselben Muster

Wie schon nach den vorhergehenden Short-Attacken dementierte Wirecard umgehend. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelte. Dennoch kam der Aktienkurs unter erheblichen Druck, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß als nach der Short-Attacke des bis dato unbekannten Research-Hauses Zatarra Anfang 2016, als die Aktie des Zahlungsdienstleisters binnen weniger Tage mehr als ein Fünftel ihres Wertes einbüßte.

Bislang hat sich die Aktie von allen Attacken wieder erholt und stets neue Höchstwerte erklommen. Dennoch sollten Sie sich bewusst sein, dass Wirecard aufgrund seines komplexen Geschäftsmodells besonders anfällig ist für derartige Angriffe. Gemäß dem Motto „Nach der Attacke ist vor der Attacke“ sollten Sie als Aktionär eine hohe Risikotoleranz aufweisen und gegebenenfalls zweistellige Verluste aussitzen können.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.