Wirecard: Sorry Herr Braun, aber das sehe ich anders!

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Wirecard-Chef Markus Braun gab „Kleinanlegern“ in einem TV-Interview einen Rat, den ich so nicht teile. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Seit dem 24. September 2018 ist die Aktie der Wirecard AG Mitglied im Club der Top 30, dem DAX. Viel Freude hatten die Aktionäre an diesem Aufstieg indes bislang nicht:

Nur 4 Tage später, am 28. September 2018, markierte die Aktie mit 199,00 Euro ihr bis heute gültiges Allzeithoch. Seither ging es nur bergab: In der Spitze verlor die Wirecard-Notierung satte -56%.

Hintergrund des Abschlages waren – wieder einmal – Gerüchte und Mutmaßungen zu Bilanzmanipulationen: Für die Wirecard-Aktie sind derartige Vorwürfe schon seit vielen Jahren ständiger Begleiter – auch wenn sie, wie jetzt auch wieder, regelmäßig entkräftet werden können.

In einem TV-Interview machte Firmen-Chef Markus Braun jetzt Werbung für sein Unternehmen. Das kann ihm auch niemand verdenken. Mit einer seiner weiteren Aussagen stehe ich indes auf Kriegsfuß.

Wirecard-Aktie war schon immer volatil

Ein Thema des TV-Interviews war auch die hohe Schwankungsbreite des Aktienkurses seit der Aufnahme in den deutschen Leitindex. Fakt ist jedoch:

Die Wirecard-Aktie ist schon seit Jahren hoch volatil. Schauen wir uns dazu einmal die nachfolgende Grafik an:

Wirecard: Die Kurshistorie ist durchsetzt von extremen Kursabschlägen

Kein Zweifel: Die Wirecard-Aktie hat über die Jahre einen enormen Wertzuwachs erfahren. Allerdings sind solch heftige Kursverluste wie das Minus von -56% von September 2018 bis Februar 2019 keine Ausnahme, sondern eher die Regel.

Mit Charttechnik viele Verluste vermeiden

Angesprochen auf die extreme Kurs-Schwankungsbreite seit der Aufnahme im DAX, riet der Chef des Anbieters von Online-Bezahlsystemen den „Kleinanlegern“, seinem eigenen Beispiel zu folgen und die Wirecard-Aktie langfristig zu halten.

Zum Hintergrund: Über seine MB-Beteiligungsgesellschaft hält Markus Braun inzwischen 7,05% der gesamten Wirecard-Aktien. Ein starkes und klares Bekenntnis zum eigenen Unternehmen.

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

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Dem Braun’schen Vorschlag mag ich als Charttechniker indes nicht folgen. Mal abgesehen davon, dass ich persönlich die Bezeichnung „Kleinanleger“ als ein wenig diskriminierend empfinde, hätten sich Wirecard-Aktionäre mit etwas Charttechnik viele der im Chart oben aufgezeigten Kursabschläge ersparen können:

Wirecard: Mit Charttechnik viele Verluste vermeiden

In diesen Chart habe ich Ihnen zusätzlich den 14-Monats-Relative Stärke Index eingeblendet. Als langjähriger Chartanalyse-Trends-Leser wissen Sie bereits, dass ich den Trend-Intensitäts-Indikator gerne als Signalgeber für langfristige Trends nutze.

Dazu orientiere ich mich einfach an den Bruchstellen der Auf- bzw. Abwärtstrends. Sie sehen es im Chart:

Auf diese Weise wären Sie den Abschlägen der Jahre 2007, 2008, 2015, 2016 und sogar einem Großteil des jüngsten Verlustes aus dem Wege gegangen.

Fazit

Gewiss: Wer die Wirecard-Aktie über all die Jahre eisern im Portfolio gehalten hätte, hat – trotz des jüngsten Kursabschlages – noch immer prächtig verdient. Aber mal ehrlich:

Wer besitzt denn schon diese Nervenstärke, immer wieder Kursrücksetzer von -24% bis -65% auszuhalten? Ich jedenfalls nicht – und ich sehe mich auch als „Kleinanleger“.

In den fast 40 Jahren, in denen ich mich inzwischen professionell an den Börsen bewege, bin ich erst einem einzigen Menschen begegnet, der eine derartige Nervenstärke besaß:

Der Onkel meiner ersten Frau betrachtete seine Investments in Aktien allerdings auch nicht als Möglichkeit zur Vermögensmehrung. Ihm ging es stets nur darum, an guten Unternehmen beteiligt zu sein und nebenbei daraus Dividenden zu beziehen, die er dann übrigens auch wieder in Zukäufe investierte.

Ich „hasse“ hingegen Kursverluste, mag einmal erreichte Buchgewinne nur ungern wieder abgeben und vertraue daher doch mehr der Charttechnik!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.