Wirecard: Strukturen noch nicht reif für den DAX

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Egal wie der Krimi um Wirecard ausgeht: Meines Erachtens können wir alle – und vor allem das Unternehmen selbst – daraus etwas lernen. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Nichts für schwache Nerven: Die Achterbahnfahrt der Wirecard-Aktie geht im DAX weiter. Heute sackte die Aktie innerhalb weniger Minuten von 105 auf 95 Euro ab, um sich dann am Nachmittag wieder auf knapp 102 Euro zu erholen.

Über die jüngsten Vorfälle rund um den DAX-Konzern Wirecard und die Auswirkungen auf den Aktienkurs habe ich Sie gestern an dieser Stelle ausführlich informiert. Heute möchte ich das Thema für Sie von einer anderen Seite beleuchten.

Denn unabhängig davon, ob schlussendlich die Vorwürfe der Financial Times gegenüber Wirecard komplett widerlegt werden können oder ob doch etwas an dem Unternehmen hängenbleibt, gibt es Dinge, die Wirecard auf jeden Fall ändern muss.

Es stand zu sehr das Wachstum im Fokus

Bei Wirecard stand aus meiner Sicht jahrelang zu sehr das Wachstum im Fokus. Das Unternehmen beschränkte sich damit auf ein sicherlich sehr wichtiges Ziel, vernachlässigte dabei aber andere große Aufgaben, die ein börsennotiertes Unternehmen hat. Das bedeutet konkret: Die Strukturen von Wirecard wuchsen in vielen Bereichen weitaus langsamer als Umsatz und Ergebnis.

Dieses Versäumnis wurde schon vor den jüngsten Attacken der Financial Times immer wieder zum Problem für Wirecard. Denn die Berichte der FT sind nicht die ersten Angriffe gegen den stark wachsenden Zahlungsabwickler. Es gab in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Angriffen gegen Wirecard, die die Aktie des Unternehmens immer wieder (zumindest kurzzeitig) stark in Mitleidenschaft zogen.

Ein Problem: Wirecard besitzt keine schlagkräftige Compliance-Abteilung und auch keine einem DAX-Unternehmen entsprechenden Kommunikationsstrategien. Zudem wurde versäumt, dem Kapitalmarkt in der Tiefe zu erläutern, was genau die Alleinstellungsmerkmale des Geschäftsmodells von Wirecard sind bzw. warum die Produkte und Lösungen von Wirecard denen der Konkurrenz überlegen sein sollen.

Bei Wirecard sollten die Strukturen (Investor-Relations-Abteilung, Risikokontrolle usw.) schnellstens an die Größe des Unternehmens angepasst werden. Geschieht dies nicht, wird es immer wieder Angriffe auf das Unternehmen geben. Auch könnten dann große Investoren ihr Kapital abziehen und dem Unternehmen damit das Vertrauen entziehen.

Es ist aber zu befürchten, dass Wirecard-Chef Markus Braun, der in Sachen Technik einen erstklassigen Job machen soll, die Zeichen der Zeit nicht erkennt und die aus meiner Sicht nötigen Anpassungen nicht vornehmen wird. Zumindest deuten Kommentare aus dem Unternehmen in diese Richtung.

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

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Die Investoren und Analysten wollen aber nicht nur die nackten Wachstums-Zahlen sehen (auch wenn diese auf den ersten Blick sehr gut sind), sondern verstehen, wie diese Zahlen erwirtschaftet wurden und ob die Erfolge nachhaltig sind. Börsen-Legende Warren Buffett würde fragen: Hat Wirecard einen Burggraben, der das Unternehmen schützt?

Veränderungen im Vorstand und Aufsichtsrat

Veränderungen sollte es auch im Vorstand und Aufsichtsrat geben. Die Zeitschrift Capital hat jüngst einen detaillierten Blick auf die Zusammensetzung des Vorstands und des Kontrollgremiums geworfen: Die übrigen 3 Vorstände (neben Braun) arbeiten seit 12 Jahren im Konzern. Es fehlt an Expertise von Außen und an Diversität.

Ein Vorstands-Team, das ein junges Wachstums-Unternehmen nach oben führt, ist leicht überfordert, wenn daraus ein großer Konzern mit vielen internationalen Tochtergesellschaften und Milliardenumsätzen geworden ist. Dann müssen zum Teil ganz andere Aufgaben erfüllt werden.

Noch merkwürdiger als die Besetzung des Vorstands ist die des Aufsichtsrats. Unter den 6 Aufsichtsratsmitgliedern von Wirecard findet sich keiner, der mit einer früheren Vorstandstätigkeit oder einem Aufsichtsratsmandat in einem anderen großen Konzern glänzen könnte, heißt es in dem Capital-Bericht.

Ebenfalls kurios: Laut Capital arbeitet die Hälfte der Mitglieder als selbständige Unternehmensberater, so dass man Interessenkonflikte nicht ausschließen kann. Unter dem Strich heißt es weiter, dass es keinen anderen Aufsichtsrat unter den DAX-Konzernen gebe, der so wenig kollektive Führungserfahrung vereinige wie der von Wirecard.

Meine Einschätzung: Weiter Abstand halten

Abschließend möchte ich noch einmal meine Einschätzung zur Wirecard-Aktie von gestern wiederholen: Ich rechne nicht damit, dass die Vorwürfe der FT komplett erfunden sind, erwarte aber auch nicht, dass sie eins zu eins stimmen. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen. Wenn jedoch Wirecard die Vorwürfe weitgehend entkräften kann und es keinen bleibenden Schaden gibt, ist die Wirecard-Aktie auf dem aktuellen Niveau attraktiv bewertet.

Es könnte auf der anderen Seite aber auch zu großen Klagen gegen das Unternehmen kommen, die nicht nur die Liquiditätslage von Wirecard erheblich belasten könnten, sondern auch das Ansehen. Daher würde ich zur Zeit einen Bogen um die Aktie machen, auch wenn sie aktuell angesichts der zweistelligen Wachstumsraten vermeintlich günstig bewertet ist.


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Rolf Morrien
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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