Wirecard: Vorbeugen ist besser als reinfallen

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Und wieder eine Short-Attacke. Und wieder ist Wirecard das Opfer. Und wieder einmal war der Kursrutsch vermeidbar. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Am Mittwoch vergangener Woche hatte ich hier für Sie noch das Thema  „Einmal Börsenliebling, immer Börsenliebling?“ aufgegriffen:

„Aktien, die über einen längeren Zeitraum große Kursgewinne zu verzeichnen haben, erfreuen sich extremer Beliebtheit bei den Investoren. Das hat aber auch einen Nachteil:

Jeder Trend endet einmal. Und viele Anleger weigern sich, dies zu erkennen. Das gilt insbesondere dann, wenn zuvor ein Großteil des Kursanstieges verpasst wurde:

Dann wird nämlich jeder größere Rücksetzer in der Notierung als „Schnäppchen-Einstieg“ gefeiert. Die Folge sind regelmäßig enorme Verluste, statt der erhofften gigantischen Gewinne.“

Mit Wirecard hat es nun erneut einen solchen „Ex-Börsenliebling“ erwischt. Wieder einmal wurde die Aktie des Anbieters von Online-Bezahlsystemen Opfer einer Short-Attacke.

Bereits zum dritten Mal in den vergangenen 9 Jahren wurden Wirecard Bilanz-Manipulation vorgeworfen. Und jedes Mal stürzte die Notierung daraufhin ab – diesmal um -35% in nur 3 Handelstagen.

Der wahre Skandal liegt hier indes auf einer anderen Ebene. Ach ja: Und natürlich war auch dieser herbe Kursverlust für den charttechnisch versierten Investor vermeidbar.

Leerverkauf: Wie funktioniert das?

Um zu klären, was es mit einer Short-Attacke auf sich hat, müssen wir zunächst einmal das Prinzip des Leerverkaufs von Aktien kennen:

Wenn Sie eine Aktie kaufen, vermehren Sie Ihren Kapitaleinsatz nur dann, wenn deren Notierung auch steigt. Wollen Sie hingegen an einem Kursrückgang verdienen kennen die meisten Anleger vor allem 3 Alternativen:

Den Kauf von PUT-Optionsscheinen, von SHORT-Zertifikaten oder von Put-Optionen – natürlich nur, wenn diese Varianten auch verfügbar sind.

Die weniger bekannte Alternative ist der Leerverkauf von Aktien:

Dazu werden – meist von Hedgefonds – Anteile einer Aktiengesellschaft verkauft, die sie in aller Regel gar nicht besitzen (daher „Leer“-Verkauf). Üblicherweise leihen sich die Leerverkäufer dafür die entsprechenden Aktien von Großaktionären gegen Zahlung einer Gebühr (beispielsweise von Investmentfonds).

Tritt die Erwartung des Leerverkäufers ein und die Kurse purzeln kräftig, dann stellt er durch den günstigeren Rückkauf der Aktien (hier spricht man von Eindeckung der Leerverkäufe) seinen Gewinn sicher.

Short-Attacke: Worum geht es dabei?

Wirecard wurde nun schon zum dritten Mal in den letzten 9 Jahren von einer Short-Attacke heimgesucht. Hier ein einfaches Rezept für eine erfolgreiche Durchführung:

Man mache eine völlig unbekannte Research-Internetseite auf. Dann stelle man dort eine Studie über ein börsennotiertes Unternehmen ein, die diesem betrügerische Geschäfte oder Manipulation vorwirft – nicht selten auch ohne einen Beweis dafür zu liefern.

Abschließend rundet man das Ganze mit einer Verkaufsempfehlung und einem massiv unter der aktuellen Notierung liegenden Kursziel ab. Ach ja, nicht vergessen:

Vor dieser Aktion natürlich noch jede Menge Aktien des zu verunglimpfenden Unternehmens leerverkaufen. Nur so kann man schließlich beim darauf folgenden Kurssturz auch so richtig absahnen.

Sie meinen, das sei illegal? Na klar ist es das. Aber genau so lief es in der Vergangenheit bei mehreren Aktiengesellschaften ab. Neben Wirecard gehören Ströer und Aurelius zu den bekannteren Betroffenen.

Der eigentliche Skandal

Der eigentliche Skandal ist: Die hier gefragte Börsenaufsicht BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) ist relativ machtlos.

Natürlich schreitet die BaFin bei solchen Short-Attacken ein. Das Problem ist allerdings:

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Rechtlich muss erst einmal der Nachweis einer Finanzmanipulation erbracht werden. Das ist zum einen nicht ganz einfach und zum anderen sehr zeitaufwändig. Für die betroffenen Aktionäre ist das regelmäßig wenig befriedigend.

Immerhin empfahl die BaFin schon am 15. Mai 2017 zum Thema Short-Attacken:

„Die BaFin rät Anlegern daher, vor der Veräußerung oder dem Erwerb von Finanzinstrumenten sehr genau zu prüfen, wie seriös die Angaben in den verbreiteten Stellungnahmen sind. Sie sollten sich über die betroffenen Finanzinstrumente auch aus anderen, verlässlichen Quellen informieren, bevor sie ihre Anlageentscheidung treffen.“

Das ist natürlich ein richtiger Rat und eine gut gemeinte Empfehlung. Nur nützt Sie den von einer Short-Attacke betroffenen Aktionäre so gut wie gar nichts:

Schließlich gibt es (leider) immer genügend Aktionäre, die diese Empfehlung aus Unkenntnis oder Unerfahrenheit nicht befolgen. Vergessen wir auch nicht, dass auf den betroffenen Aktionären angesichts des plötzlichen Kursrutsches ein immenser Entscheidungsdruck lastet.

Kursverluste sind mittels Charttechnik weitgehend vermeidbar

Was indes bleibt: Die Wirecard-Aktie ist einmal mehr ein Beleg dafür, dass der jüngste Kursverlust vermeidbar war. Die Gründe dafür spielen nach einem Blick auf die Charttechnik letztlich nur noch eine untergeordnete Rolle:

Wirecard: Auch dieser Kurseinbruch war durch Charttechnik vermeidbar

Der Monats-Chart offenbart, dass der Anstieg der Wirecard-Aktie spätestens seit Mai 2018 völlig überzogen war: Der gelbe Kreis unterlegt, dass die Notierung seinerzeit aus dem seit 2003 gültigen Aufwärtstrend-Kanal nach oben ausgeschert war. Eine erste Mahnung zur Vorsicht.

Doch schon im Monat nach der Ausbildung des letzten Allzeithochs im September 2018 generierte der 14-Monats-Relative Stärke Index (RSI) ein massives langfristiges Verkaufssignal (blaue Vertikale)!

Aktionäre hätten aufgrund dieses Signals bequem und mit sehr gutem Gewinn zum ersten Kurs von 165,35 Euro im November 2018 aussteigen können!

Fazit

Als von der Short-Attacke betroffener Wirecard-Aktionär können Sie sich darüber – natürlich zu Recht – aufregen. Am Ergebnis ändert das allerdings leider nichts.

Aktien sind und bleiben nun einmal Risiko-Papiere. Das hat uns der Fall Wirecard wieder einmal bewusst gemacht.

Aufregen nützt auch deshalb nichts, weil es derartige Short-Attacken auf einzelne Aktien-Ziele weiterhin geben wird. Sie lassen sich in aller Regel erst sehr viel später von einer Börsenaufsicht aufklären – in der Hoffnung, dass die Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden können.

Der Rat der BaFin, im Falle einer solchen Short-Attacke die Ruhe zu bewahren und den Vorgang zu prüfen, der zum Kursabsturz führte, ist gut gemeint, aber wenig ergiebig.

Als Wirecard-Aktionär würde es mir allerdings auch Kopfzerbrechen bereiten, dass die mit den Short-Attacken verbundenen Manipulationsvorwürfe schier kein Ende nehmen. Ist am Ende womöglich doch Feuer, wo Rauch ist …?

Wenn Sie mit Charttechnik arbeiten, kann Ihnen das aber auch relativ egal sein. Mein hier in Chartanalyse-Trends immer wieder einmal geäußerter Rat lautet:

„Vorbeugen ist besser als reinfallen!“ Mit Hilfe der Charttechnik können Sie sich viele Kursverluste ersparen, weil diese sich weit überwiegend schon vorher ankündigen.

Das ist selbstverständlich keine Garantie. Aber beim Handeln mit Aktien geht es darum, VOR einem Einstieg die höchstmögliche Wahrscheinlichkeit für einen Investment-Erfolg sicherzustellen!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.