Woche der Notenbanken

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Die Europäische Zentralbank hat sich just geäußert. Die US-Notenbank folgt morgen. Wird alles gut für die Aktienmärkte? (Foto: Deutsche Börse AG)

Die Aktienmärkte blickten im Vorfeld ein wenig sorgenvoll auf 2 der bedeutendsten Notenbanken der Welt: Die Europäische Zentralbank (EZB) und die amerikanische Federal Reserve Bank (FED).

Die Mitglieder des US-Pendants beraten sich morgen und werden am Abend gegen 20 Uhr MEZ etwas über ihre Pläne preisgeben. EZB-Chef Mario Draghi äußerte sich heute früh auf einer Konferenz seines Hauses.

Wir schauen auf die Voraussetzungen der Zinspolitik beider Staaten, auf die Pläne bzw. Möglichkeiten sowie auf die wahrscheinliche Reaktion der Aktienmärkte.

Aktueller Stand der Geldpolitik

Während EZB-Chef Mario Draghi noch immer einen Kurs der Nullzinspolitik fährt, ist die amerikanische Notenbank davon schon im Dezember 2015 abgerückt:

Der Leitzins, die sogenannte Fed Funds Rate, wurde von damals 0,00% bis 0,25% in diversen 0,25%-Trippelschritten bis auf das derzeit gültige Niveau von 2,25% bis 2,50% gehievt.

US-Notenbank-Chef Jerome Powell war im April von dem noch im Dezember 2018 geäußerten Kurs abgerückt, die Fed Funds Rate in 2019 noch 2x anzuheben: Er würde angesichts der US-Konjunktur vorerst in der Leitzinspolitik behutsamer vorangehen.

US-Renditen weiter auf Rückzug

Das verlieh der Wall Street noch einen letzten Schub auf das Jahreshoch Anfang Mai. Und der Rentenmarkt reagierte darauf mit einer Fortsetzung des Ende 2018 begonnenen  Renditerückgangs.

Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen weiter im Rückwärtsgang

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die beiden letzten Kursbalken dieses Monats-Charts lenken: Wie Sie sehen, ist die Rendite im Mai nochmals kräftig abgerutscht und hat im bisherigen Juni-Verlauf sogar ein neues Jahrestief erreicht.

Die Investoren scheinen also weniger mit einer negativen Überraschung durch die FED zu rechnen. Das wäre dann gewiss eine Erleichterung für die Aktienmärkte.

Mario Draghi sorgt für gute Laune der Investoren

In Europa, so könnte man meinen, ist hingegen kein Spielraum mehr für erfreuliche Maßnahmen: Der Leitzins ist bereits bei 0%.

Dennoch sorgte Mario Draghi heute früh für gute Laune: Angesichts des sich eintrübenden Wirtschaftsausblickes sei eine (erneute) Lockerung der Geldpolitik denkbar. So könnte das eigentlich beendete Anleiherückkaufprogramm wieder aufgenommen werden. Wir erinnern uns:

Das Anleiherückkaufprogramm der EZB

Die EZB kaufte ab April 2016 pro Monat für 60 Mrd. Euro (bis März 2017 sogar für monatlich 80 Mrd. Euro) private und öffentliche europäische Anleihen auf, die von Anlegern und Banken verkauft werden.

Dadurch wurde das vorhandene Angebot abgeschöpft und ein Zusammenbruch des Anleihemarktes verhindert. Insgesamt hatte die Notenbank am Ende des Jahres 2017 rund 2,28 Billionen Euro für das Rückkaufprogramm aufgewendet (Quelle: Wikipedia).

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Im Oktober 2017 verlängerte die EZB das Anleiherückkaufprogramm bis September 2018. Seit Januar 2018 lief das Programm mit einem auf 30 Mrd. Euro halbierten monatlichen Volumen.

Ab Oktober 2018 wurde das Programm ein weiteres Mal prolongiert und die Käufe nochmal um -50% auf 15 Mrd. Euro pro Monat gesenkt. Mit Ablauf des Dezembers 2018 wurde das Anleiherückkaufprogramm der EZB offiziell beendet.

Freudensprung im DAX

Der DAX reagierte auf die Draghi-Ankündigung heute mit Erleichterung: Der deutsche Leitindex kletterte bis zum Mittag um +1,3% auf knapp 12.240 Punkte.

Schauen wir doch auch gleich einmal auf die aktuelle Charttechnik:

DAX: Wie es nun weitergehen sollte

Die mittelfristige 50-Tagelinie dient in Aufwärtsbewegungen häufig als Unterstützung (gelbe Kreise). Am 3. Juni 2019 war es der langfristige Trend, die 200-Tagelinie, die den DAX auffing.

Vor 7 Tagen hatte ich Ihnen dazu geschrieben:

„Das gibt aus charttechnischer Sicht sogar noch mehr Zuversicht: Denn immerhin hat der DAX exakt an dieser langfristigen Trendlinie seinen Abschwung abgebremst und anschließend die Wende nach oben eingeleitet. Das wiegt schwerer als derselbe Vorgang an der mittelfristigen Tagelinie.“

Sie sehen: Nun hat die 50-Tagelinie wieder ihre Unterstützungs-Funktion aufgenommen. Entscheidend wird jetzt sein:

Der DAX muss wieder in den alten Aufwärtstrend hinein und ein neues Jahreshoch markieren. Gelingt es ihm, das alte Top bei 12.435,67 Zählern zu überwinden, kann die Aufwärtstrendlinie neu justiert werden – das habe ich für Sie mal mit der gestrichelten grünen Linie vorweggenommen.

Fazit

Die Sorgenfalten im Vorfeld der Notenbank-Konferenzen in dieser Woche haben sich mit der heutigen In-Aussicht-Stellung der Wiederaufnahme des EZB-Anleiherückkaufprogramms von Mario Draghi erst einmal deutlich entspannt – zumindest hier in Europa und abzulesen an der DAX-Rallye.

Für die Wall Street zeichnet sich indes ein ähnliches Szenario ab: Denn die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen will offensichtlich weiter nach unten. Dementsprechend erwarten die Großinvestoren mutmaßlich auch keinen (erneuten) abrupten Kurswechsel in der US-Geldpolitik.

Das dürfte dann auch den US-Aktien weiteren Auftrieb verleihen.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.