ZEW-Prognosetest: Expertenerwartungen für das 1. Halbjahr

Ein neues Jahr bringt regelmäßig zahlreiche Prognosen mit sich. Im Bereich des Aktienmarktes sind diese Vorhersagen bei Investoren besonders beliebt.

Wenn derlei Prognosen von Börsenexperten besonders übel ausfallen, dann gleichen sie meist mehr Prophezeiungen. Nicht umsonst wird diese, zum Glück kleine Schar von Analysten, im Volksmund gerne als „Crash-Propheten“ bezeichnet.

Prognosen unterscheiden sich von Prophezeiungen indes gewaltig. So gleichen Prophezeiungen mehr Weissagungen. Überdies haben sie nicht selten einen religiösen Hintergrund und werden zumeist ohne konkretes zeitliches Ziel gemacht, in dem sie eintreffen sollen.

Prognosen hingegen basieren regelmäßig auf Fakten, die aufgrund unterschiedlichster Methoden wie beispielsweise Messungen oder Simulationen, aber auch aufgrund von Erfahrungswerten erhoben werden (können).

Die Vorhersagen sollen dann, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, zu einem vorgegebenen Zeitpunkt oder innerhalb eines Zeitraumes eintreffen oder zumindest der Realität nahe kommen.

Menschen „lieben“ Prognosen …

Wir Menschen „lieben“ Prognosen. Das gilt besonders dann, wenn wir uns auf Feldern bewegen, die uns weniger vertraut sind. Vorhersagen gaukeln uns nämlich ein Gefühl von Sicherheit vor, da sie in der Regel von Experten auf jenen Gebieten stammen – und die „müssen“ sich ja wohl auskennen!

Erfahrenere Börsianer nutzen Prognosen auch sehr gerne, um sie mit ihren eigenen Einschätzungen oder Überzeugungen abzugleichen. Auch das vermittelt mehr „Sicherheit“, wenn die eigene Ansicht Bestätigung findet.

Banken sind als Prognostiker auf dem Feld der Börse allgemein anerkannt. Schließlich bewegen sich die Herren Banker tagein, tagaus in „ihrem“ Metier: Sie betreiben beispielsweise Eigenhandel und verwalten die Vermögen ihrer Kunden.

Das ZEW, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, befragt seit dem Jahr 2001 quartalsweise 21 dieser Banken nach ihren Prognosen zu den „6 wichtigsten Finanzmarktgrößen in Europa“.

… nur leider treffen sie selten ein

Bank-Prognosen und Realität weichen indes häufig signifikant voneinander ab. Die in meinem gestrigen Beitrag untersuchten und vom ZEW zusammengetragenen Voraussagen für den 31.12.2014 vom Juni und September desselben Jahres haben das wieder einmal belegt:

Während die Prognosen zu DAX 30 und Euro / $ schon recht ordentlich differierten, lagen die Banker bei ihrer Einschätzung des Ölpreises völlig daneben – und zwar „durch die Bank“ (das Wortspiel musste jetzt kommen) alle!

Die niedrigsten Schätzungen wurden mit 102 USD je Barrel (bei der 6-Monats-Prognose) bzw. 95 USD (3-Monats-Prognose) angegeben. Tatsächlich stürzte der Ölpreis in den Prognose-Zeiträumen von 113,26 USD auf zunächst 97,81 USD und dann auf 58,29 USD ab!

Warum Extrem-Prognosen eher selten sind

Wie ist es möglich, dass hier keine der prognostizierenden 18 Banken auch nur annähernd an die reale Entwicklung herankam? Meiner Erfahrung nach geben die Banken höchst ungerne Worst-Case oder Best-Case-Voraussagen ab. Der Grund:

Es ist wie mit dem Beispiel der „Jahrhundert-Flut“. Derartige Szenarien haben eine geringere Wahrscheinlichkeit des Eintretens. Doch auch wenn die letzte Jahrhundert-Flut erst 40 oder 50 Jahre zurückliegt, ist es dennoch möglich, dass wir in diesem oder dem kommenden Jahr von einer zweiten Jahrhundert-Flut überrascht werden.

Doch eine solche – ja eher wenig wahrscheinliche und vom allgemeinen Konsens stark abweichende – Prognose abzugeben und in der Realität dann am Ende völlig daneben zu liegen, davor scheuen die Bank-Experten offensichtlich zurück. Das ist natürlich hanebüchen, denn:

Das Ergebnis ist ja, wie wir am Beispiel des Ölpreises gesehen haben, ein ähnliches. Der wichtige Unterschied ist indes: Für das Image ist es einfach besser, wenn alle Banken unisono „falsch“ lagen, als nur eine Bank allein.

Überdies ist es selbstverständlich so, dass keine (Börsen-)Prognose mit einer „Erfüllungs-Garantie“ daherkommt. Wenn Banken also 500 DAX 30-Punkte danebenliegen – wie zum Jahreswechsel – was soll’s?

Daher sollten Sie Finanzmarkt-Prognosen im Allgemeinen und die der Banken im Besonderen stets unter diesen Aspekten sehen und bewerten.

3-Monats-Prognose der Banken

Hier nun die Prognosen der von ZEW befragten Banken für die vor uns liegenden Stichtage. Starten wir mit der 3-Monats-Prognose:

zew-3-monats-prognosen für stichtag 31.03.2015-13-01-2015

ZEW 3-Monats-Prognosen der Banken: HeLaba wagt Alleingang beim DAX 30 (Quelle: ZEW)

Im Lichte meiner vorangegangenen Überlegungen ist es erstaunlich, dass die Hessische Landesbank (HeLaba) mit ihrer Einschätzung nicht nur extrem (fast 1.100 Punkte) vom Ausgangswert am 19.12.2014 abweicht. Sie liegt überdies damit noch fernab (1.250 Zähler) vom Konsensus.

Das ist bemerkenswert, schließlich reden wir hier über eine 3-Monats-Voraussage!

6-Monats-Prognose der Banken

Schauen wir zum Abschluss noch auf die 6-Monats-Prognose:

zew-6-monats-prognosen für stichtag 30.06.2015-13-01-2015

ZEW 6-Monats-Prognosen der Banken: HeLaba mit der pessimistischsten DAX 30-Einschätzung (Quelle: ZEW)

Auch hier gibt die HeLaba für den DAX 30 mit 8.900 Punkten die pessimistischste Vorhersage ab. Interessant ist zudem, dass in beiden Prognosen-Zusammenfassungen der Höchstwert für den deutschen Leitindex bei 10.700 liegt.

Meine Einschätzung ist: Sollte der DAX 30 nach den unzähligen fehlgeschlagenen Anläufen des vergangenen Jahres, die Marke von 10.050 (endlich) hinter sich lassen können, dann werden wir vermutlich schneller die 10.700 fallen sehen, als Sie sich heute vorstellen mögen!

Und das ist keine Prophezeiung!

13. Januar 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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