Zinsen: Die Angst vor der Stunde Null

Angst vor der Zinswende: Die Chancen sinken, dass die US-Notenbank bereits im September die Zinsen erhöht. (Foto: Piotr Swat / shutterstock.com)

Der deutsche Leitindex DAX konnte heute leicht zulegen und kletterte auf 10.188 Punkte.

Bei den Einzelwerten überzeugten die gestern von mir hier im „Schlussgong“ empfohlenen Autobauer.

Grund für die heutigen Kurssteigerungen: Der EU-Automarkt ist im August überraschend stark um 11,2% gewachsen.

Seit Jahresbeginn liegt das Plus bei 8,6%. Damit deutet sich an, dass der europäische Automobilmarkt die kurzfristige Schwächephase des chinesischen Marktes abfedern kann.

Auf der Verliererseite standen die Energieversorger Eon und RWE. Einige Medien berichten, dass es in der Branche ein gewaltiges Finanzierungs-Loch gibt.

So sollen noch Rückstellungen in Höhe von rund 30 Mrd. € für AKW-Altlasten fehlen.

Hoffnung auf spätere Zinserhöhung sorgt für gute Stimmung

In den USA sorgten etwas schwächere Konjunkturdaten zu Handelsbeginn für gute Stimmung.

Das klingt verrückt, hat aber folgenden Hintergrund: Läuft die Konjunktur nicht ganz so rund, könnte die US-Notenbank Fed die an sich für September geplante Zinserhöhung noch einmal um 3 oder 6 Monate verschieben.

Ich möchte dazu vorab sagen: Die Angst vor der Zinserhöhung ist ein Trauerspiel. Ein Geldsystem kann in einer Marktwirtschaft nur funktionieren, wenn es marktgerechte Zinsen gibt.

Wird der Leitzins über Jahre bei 0% festgenagelt, ist das kein Grund zu jubeln (auch nicht an der Börse), sondern ein Zeichen dafür, wie krank unser Geldsystem ist.

Jetzt gehe ich noch kurz auf die Gründe ein, warum so viele Börsianer aktuell Angst vor Zinserhöhungen haben:

Zinserhöhung – das unbekannte Wesen

Am Mittwoch und Donnerstag beraten die Fed-Mitglieder um Notenbank-Chefin Janet Yellen darüber, ob die Zinsen minimal erhöht werden können.

Da die US-Wirtschaft um rund 3% pro Jahr wächst und die Arbeitslosen-Quote zuletzt Richtung 5% gefallen ist (wobei die tatsächliche Lage am US-Arbeitsmarkt weniger rosig aussieht), muss die Fed an sich mit der Zinswende starten, wenn die Notenbanker nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren wollen.

Doch seit Wochen nimmt der Druck auf die Fed-Mitglieder stetig zu: Die 0-Zins-Politik soll fortgesetzt werden. Rationale Gründe lassen sich für eine Fortsetzung der aktuellen Geldpolitik kaum finden.

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Die US-Wirtschaft, der Arbeitsmarkt und die US-Währung sollten mit mehreren kleinen Zinsschritten Richtung 1% gut leben können.

Vor 20 oder 30 Jahren wäre der erste Zinsschritt in einer ähnlichen Lage deutlich früher erfolgt. Was spricht im Jahr 2015 gegen die Zinswende?

Das Finanzsystem hat sich an die 0-Zins-Politik gewöhnt!!! Seit Dezember 2008 liegt der Leitzins bei 0%. Die letzte Zinserhöhung gab es im Juni 2006. Aus der „Notfallmaßnahme“ wurde ein Dauerzustand.

Ein Banker, der heute 25 bis 30 Jahre alt ist, hat in seiner beruflichen Laufbahn wahrscheinlich noch nie eine Zinserhöhung erlebt. Wie reagieren diese Marktteilnehmer auf den ersten Zinsschritt? Vor dieser Frage haben viele Investoren Angst.

Und es geht so weiter: Wie reagieren die automatischen Computerhandelssysteme, wenn zum 1. Mal seit Programmstart Zinsen erhöht werden und der 0-Zins-Bereich verlassen wird? Auch vor dieser Frage haben viele Anleger Angst.

Die Befürchtung der Investoren: Die Märkte sind ohnehin nervös (erst die Griechenland-Krise, jetzt die China-Panik), und dann ausgerechnet in dieser Phase das Experiment Zinserhöhung.

Der Traum: eine Zinserhöhung, wenn die Märkte etwas ruhiger sind.

Schnelle Entscheidung wäre besser

Ich sehe die Sorgen der Zinserhöhungs-Gegner, würde aber dennoch eine schnelle Zinswende bevorzugen – und das aus 2 Gründen:

Zum einen ist völlig unklar, ob die Märkte im Dezember 2015 oder März 2016 ruhiger sind als heute. Den „perfekten“ Markt für Zinserhöhungen wird es nie geben.

Zum anderen halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die gesamte Zinsangst innerhalb von wenigen Tagen verpufft.

Im Dezember 1999 war es ähnlich: Damals gab es eine große Nervosität, weil niemand wusste, ob alle Computersysteme den Sprung von 1999 auf 2000 schaffen.

Auch damals gab es Crash-Propheten. Anfang Januar 2000 war klar, dass die Welt nicht untergeht.

Ich gehe aber davon aus, dass den Fed-Mitgliedern der Mut fehlt, eine klare Entscheidung zu treffen. Die 0-Zins-Phase geht dann noch weiter. Das Geldsystem wird darunter leiden.

Eine Konsequenz: Ich stelle Ihnen in den nächsten Tagen und Wochen einige Gedanken zum Thema Gold vor. Wenn das Papiergeldsystem weiter schwächelt, sollten Sie sich als Anleger auch mit Gold auskennen.


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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.