Am Kliff hilft nur die „Bungee-Taktik“

„Erst der Crash von 1987, dann der Millenium-Bug, schließlich das Debakel mit den Schulden-Verhandlungen 2011.“

Reuters zählte am Wochenende die Zombie-Ereignisse der vergangenen Jahre auf, um eine gute Botschaft für die Börsianer in New York abzusetzen: Was als Krise begann, oder befürchtet wurde, endete stets als gute Kauf-Gelegenheit.

Das soll heißen: Auch diesmal, beim Fiskal-Kliff in Washington, wo 607 Mrd. Dollar mehr Steuern und weniger Ausgaben die Konjunktur bedrohen, soll alles gut enden.

So recht wollen Anleger und Investoren das bisher nicht glauben. Der S&P 500 verlor in der vergangenen Woche 1,5%. Der DOW und die Nasdaq fielen 1,8%.

Das konnte auch der Freitag nicht ändern. Da machten die Aktienkurse mitten in der Börsensitzung eine Kehrtwende, und stiegen nach anfänglichen Verlusten doch noch leicht in die Pluszone.

Spar-Verhandlungen: Trügt die gute Stimmung?

Was war passiert ? – Die Verhandlungsführer von Demokraten und Republikanern, die im Weißen Haus am Freitag früh die erste Verhandlungsrunde über ein Sparpaket abhielten, gaben positive Einschätzungen über einen möglichen Kompromiss zu Protokoll.

Das war genau das, was die Börsianer hören wollten.

Doch die Kursgewinne waren bescheiden, die Stimmung bleibt angeknackst. Den Bullen an der Wall Street reicht das jedoch, um neue Hoffnung zu schöpfen.

Sie verweisen auf die kräftigen Korrekturen, die es bereits gegeben hat, seit der S&P 500 an den sieben Handelstagen, die auf die Wiederwahl von Barack Obama folgten, 5% verlor.

Erst vor einem Monat war der S&P mit einem Zuwachs von 17% auf dem Weg gewesen, 2012 zu seinem zweitbesten Jahr im jüngsten Jahrzehnt zu machen.

Und jetzt ? Jetzt hat sich der Zuwachs des Index im laufenden Jahr auf 8% halbiert.

Besonders gelitten haben Aktien, die im Monat vor der Wiederwahl von Obama stark zulegen konnten.

General Electric hat seit dem kürzlichen Zwischenhoch 14% eingebüßt, Google verzeichnet einen Verlust von 16%. Apple ist sogar 25% abgeschmiert.

Obwohl die Hoffnung auf eine baldige Einigung bei den Sparverhandlungen in Washingtom am Freitag Auftrieb erhielt, ist doch zu großer Vorsicht zu raten.

Die Anhebung der Steuern für Kapitalerträge und Dividenden ist so gut wie sicher. Und Obama ist wild entschlossen, das amerikanische Steuersystem progressiver zu gestalten.

Das kann an den Aktien in so dünner Höhenluft nicht spurlos vorbeigehen.

Mehr Steuern für die Reichen sind das erste und oberste Verhandlungsziel des Präsidenten.

Diesmal hat er bessere Chancen das durchzusetzen. Denn wenn es bis zum 31. Dezember keine Einigung mit den Republikanern gibt, steigen die Steuern, die George W. Bush für die Topverdiener einst gesenkt hatte, automatisch wieder an.

Das wollen die Republikaner nicht und werden daher mehr Kompromissbereitschaft zeigen.

Doch es wird, wenn die Einigung kommt, auch kräftige Einpsarungen geben, die die zerbrechliche Erholung schwächen werden.

Und die Firmengewinne hatten schon im dritten Quartal leicht den Rückwärtsgang eingelegt. Das könnte sich angesichts schwächerer Weltkonjunktur und den anstehenden Veränderungen in Washington noch verstärken, wenn ab Januar die Ergebnisse für das 4. Quartal 2012 vorgelegt werden.

Börsenwoche ist verkürzt, wegen Thanksgiving

Gut ist, dass der Kongress für einen Sparkompromiss am kommenden Thanksgiving-Wochenende Überstunden macht, um eine Lösung zu finden.

Gut ist auch, dass der Relative-Stärke-Index des S&P 500 in der vergangenen Woche unter 30 fiel und damit überverkaufte Märkte signalisiert.

Die Bullen können also in dieser neuen Woche auf eine kleine Erholung zählen. – Doch lange dürfte die nicht anhalten.

Sie könnte ebenso gar nicht kommen, wenn der Konflikt im Nahen Osten eskaliert, wenn es neue schlechte Nachrichten aus Europa gibt, oder wenn aus den Schulden-Gesprächen in Washington Nachrichten von den ersten Streitereien kommen.

Wenig Umsatz, wenig Kursbewegung? – Das könnte täuschen

Die neue Woche in New York ist auch verkürzt. Am Donnerstag wird wegen Thanksgiving nicht gehandelt. Am Freitag steht ein verkürzter Handelstag an.

Das heißt weniger Umsatz, und wahrscheinlich auch kleine Kursbewegungen.

Sollte sich der Aktienmarkt auch nur stabilisieren, wäre das in den Augen vieler schon eine positive Nachricht.

„Was ich diesmal tun werde, ist genau das, was wir im Sommer 2011 während der Schulden-Verhandlungen auch schon gemacht haben“, erklärt Brian Reynolds, Chefstratege beim Brokerhaus Rosenblatt Securities in New York: „Je niedriger die Kurse, desto mehr kaufe ich nach.“

Eine Bungee-Seil-Methode sozusagen.

Viele Börsianer vertrauen darauf, dass fallenden Kursen ziemlich bald eine ähnlich kräftige Aufwärtsbewegung folgen wird.

Diese Psychologie dürfte zunächst einmal weitere Kursrückgänge in New York begrenzen.

Aber politische Einflüsse könnten die Stimmung schnell weiter eintrüben. – Vorsicht ist angebracht.

Für Anleger heißt das: Die Depots vorerst lieber klein halten.

19. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.