Bernanke zieht nicht mehr

Ben Bernankes Geldpolitik hat viel von ihrer Magie eingebüßt.

Der oberste Geldhüter der USA kündigte am Mittwoch an, ab dem kommenden Monat jeweils für 85 Milliarden Dollar Anleihen zu kaufen.

Das ist mehr als eine Verdoppelung der laufenden Operation Twist.

Außerdem sollen die rekordnierigen Zinsen so lange am Boden bleiben, bis die Inflation auf über 2,5% steigt, oder die Arbeitslosigkeit auf 6,5% sinkt. Derzeit liegt sie bei 7,7%.

Der Chef des weltweit größten Anleihefonds, Mohamed El-Erian, schätzt daher, dass die Minzinsen bis mindestens 2016 eingefroren bleiben.

Der DOW Jones Index legte nach dieser Nachricht in der zweiten Hälfte der Sitzung in New York zunächst um 80 Punkte zu.

Doch dann passierten zwei Dinge, die den Bullen in New York gar nicht in dem Kram passen.

Fed korrigiert US-Wachstum nach unten

Erstens musste Bernanke in seiner Pressekonferenz einräumen, dass es mit der US-Wirtschaft gar nicht gut bestellt ist.

Der Fed-Chairman dämpfte seine Wachstums-Prognose für die US-Wirtschaft im Jahr 2013 von mindestens 2,5% (vom September) auf jetzt nur noch 2,3 bis 3,0%.

Im Klartext heißt das: Die Fed macht genau das, was die Experten vorhergesagt hatten. ABER: Sie gibt zu, dass die Lage noch viel weniger rosig ist, als bisher eingeräumt.

Zweiter Querschuss gegen die Optimisten in New York: John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses – und Obamas Gegenspieler in den Budget-Verhandlungen – sieht in den anhaltenden Gesprächen „ernsthafte Differenzen.“

Das riecht ganz nach einem Nervenkitzel zum Jahresende, wenn sich die beiden streitenden Parteien in Washington auf einen Kompromiss geeinigt haben müssen.

Denn sonst kommen automatische Einsparungen und Steuererhöhungen von mehr als 600 Milliarden Dollar – und damit die Gefahr einer erneuten Rezession.

Warum halten sich dann die Aktien an der Wall Street so wacker ?

Weil Psychologie im Spiel ist.

Die Erklärung dazu stammt von David Kelly, dem Strategiechef bei JP Morgan Funds in New York.

„Die Anleger wollen nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn Barack Obama und John Boehner aus dem Weißen Haus heraus marschiert kommen und einen Deal verkünden.“

Aha ! Die Angst, eine saftige Rally zu verpassen. Das ist es, was den Markt stabilisiert. Und nicht die Fed, die sich stark bemüht, aber nicht mehr viel Magie beweist.

Wie dringend ein Kompromiss bei den Budget-Verhandlungen ist, haben wir gestern wieder eindringlich gesehen.

Das Etat-Defizit im US-Bundeshaushalt schoss im November um satte 25% auf 172 Milliarden Dollar in die Höhe. Das ist der Fehlbetrag für einen Monat, wohlgemerkt.

Die Angst, eine Rally zu verpassen, stabilisiert den Aktienmarkt

Und das heißt: Die USA sind auf dem direkten Weg, auch im fünften Jahr in Folge ein Haushalts-Defizit von mehr als 1.000 Milliarden Dollar zu produzieren.

Das bedeutet: Ohne Spar-Kompromiss drohen nicht nur die schmerzhaften automatischen Einsparungen und Steuererhöhungen Anfang 2013, sondern auch noch zusätzlich eine Verhärtung der Streitpositionen in Washington.

Und das zu einer Zeit, in der pragmatische und wenig ideologische Lösungen gefragt wären.

Für die Börsianer heißt das, der Rahmen, in dem Aktien und Anleihen gekauft und verkauft werden, wird noch unruhiger und volatiler.

Das gilt vor allem für 2013, wenn das Land ganz früh gleich wieder an der Schuldendecke anstößt und Obama einen umstrittenen Haushalt einbringen muss.

Wir hören schon wie die Analysten der Ratingagenturen auf ihren Taschenrechnern trommeln, um auszurechnen, wann das nächste Downgrade angekündigt wird.

Das ist der Grund, warum zur Wochenmitte selbst Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein vor dem Platzen der Kurs-Blase am Anleihemarkt gewarnt hat.

13. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.