DOW gleicht Verluste seit der Wahl aus

Die Wall Street ist mutig: Sie hofft auf den Anästhesisten, während der Arzt für die Operation noch fehlt.

So kann man die Lage an der Wall Street zur Wochenmitte beschreiben.

Denn die Anleger treiben die Kurse nach oben, weil sie auf ein weiteres Kaufprogramm der US-Notenbank für Anleihen hoffen.

Die Fed tagt seit gestern bis heute und könnte in der zweiten Hälfte der Börsensitzung weitere Anleihekäufe für 2013 ankündigen, um mit niedrigen Zinsen die wachsende Schuldenlast der USA abzufedern.

Die Fed betäubt wie ein Anästhesist bei der OP die Schmerzen, indem sie die Zinsen am Boden hält, während der behandelnde Arzt – Obama und der Kongress – sich bei ihren Verhandlungen noch kein Skalpell gefunden haben, um das Schulden-Geschwür abzuschneiden.

DOW gleicht Verluste seit Präsidentenwahl aus

Der DOW kletterte gestern 0,6% und hat damit praktisch die Verluste seit der Präsidentenwahl am 6. November ausgemerzt.

Der S&P 500 legte ebenso stark zu. Der Nasdaq 100 verzeichnete sogar ein Plus von 1,2%.

Wie gestern hier an dieser Stelle gesagt: Die Tech-Titel sammeln neue Kraft.

Am Dienstag meldete sich in Washington der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, zu Wort. Er sagte, er habe noch immer Hoffnung auf einen Kompromiss bei den schwierigen Spar-Verhandlungen.

Die führenden Aktien-Indizes zogen darauf hin bis über 1% an.

Sie gaben wieder die Hälfte dieses Gewinns ab, als Boehners Gegenspieler im Senat, Harry Reid, darüber klagte, die Republikaner hätten noch gar keine Details über ihre Verhandlungs-Position auf den Tisch gelegt.

Die Börsianer irritiert das (bisher) kaum. Sie hoffen darauf, dass das Drängen der Wirtschaft, die steigende Steuern sowie sinkende Investitionen und schwachen Konsum befürchtet, genügend Druck auf die Verhandlungs-Parteien macht.

„Es gibt Spekulationen, dass die Verhandlungen Fortschritte machen, weil beide Seiten noch miteinander reden“, sagt auch Walter Todd, ein Fondsmanager bei Greenwood Capital Associates in South Carolina.

Der S&P 500 hat im laufenden Dezember 0,8% zugelegt. Das bedeutet ein Plus im laufenden Jahr von 14%.

Heute richten sich in New York alle Augen auf die Notenbanker. Erwartet wird von führenden Analysten, die Bloomberg befragte, eine Ausdehnung der Anleihekäufe von 40 Mrd. Dollar monatlich im Rahmen der Operation Twist, die an Silvester ausläuft, auf 45 Mrd. Dollar.

Die Optimisten an der Wall Street schauen derzeit auf die Bilanzen der Firmen. Dort sehen sie nicht zuerst die neuerdings stagnierenden Gewinnmargen, sondern 1.700 Mrd. Dollar Cash auf der hohen Kante, die noch nicht investiert sind.

Spar-Kompromiss – Investitionsschub – Konsumschub

Die Logik geht so: Einigen sich die beiden großen Parteien in Washington in den nächsten Wochen auf einen Kompromiss, selbst wenn das ein paar Tage in den Januar hinein gehen sollte, dann könnte sich ein Schub von Investitionen entladen.

Anleger und Investoren würden diesem Szenario zufolge mit einer Rally am Aktienmarkt antworten.

Munition und Unterstützung für das Lager der Optimisten kam am Dienstag von der Konjunkturseite, nicht nur aus Deutschland.

Im Oktober nahm die Zahl der ausgeschriebenen Jobs in der US-Wirtschaft um 128.000 auf jetzt 3,68 Millionen zu.

Das ist die Basis für mehr Einkommen und damit Konsum, der in den USA stetig 70 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Leistung beiträgt.

Noch treibt Hoffnung die Kurse in New York – bis Silvester müssen Fakten hinzu kommen, um einen weiteren Kursanstieg zu rechtfertigen.

12. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.