Fintech-Gründer: ICOs sind Show Business auf Steroiden

ICO – in diesem Kürzel vereinen sich gleich zwei Fantasien vom großen Geld: Startups und Cryptowährungen. ICO steht für Initial Coin Offering und bedeutet Öffentliches Angebot einer Digitalwährung. Seit den Höhenflügen von Bitcoin, Ripple und Co. tauchen immer mehr davon auf, ausgestattet mit unterschiedlichsten Eigenschaften und Wertversprechen.

Sie alle basieren auf Blockchain-Technologie und stehen für eine dezentrale Wirtschaft ohne Aufsichtsbehörden und Banken. Startups nutzen ICOs gern zur Finanzierung ihres Wachstums. Doch dem System sind Grenzen gesetzt, meinen die Gründer der Fintechs Monetha, Airfox und Zeus Exchange. Justas Pikelis, Victor Santos und Catherine Yushina diskutierten die Entwicklungen bei ICOs auf der Collision in New Orleans. GeVestor fasst die Einsichten zusammen:

Warum sollte man das ICO-Konzept überdenken?

Ganz allgemein sind Firmen, die Geld über ICO einsammeln, unter einem höheren Druck. Denn es gibt da draußen so viele Betrugsfälle. Man weiß nie wirklich, was passiert. Aber es ist an uns, eine neue Ära einzuläuten, eine neue Ära der Finanzierung für Fintechs und andere Unternehmen. Natürlich sehen wir, was andere hier machen, was auch im Venture Capital geschieht. Und wir nehmen das für neue Entwicklungen auf. Denn der Markt boomt.

Wie lässt sich dabei altbekannteste Fehlverhalten ausschließen?

Es gibt Sicherungsmechanismen wie Wartefristen für Mitarbeiter, die Anteile bekommen sollen. Aber es fängt schon mit der Kultur an. Das sind ganz individuelle Ansätze, um zu verhindern, dass Mitarbeiter zum Beispiel alles tun, damit der Preis für ein Token möglichst schnell hoch geht, statt die Langfrist-Vision zu verfolgen.

Firmen, die wir uns anschauen, kreiieren zum Beispiel einen Block, so dass Mitarbeiter Optionen auf eine Beteiligung bekommen, damit aber nicht handeln können. Oder es werden Dividenden-Token ausgegeben, die sie für einen festgesetzte Zeit von den Zahlungen ausschließen – nur die Investoren bekommen dann Dividende.

Ich denke, die Zukunft liegt im Smart-Contract-Prinzip. Das heißt, mit den Token wird vieles aus der alten Finanzierungswelt verknüpft. Zum Beispiel, dass bevorzugte Anteile nur bestimmte Rechte haben. So ließe sich die Anreizwirkung koordinieren. Wenn Sie jetzt in einen ICO investieren haben Sie kaum etwas Verlässliches außer vielleicht das Vertrauen in die Gründer, dass sie das Richtige tun. Ich glaube nicht, dass dieses Modell skaliert.

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Wie passt das mit einer dezentralen Wirtschaft zusammen?

Eine wirkliche Dezentralisierung in allen Anwendungen ist ziemlich utopisch. Bitcoin hat die Idee in etwa umgesetzt. Aber, wenn wir von anderen Anwendungen sprechen, sind wir in einer Art Embryonalstadium der Blockchain-technologie, wo das ganz schwer nachzubilden ist. Wir brauchen so etwas wie – ich würde nicht sagen zentralisierte Autorität – aber so etwas wie ein Einführungs- oder Eingliederungsmechanismus. Oder einen entsprechenden Anbieter, der Monetha im übrigen ist.

Das kann ich teilen. Ich meine, Kommunismus klingt gut in der Theorie, aber er funktioniert nicht. Und mit der Dezentralisierung ist es das Gleiche. Außer man hat einen reinen Benutzer- oder Zugangstoken, braucht es eine zentrale Stelle, eine Führung, einen Gründer oder ein Team, das ein Projekt nach vorn bringt und lenkt. Zum Beispiel: Ethereum ist heftig kritisiert worden, aber Vitalik, der Erfinder, treibt es immer weiter voran. So dezentralisiert die sind, so haben sie doch eine klare Roadmap. Und ich glaube, erfolgreiche Unternehmen brauchen so etwas wie einen zentralen Agenten, der die Vision vorantreibt.

Welche Rolle spielt der gesetzliche Rahmen?

Das meine ich auch, der rechtliche Rahmen ist so wichtig. Man muss alle Prozesse korrekt aufsetzen. Denn man kann einen erfolgreichen ICO durchführen. Das spielt keine Rolle, wenn man hinterher die Zuflüsse nicht zu Geld machen und die Firma ordentlich führen kann. Aber alles in allem würde ich sagen: Startups sind Show Business, und ICOs sind Show Business auf Steroiden. Betrachtet man also das Ganze unter rechtlichen Aspekten und mit Blick auf die Unternehmenssubstanz, dann werden die Barrieren für einen Börsengang und die für einen ICO sich angleichen sehen.

Was spricht dann noch für eine klassische Finanzierungsrunde?

Uns gibt es nun seit etwa drei Jahren. Wir sind zunächst mit einer klassischen Venture-Finanzierung gestartet, haben dann einen Token Sale als Series A – also Anschlussfinanzierung – gemacht. Das haben wir gemacht, weil es uns wertvoll erschien, ein Netzwerk aufzubauen. Wir wollten Menschen gewinnen, sich einzubringen – auch als Crowdfunding – um später selbst Kreditgeber über unsere Plattform zu werden. Und dass wir so eine Verwässerung des Kapitals vermieden haben, ist ein anderer Aspekt.

Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.