Jenseits der Kryptowährungen – was steckt hinter Blockchain

Wir leben im Jahr danach. Im Jahr nach dem großen Hype um Bitcoin und andere Kryptowährungen. Viele Privatanleger mussten inzwischen erkennen, dass die Blockchain-Produkte als Investments hochriskant sind. Nach unfassbaren Kurssprüngen kamen mindestens ebenso spektakuläre Abstürze. Was geblieben ist, ist die Begeisterung der Technologieexperten. Und sie war auch auf der Collision in New Orleans ungedämpft. Nicht zuletzt, weil mit Brian Behlendorf einer der Pioniere des Internets erklärte, welche Möglichkeiten über Kryptowährungen hinaus mit Blockchain verbunden sind. Behlendorf, der mit Hyperledger eines der derzeit renommiertesten Open-Source-Projekte begleitet, sieht einige Möglichkeiten. Die, mit Blockchain reich zu werden, ist es aber allenfalls am Rande.

 

Behlendorf, Executive Director, Hyperledger:

Wir haben so etwas wie die Geschichte von den zwei Städten, die gerade in der Blockchain-Welt abgeht. Also ich sage mal, Vegas und Chicago, wo ganz viel in der Öffentlichkeit passiert, die neuen Währungen aufkommen und – Sie alle kennen diesen nervigen Typ Nachbarn, der immer ganz vorn dabei ist und was am Start hat; jetzt fährt er diesen Lamborghini durchs Viertel. Also ich hab’ so einen Nachbarn – und das ist für mich Vegas, wo durchaus interessante Dinge passieren, wo auch interessante Technologie entsteht. Aber dann ist da noch Chicago. Chicago ist so etwas wie Kernland der Vereinigten Staaten, wo gehandelt wird, Lieferketten entstehen, es um die Frage geht, wie Schweinebäuche am besten transportiert werden. Hier wurde das erste Finanzzentrum Amerikas etabliert. In der Blockchain-Welt von heute gibt es diese dunkle Materie von Aktivitäten. Die können von Außenseiter-Banken kommen, Einzelgängern unter den Bildungseinrichtungen oder einzelnen Gliedern der Lieferkette in Märkten wie dem für Edelsteinen oder dem für Fischen. Und die kommen zusammen und sagen, was wenn wir ein gemeinsames Kontobuch einrichten, als Vertrauensbasi zwischen uns, als Aufzeichnungssystem für die Produkte, die bei uns durchlaufen, um die Geschichte von Unternehmen zu verstehen, ob sie beispielsweise kreditwürdig sind. Das sind Probleme, die heute lösbar sind. Und an diesem Ende des Spektrum versucht Hyperledger anzusetzen.

 

Frage: Wenn es dann aber um die Kryptowährungen geht, die wilden Preisbewegungen, die Vermögen, die gewonnen und verloren werden, das ist sehr dramatisch, aber auch unterhaltsam. Wie sehr sollte uns das für Blockchain begeistern?

Das ist wie in den frühen Tagen des Internets. Wie man damals sagte: Hey, ich hab gehört, man kann Hundefutter online verkaufen? Das ist großartig. Und dann haben sich ein paar Leute reingehängt, sind in all die Dinge eingestiegen, die wir heute machen, und dachten, das ist das Beste überhaupt. Dann stellte sich heraus, nur weil man etwas online machte, war es noch nicht the next big thing. Du musst immer noch ein besonderes Problem lösen, ein Weg finden, die Dynamik in dem Sektor zu ändern, in dem Du tätig bist. Wenn das Ziel ist zu spekulieren, der schnelle Umsatz, dann sind Kryptowährungen schon allein wegen der Volatilität schwer zu schlagen. Aber wenn Sie in einem Sektor sind, wo Sie Schwierigkeiten haben, ein Grundvertrauen zu etablieren, auch das Vertrauen zu Behörden in diesem Bereich. Niemand möchte die Facebookisierung der unterschiedlichsten Bereiche sehen, nicht wahr. Gerade deswegen sind Banken an Tools wie Blockchain interessiert, um Verbindungen und Einschränkungen im Geschäft zu lenken. Sie wollen keinen tonnenschweren Gorilla im Herzen ihrer Industrie ermöglichen. Für den Durchschnittskonsumenten mag es schwer sein sich dafür zu begeistern. Dennoch wird es uns, glaube ich, berühren. Weniger wegen der Spielermentalität rund um digitale Währungen, wohl aber wegen digitaler Identität. Es gibt viele Menschen, die Technik anwenden, um einen neuen Ansatz für digitale Identität aufzustellen, die in den Begriff selbstsouveräne oder userzentrierter Identität eingeflossen ist. Die Blockchain ist ein Weg zu überprüfen, wer Sie sind. Aber all die Informationen über Ihren Abschluss oder Ihren Gesundheitszustand, Dinge, die Sie wirklich ausmachen, tragen Sie bei sich in einer Art Brieftasche. Und dieses verteilte Kontobuch, den distributed ledger, nutzen Sie nur um Einzelheiten daraus zu bestätigen. Wenn Sie also ein Rezept von Arzt bei der Apotheke abgeben, sichert der Ledger dessen Vollständigkeit. Die persönlichen Daten bleiben aber streng geschützt. Und die Zeit, in der wir glaubten, Verletzungen der Privatsphäre passieren vielleicht dreimal im Jahr … Also ich denke, es gibt ein reges Interesse, das Konzept neu zu denken.

 

Frage: Nun Facebook – Mark Zuckerberg musste vor dem Kongress Rede und Antwort stehen. Sie hatten eine Reihe von Datenskandalen. Was läuft da gerade schief?

Silicon Valley ist in diesen Vertrauensvorschuss hineingestolpert. Das war der Anfang. Wir haben in gewisser Weise willentlich Anwendungen genutzt, die erklärtermaßen in die Privatsphäre gehen. Und hinter den Kulissen die Daten an Dritte verkaufen. Und die DSGVO, die europäische Regelung zum Datenschutz, ist buchstäblich der erste Aufschlag, diese Art Diebstahl zu unterbinden. Wir sind diesen Kuhhandel leid, diese Unterstellung, sie könnten alles mit unseren Daten machen. Und die Blockchain erscheint fast wie das Gleiche nur im Extrem. Daten zu kopieren und an einen Distributed Ledger, das gemeinsame Kontobuch zu geben, ist schon per Definition die Weiterleitung an jeden anderen. Aber wir nutzen Distributed Ledger nicht, um Daten zu speichern. Stattdessen veröffentlichen wir öffentliche Zugänge und wie wir zu finden sind und das Einverständnis an bestimmte Organisationen zur Datennutzung, die wir aber später zurückziehen können. Wenn Sie einen Arzt in den Ferien aufsuchen, braucht der nicht Zugang zu Ihrer gesamten Krankenakte. Er braucht vielleicht einen Auszug, um Ihr Bein zu behandeln, dass Sie sich beim Wasserskifahren gebrochen haben. Also, wir brauchen eine bessere Infrastruktur um die Daten da draußen zu managen. Und Blockchain-Technologie kann den Weg dafür bereiten.

Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.