Künstliche Intelligenz – Bringt sie eher Gutes oder Schlechtes?

Schaurig schön oder schön schaurig? Das ist die Frage, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Die Fantasie wird grenzenlos – sowohl in Bezug auf das, was mit selbstlernenden Maschinen und Systemen an Erleichterungen möglich wird, als auch in Bezug auf denkbare Negativeffekte. Dass Maschinen die weltweite Kontrolle übernehmen, dürfte vielen auch in nächster Zeit noch als Science Fiction gelten. Dass künstliche Intelligenz Jobs kosten wird, wird dagegen bereits von ernsthaften Studien prognostiziert. Für die USA hat die Obama-Administration berechnet, das 83 Prozent der Jobs wegfallen werden, in denen die Menschen bis zu 20 Dollar pro Stunde verdienen. Allein im Transportwesen werden über die nächsten 10 bis 12 Jahr bis zu 3 Millionen Arbeitsplätze gestrichen. Und wird zu einer massiven Destabilisierung führen, so die Befürchtung auf der Collision in New Orleans. Also suchten die Vertreter der Technologiefirmen nach Hoffnungszeichen und nach Wegen, wie das gesellschaftliche Gleichgewicht in dem Veränderungsprozess gesichert werden kann.

 

Sairah Ashman, CEO, Wolff Olins:

 

Nun, wir verbringen sehr viel Zeit damit, die negativen Effekte von Disruption zu diskutieren, und viel weniger damit, über mögliche Lösungen nachzudenken und uns vorzustellen, was wir daraus machen können. Und ich denke, das ist Teil des Problems und des Mysteriums rund um AI. Meine Meinung ist, es gibt enorm viel Positives. Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon vorher durch Phasen technologischen Wandels gegangen wären. Disruption hat es immer wieder gegeben – aber eben auch ein „Danach“. Da wurden neue Jobs geschaffen, die man sich zunächst nicht vorstellen konnte. Und wenn sie an den Durchbruch denken, der sich gerade im Gesundheitswesen vollzieht, und den Lehren daraus – dann gibt es Antworten. Und ich würde gern sehen, dass mehr Zeit mit der Entwicklung solcher Antworten verbracht wird als mit dem, was man häufig Sensationsgier nennt, rund um all die Arbeitsplätze, die verschwinden werden. Natürlich verschwinden sie. Das tun sie aber die ganze Zeit. Aber es werden auch neue Jobs geschaffen, und wir erleben einen neuen Ausgleich. Und es ist eine gute Zeit, diesen Ausgleich im großen Stil zu denken, das große Ganze zu sehen. Also eben nicht, wie wir beispielsweise Trucker ersetzen, sondern vielmehr, wie sich die Konstruktion der Wirtschaft ändern kann, damit sie die Veränderungen in der Welt mit unterstützt. Und wie bewegt sich das über Regionen, Kulturen und Grenzen hinweg. Schließlich leben wir genauso in einer Welt, die immer enger zusammenrückt.

 

Frage: Es hilft nicht die Veränderung zu beklagen, was kann aber konkret für diejenigen getan werden, die von strukturellen Einschnitten real betroffen sind?

 

Hicham Oudghiri, Co-Founder, Enigma Technologies

 

Ganz allgemein vertraue ich sehr stark auf die Erfindungsgabe der Menschen. Wenn man an künstliche Intelligenz denkt, werden viele Extreme erwähnt. Das ist eine Fantasiewelt, die sich irgendwo zwischen  utopischen Romanen und Westworld bewegt, wo AI überall ist und wir überall umhertollen und tun können, was immer wir wollen. Aber die Realität ist, dass AI, wie sie bereits existiert – und wohl auch noch eine Weile existieren wird, zumindest lange genug, um sie zu verstehen – sie befreit uns von den sich am häufigsten wiederholenden, monotonen Aufgaben, die wir zu erledigen haben. So betrachtet, geben Sie den befreiten Menschen die Möglichkeit, ihren Einfallsreichtum zu nutzen, der häufig nur ein paar Clicks entfernt ist. Das ist eine enorme Möglichkeit. Also haben wir unterm Strich eher ein Chancen-Setup. Daraus ergeben sich zwei Diskussionspunkte. Einer ist, wie investieren wir in diese Zukunft. Und Bildung wird völlig anders aussehen, als wir sie heute kennen. Wir müssen deutlich mehr in Kunst investieren, in Wissenschaft, in Dinge, die uns erlauben, losgelöst von festen Strukturen zu denken und unstrukturiert zu spielen. Dabei sehe ich das als Geben und Nehmen zwischen Regierungen und Privatwirtschaft. Das hängt auch davon ab, wie einzelne Länder regiert werden. In manchen spielt die Regierung eine größere Rolle, in anderen weniger. Die Botschaft geht an beide. Natürlich haben Regierungen Möglichkeiten zur Umschulung. Wir haben das in der Landwirtschaft gesehen, in Industrien, wo man viel reisen musste. Die Leute dort umzuschulen, ist eine große Möglichkeit für Regierungen. Aber für die Privatwirtschaft ist es die größte Möglichkeit, die sie jemals hatte, um im Grunde Dienstleistungen zu anzubieten und Menschen zu nutzen, die eben nicht mehr in den sich wiederholenden Aufgaben gebunden sind und so das Potenzial in allen Bereichen des Unternehmen zu verteilen. Wer also als Trucker gearbeitet hat, muss nicht länger selbst fahren und Schichten von 11 bis 18 Stunden durchstehen, wo er permanent müde wird. Man könnte die Ladungen smarter organisieren. Also: Hey, ich habe da gerade Chemikalien geladen, lass mich mal überlegen, was könnte als nächstes kommen. AI ist vielleicht nicht geeignet, diese Entscheidungen zu übernehmen. Menschen haben ihre ganz eigenen Erfahrungen, und die werden weiter funktionieren.

 

Frage: Viele sind sich einig, dass kreative Umwälzung Realität ist, dass etwas positives hat. Nichts ist nur schlecht oder gut. Der Knackpunkt ist, dass der Effizienzgewinn zumindest am kurzen Ende nicht zwingend den Menschen hilft, auch wenn es dafür gemeinsame Anstrengungen gibt. Wo also sind die Lösungen, wo sind Trends?

 

Sairah Ashman, CEO, Wolff Olins:

 

Ich könnte dem entgegnen, wir sitzen in den USA, im westlichen Teil der Welt. Unsere Überlegungen könnten sich also von denen in anderen Teilen der Welt unterscheiden, die womöglich auch nicht so wohlhabend sind. Aber ich finde ein finnisches Experiment sehr interessant. Sie versuchen herauszufinden, was passiert, wenn Arbeitsplätze weniger werden und sich Arbeit so fundamental verändert. Wie unterstützt man Menschen. Wie gibt man ihnen ein System, in dem sie agieren können. Ob es funktionieren wird, da bin ich mir nicht ganz sicher. Finnland ist klein und daher ein guter Pilot. Wir können daraus nur lernen. Aber ich muss sagen, der Arbeitstag muss sich verändern. Das ist unvermeidlich. Und er hat sich auch schon verändert. Früher haben wir mal 7 Tage die Woche gearbeitet. Dann ging es runter auf 5. Es ist auch unvermeidlich, dass wir noch weniger arbeiten. Die Frage ist, was machen wir mit dem Rest unserer Zeit, und welchen Aufgaben widmen wir sie. Und dann gibt es ja auch noch andere Trends in der Welt, zum Beispiel weniger Konsum. Auch das bedeutet, dass Business, wie wir es kennen, sich verändert. Die Art, wie wir bezahlen, könnte dazu führen, dass wir weniger kaufen. Das heißt, dass weniger Geld in der Wirtschaft im Umlauf ist. Wir haben uns immer auf ein System verlassen, dass sich auch verändert. Wir sehen Menschen, die Tauschhandel betreiben, anders wirtschaften. Also wirklich die Basis, fundamentale Dinge werden in Frage gestellt und unterschiedliche Art getestet.

Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.