Künstliche Intelligenz: Wie viel (Angst-)Potenzial steckt in denkenden Maschinen?

Was passiert, wenn Maschinen denken? Im Zweifel vielleicht für uns. Vielleicht aber auch in eigener Sache. Sairah Ashman von der Kommunikationsagentur Wolf Olins und Enigma-Mitbegründer Hicham Oudghiri diskutierten auf der Collision in New Orleans Für und Wider von künstlicher Intelligenz. Die hartnäckigste Befürchtung, AI würde zum Job Killer werden, hielten beide langfristig für unbegründet. Doch auch die Euphorie der Technologieexperten kennt Grenzen.

 

Hicham Oudghiri – Enigma Technologies

Ich denke das beängstigendste – zumindest für mich wenn es um KI geht – ist das wir anfangen einen Standpunkt zu umgehen den wir für unumgänglich gehalten haben: nämlich das Menschenrecht nur von einem anderen Menschen beurteilt zu werden. Die Verlockung maschineller Unterstützung könnte so groß werden, das Dir beispielsweise medizinische Leistungen verweigert werden könnten einfach Aufgrund eines Algorithmus. Vielleicht deutet Dein Profil auf potentiell schlechtes Verhalten gegenüber kleinen Kindern, verstehst Du? Und das Jugendamt muss Dich auf der Grundlage eines Algorithmus überprüfen.

Wir müssen für bestimmte Menschenrechte eintreten. Du kannst das Menschenrecht auf Freiheit haben. Du kannst das Menschenrecht haben, von einem anderen Menschen beurteilt zu werden, aber dafür muss es einen Kontrollprozess geben und ich denke, dass wir auf dieser Ebene darüber nachdenken sollten. Und wir sollten keine Angst haben, wir können das schaffen – wir haben es schonmal geschafft.

Die andere Seite ist wie: Hey, Ich bin Forscher und kann eine Zelle simulieren. Plötzlich brauche ich keinen Mais mehr um das nächste Heilmittel gegen Krebs zu entdecken. Ich kann 150 Experimente in der Zeit laufen lassen die ich vorher für eins brauchte, richtig? Das Zeug wird fantastisch.

Es geht wirklich darum, zuerst die höheren Möglichkeiten zu verstehen und dann aber sicherzustellen das es an anderen Punkten eine starke Kontrollinstanz gibt.

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Sairah Ashman – Wolf Olins

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Es besteht kein Zweifel, wir brauchen gegenseitige Kontrolle. Und ich denke, was es so kompliziert macht ist, dass wir gefordert sind, moralische Urteile zu fällen, genauso wie regulierende. Und das braucht Zeit. Es setzt voraus, die Vielfalt des Denkens und der Meinungen zusammenzubringen, so dass man alle Grundlagen abdeckt. Andernfalls legst du dich auf eine Sache fest, und das Problem liegt ganz woanders. Ich denke also nicht, dass wir das mit einer einzelnen Institution oder einer bestimmten Partei lösen werden. Ich denke, es ist ein Zusammenschluss der das bewerkstelligen muss.

 

Frage: Klar ist, dass die Regulierung von der Regierung kommt. Und wie wir es in Debatten dies- und jenseits des Atlantik erleben, sind die Gesetzgeber unglaublich Technikfremd. Sei es aufgrund des Alters oder der grundsätzlichen Technikferne – ihnen fehlt die Beziehung. Die deutsche Kanzlerin spricht vom Internet als Neuland, Ted Stevens, der US-Senator für Alaska, beschrieb das Internet als eine Reihe von Röhren. Auch wenn es inzwischen vielleicht Schritte nach vorn gibt, wer sollte die Regulierung vornehmen. Die Technologieindustrie hat die Expertise. Sie hat aber auch ein Eigeninteresse.

 

Sairah Ashman – Wolf Olins

Nun, ich denke es passiert auf vielen verschiedenen Ebenen. Ich bin ein großer Freund individuellem Engagement. Ich denke, dass wir alle die Fähigkeit haben, durch unsere Arbeit, durch die Dinge die wir vorher liebten, auf einer persönlichen Ebene Einfluss zu nehmen. Aber ich denke auch, dass die Wirtschaft, die Bildung, die Wissenschaft und die Regierung zusammenkommen muss. Ich war sehr an dem Äquivalent von Cern interessiert, das in Europa erst vor kurzem als Alice-Institut die Runde machte. Wir müssen dafür sorgen, dass Europa nicht hinter den Ereignissen in den USA und China zurückbleibt. Ich denke, dass diese Art der Kollaboration der einzige Weg ist, einen sinnvollen Rahmen abzustecken und ich denke, dass es einen Rahmen braucht. Wir werden nicht in der Lage sein, eine harte und schnelle Gesetzgebung durchzusetzen – zumindest eine Weile lang. Denn die Technologie kümmert sich nicht um den menschlichen Aufholprozess. Die Technologie entwickelt sich so schnell weiter, vielleicht könnten wir sogar eine KI brauchen die das für uns übernimmt.

 

Hicham Oudghiri – Enigma Technologies

Ich glaube, das ist wie eine Art Ying & Yang der KI. Auf der einen Seite bieten sich so viele Möglichkeiten, neue Denkmaßstäbe zu setzten und dazuzulernen. Auf der anderen stärkt es unsere Vorurteile. Denk mal darüber nach, was eine KI eigentlich ist. Es ist im Grunde genommen eine Maschine, die Input aus der realen Welt sammelt und dann eine Entscheidung aufgrund der Ergebnisse trifft. Das ist eigentlich fantastisch. Und ich denke, die eine Sache, die wir dabei im Auge behalten müssen ist, dass es großartig wäre, wenn wir annehmen könnten, das jede Entscheidung, die wir getroffen haben, gut war. Aber wir kennen unsere Vorurteile in der Hinsicht. Nehmen wir die Stopp- und Kontrolldatenbank, die von den Polizeibehörden herausgegeben wird. Diese verzeichnet jedes Mal, wenn jemand gestoppt wurde, ob er eine Waffe bei sich hatte oder nicht und ob er sein Geschlecht und all diese Dinge angegeben hat. Die Maschine wurde ohne diese Kontext-Ebene kodiert und kann trotzdem einige Korrelationen erkennen. Das verängstigt uns, richtig? So könnten sich unsere Vorurteile weiter verstärken. Wir könnten so weiter machen aber wir müssen uns zwei Dinge merken: Wir treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen, und unsere Daten sind selten vollständig. Bleibt also skeptisch, aber setzt immer auf den Optimismus.

Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.