Sillycon Valley gegen den Rest der Welt – woher kommen heute Innovationen

Es gab eine Zeit, da stand es außer Frage: Wer wirklich im Zentrum des Start-up-Geschehens sein wollte, der musste ins Silicon Valley. Die Gegend rund um die San Francisco Bay wurde zum Synonym für die Umwälzungen ganzer Industrien. Und irgendwie schien das in Stein gemeißelt. Denn lange, bevor Google, Amazon und Facebook die Welt eroberten, starteten hier Firmen wie Apple oder Intel durch. Das Börsendebut von Alibaba galt vielen noch als exotischer Ausreißer im Reigen der renditeträchtigen Disruptionen. Doch spätestens, seit dem erfolgreichen Listing des schwedischen Streaming-Dienstes Spotify, ist klar, das Innovationsklima des Silicon Valley ist nicht mehr einzigartig. Oder doch? Auf der Collision in New Orleans diskutierten Tracy DiNunzio Gründerin und CEO von Tradesy, Nicolas Dessaigne, Mitbegründer von Algolia, und Jill Ford, Principal bei Toyota AI Ventures, die Standortfrage.

 

Tracey Di Nunzio, Tradesy

Silicon Valley ist gewiss nicht der Nabel der Welt, aber es ist zumindest das Zentrum für Kapital und Talente gewesen. Und es ist immer noch der Ort, wo Du das meiste Kapital findest. Es ist also schwer zu vermeiden, Zeit im Silicon Valley zu verbringen – wo auch immer Du Deine Firma gründest und Finanzierungen auch von größeren Fonds brauchst. Es wird nicht einfacher, wenn man dann nicht ins Valley kommen will. Aber mit Blick auf die Talente haben wir über die Jahre gelernt, dass da reihenweise Talente auch andernorts heranwachsen. In Los Angeles hat es eine richtige Start-up-Explosion gegeben. Auch getrieben durch die enorme Zahl an Talenten in den Bereichen Marketing, Produktentwicklung. Und – was für uns besonders wichtig und ziemlich unbekannt ist – in LA gibt es jährlich über 6000 Ingenieursabsolventen von über 100 Universitäten. Die Leute denken immer, die Ingenieure kommen aus dem Valley. Tatsächlich haben wir eine größere und stärkere Community in LA. Und ich vermute, eine Menge Orte haben ähnlich viele Talente, die unterschätzt oder unterbewertet werden.

 

Nicolas Dessaigne, Algolia

Ich denke, das hängt auch von der Art der Talente ab. Wir gehen davon aus, es gibt großartige Ingenieure überall auf der Welt. Wir haben alle unsere Ingenieure in Paris, was ein großer Vorteil gegenüber den Firmen ist, die im Raum San Francisco sitzen. Aber wenn es um Vertrieb, Marketing oder Projektmanagement geht – besonders bei Produkten wie unserem – dann sitzen die Talente schon in der Bay Area. Also, bezogen auf die Frage: Ich habe zwei sehr verschiedene Ökosysteme in San Francisco und in Paris kennengelernt., und in den letzten 5 Jahren hat sich eine Menge verändert. San Francisco ist immer noch Weltspitze, das müssen wir klar sagen. Die Szene dort wächst noch immer ziemlich schnell. Aber die Situation wird immer herausfordernder. Es wird schwieriger, Talente zu gewinnen. Paris startete weit, weit abgeschlagen und ist auch noch immer nicht mit San Francisco vergleichbar. Aber es holt auf und das auch in Bezug auf mögliche Investoren. Als wir dort mit unserer ersten Seed-Finanzierung starteten, waren die Bedingungen – sagen wir – nicht ganz so wie in der Bay Area. Wenn ich heute auf Gründungen in Paris schaue, dann gibt es zwar immer noch einen Abschlag, aber nicht mehr so hoch. Also, die Stadt holt auf. Aber es ist nicht nur Paris, das passiert überall auf der Welt. Der Investment-Markt ist globaler geworden. Und auch die Fonds aus dem Valley investieren andernorts.

 

Jill Ford, Toyota AI Ventures

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Eine andere wichtige Frage ist auch, wo sind denn die Kunden. Wenn wir über Talente und Kapital sprechen – wir brauchen beides, um die Kunden zu erreichen. Und im richtigen Umfeld zu sein, hilft auch an Kunden zu kommen. Insofern ist es eine wichtige Überlegung, wo Du Teile Deines Geschäfts oder sogar das gesamt Geschäft ansiedelst.

 

Frage: Viele Städte suchen nach mehr Geld und nach neuen Talenten, um Start-ups anzusiedeln. Welches sind die wirklich entscheidenden Standortfaktoren?

Tracy

Für mich ganz klar: Kapital, Kapital, Kapital. Immer wenn ein neuer Venture Capitalists in LA auftaucht, freu’ ich mich. Ich weiß, mehr Start-ups zu haben, ist toll. Aber wenn Start-ups keinen Zugang zu Kapital haben, verlieren sie über kurz oder lang ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu Start-ups, die leichter an Geldgeber kommen. Ich kann sagen, wir sitzen 45 Flugminuten vom Valley entfernt. Das klingt unerheblich. Ich kann jederzeit dorthin und meine Investoren dort treffen. Die meisten kommen aus dem Valley. Aber ich sehe Startup, mit denen wir im Wettbewerb stehen und die im Valley sitzen, die bauen die Investorentreffen in die Tagesroutine ein oder die gesellschaftlichen Veranstaltungen, an denen sie teilnehmen. Und über die Zeit bildet sich ein Vertrauen, etwas Familiäres, das sie von außerhalb nicht generieren können. Ich denke, solange das Wagniskapital in Valley zentralisiert ist, ist es schwierig, Start-ups in anderen Städten hochzuziehen. Also Venture Capitalisten an einen Standort zu holen, ist superwichtig, auch wenn es sich um Pre-Seed- und Seed-Finanzierer handelt. Das ist okay. Denn ein Jahr nach der Gründung, solltest Du reisen können, um Investoren zu treffen. Also im Grund geht es um Kapital für das Frühstadium.

 

Nicolas

Ich glaube, es ist eine Frage des gesamten Ökosystems. Kapital ist wahrscheinlich die bedeutsamste Ressource. Aber es braucht Zeit, das zu genieren. Man kann es mit Acceleratoren versuchen und junge Hochschulabsolventen motivieren, ein Startup zu gründen. Sie werden aber sagen, das wichtigste ist, mehr erfolgreiche Start-ups zu haben. Erfolgreiche Startups schaffen eine Atmosphäre, die andere inspiriert. Viel wichtiger ist aber noch, wenn die Gründer ihre Firmen verkaufen oder erfolgreich damit sind, dann geben sie der Community etwas zurück. Sie werden zu Mentoren für jüngere Gründer. Das ist wie ein virtueller Kreislauf. Und das braucht Zeit. Man kann ein Ökosystem nicht über Nacht schaffen.

Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.