Verkehrte Welt an der Wall Street

Eine bescheidene Zahl sorgte an der Wall Street für einen gelungenen Start ins vierte Quartal.

51,5

Das ist der Zählerstand auf dem Fieber-Thermometer, das am Montag vom Institute for Supply Management (ISM) für die US-Konjunktur vorgezeigt wurde.

Eine Zahl über 50 signalisiert eine wachsende Industrie.

Der Rest ist simple Übersetzung ins Börsianer-Deutsch: ISM-Index über 50 heißt Expansion, das heißt bessere Gewinnaussichten.

Genau sieben Handelstage vor dem offiziellen Startschuss der neuen Bilanzrunde in New York am Dienstag kommender Woche ist das wie Doping für die Kurse.

Bilanzrunde ab 9. Oktober – Doch nicht so schlimm?

Denn die Zahl weckt Hoffnungen, dass die Gewinnberichte der Börsengesellschaften über das dritte Quartal bis September vielleicht doch nicht so ernüchternd ausfallen werden.

Der DOW ließ sich von dieser behaglichen Aussicht weit über 1% ins Plus tragen …

… bevor er am Nachmittag wieder die Hälfte von seinem Zuwachs verlor und den Tag mit einem eher mageren Plus von 0,6% beschloss.

Was war passiert ?

Antwort: Verkehrte Welt an der Wall Street. Denn normalerweise sind es ja die Geldhüter der US-Notenbank (Fed), die Kurs-Rallys auslösen und für gute Laune sorgen.

Meist tun sie das mit Gaspedal-Vorführungen in der Geldpolitik, oder mit Versprechen wie im Sommer der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi: „Wir tun alles, was in unserer Macht steht …“

Doch Fed-Chairman Bernanke klang gestern ungewohnt kleinlaut. Und das war das Problem.

„Die Wirtschaft ist in jüngster Zeit schlicht nicht schnell genug gewachsen, um die Arbeitslosigkeit zu senken“, sagte Bernanke.

Ins Autofahrer-Deutsch übersetzt heißt das: Bernanke, der Mann mit dem Bleifuß auf dem Gaspedal, gibt zu, dass er an der grünen Ampel nicht vom Fleck kommt.

Was jetzt? – Wieder Prinzip Hoffnung.

Und das funktioniert so: Spanien will angeblich doch ein Rettungspaket beantragen, aber Berlin zögert, zuzustimmen.

Das bedeutet stilles Ringen hinter der Bühne. Keine schlechten Nachrichten aus Europa für ein paar Tage – möglicherweise.

Gleichzeitig wissen wir, dass es bis in genau einer Woche dauert, bevor die neue Bilanzrunde losgeht. Erst dann wird die – im schlimmsten Fall bittere – Wahrheit über die Ertrags-Situation der Wall Street-Firmen bekannt.

Das könnten Tage der Ruhe werden, bevor die Schwerkraft der Realität die hochfliegenden Aktienkurse wieder zu Boden zwingt.

Dass der DOW und die anderen führenden Aktien-Indizes solche Gelegenheiten sofort nutzen, das haben sie am Montag bewiesen – zumindest bis sich Ben Bernanke als Störenfried bei dieser Party zum Quartalsauftakt einmischte.

Auftragseingänge – Signal für mehr Firmengewinne?

Für die ganz hart gesottenen Optimisten ist da noch ein zweiter Hoffnungs-Schimmer: Der ISM-Index offenbart Auftragseingänge für die US-Industrie auf einem 4-Monatshoch.

Beim Teil-Index für die Beschäftigung ergab sich für den August sogar der größte Zuwachs seit Oktober 2009.

Falls das nicht die Bugwelle der Weihnachtsbestellungen für die US-Industrie durch den Großhandel war – sie kommt etwa vier Monate vor Weihnachten – dann könnte sich hier ein Rebound der schwachen Dümpel-Konjunktur abzeichnen.

Doch daran glauben viele am Aktienmarkt nicht. Die Nasdaq ist einer der Beweise dafür.

Der Nasdaq 100 gab gestern ganz leicht um 0,1% nach. Hier sind sich die Anleger also keineswegs so sicher, dass blühende Konjunktur-Landschaften im Anmarsch sind.

Auch der Goldpreis, der sich am Montag in die Nähe des 52-Wochenhochs pirschte, lässt an der nur vereinzelt auflackernden Konjunktur-Hoffnung zweifeln.

„Fiskalisches Kliff“ – Steuer-Watsche für die US-Konsumenten

Einen viel realistischeren Ausblick gibt da schon eine ganz andere Zahl, die gestern die Runde machte: Jede US-Familie muss 2013 im Schnitt mit einem Anstieg der Steuern von 3.446 Dollar rechnen.

Diese kalte Dusche droht, wenn es dem Kongress und dem Präsidenten – auch dem eventuell neuen nach der Wahl am 6. November – in den kommenden drei Monaten nicht gelingt, einen sanften Sparpakt zu schließen.

Ein solcher Kompromiss würde den Namen verdienen, wenn ein Sparpaket geschnürt würde, das die Konjunktur nicht abwürgt, aber das krasse Budgetdefizit von über 100 Mrd. Dollar pro Monat trotzdem reduzieren würde.

Nach einem so erfolgreichen politischen Drahtseilakt halten derzeit an der Wall Street alle Ausschau. Er wäre der Startschuss für die nächste Rally.

Aber niemand in Washington kann sachdienliche Hinweise geben, dass ein solcher Spar-Kompromiss wirklich im Anmarsch ist.

Was bleibt, ist diese Sorge: Höhere Steuern ab Anfang 2013, dazu Firmen die weniger investieren und verdienen. Und im Extremfall eine erneute Rating-Watsche für die USA.

Das allerdings wäre ein triftiger Grund für eine kräftige Korrektur der Aktienkurse in New York.

Mit jedem ruhigen Tag ohne große Nachrichten aus Washington wird diese Gefahr realer. Das heißt: Die Nervosität nimmt zu.

Doch die Fed hat gerade ihre letzten Beruhigungs-Tropfen ausgeteilt.

2. Oktober 2012

geve
Von: geve.