Wall Street: Aktien im Höhenrausch

So schnell geht das an der Wall Street: Vor einer Woche sah es so aus, als sei die Weihnachts-Rally abgesagt. – Jetzt notiert der S&P 500 Index auf einem Zwei-Monatshoch.

Währenddessen steigt die Rendite der 30jährigen US-Anleihe auf den höchsten Wert in drei Monaten.

Der Grund: Immer mehr Anleger, die vorher Anleihen als „sichere Häfen“ ansteuerten, trauen sich jetzt wieder raus aus ihrem Versteck.

Sie fühlen sich jetzt wieder sicherer, weil der Eindruck wächst, dass die Budget-Verhandlungen in Washington noch 2012 mit einem Kompromiss enden können.

„Es gibt deutliche Zeichen von Fortschritt in den Verhandlungen“, erklärt Brian Gendreau. Er ist Aktienstratege beim Vermögensberater Cetera Financial Group in El Segundo, Kalifornien.

„Es herrscht jetzt klar der Eindruck vor, dass wir noch 2012 einen Deal eintüten können“, bestätigt auch Peter Boockvar, der Aktienstratege bei Miller Tabak.

Für die Börsianer bedeutet das: Klare Sicht am Horizont und weniger Nervosität über die Konjunktur. Dazu auch geringere Steueranhebungen als befürchtet.

Steigende Umsätze und gute Nachrichten aus Europa – Alles paletti?

Das ist der Grund, warum das Konsumvertrauen jetzt wieder steigt – und die Aktienkurse quasi im Schlepptau.

Als gutes Zeichen werten Beobachter, dass die Umsätze an der Wall Street groß sind.

Das Handelsvolumen in den Werten des S&P 500 Index war gestern ein Viertel höher als im Schnitt der vergangenen 30 Tage.

Enorme Zuversicht strahlen auch die Wohnungsbauer aus, deren Aktienindex wegen der Erholung am Immobilienmarkt jetzt den höchsten Stand in mehr als sechs Jahren erreicht hat.

Und noch etwas, das den Dividenden-Titeln in New York zusätzlichen Auftrieb verleiht:

Die Angst um einen fortgesetzten Einbruch der Apple-Aktie ist erst einmal verflogen.

Die Tech-Aktie legte gestern am zweiten Tag in Folge zu und verzeichnete ein sattes Plus von 3%.

Wer sich den Tagesverlauf beim DOW anschaut, sieht nach dem ersten Schub am Morgen einen zweiten.

Der kam am frühen Nachmittag und folgte der Meldung, dass Standard & Poor´s das Kredit-Rating von Griechenland deutlich aufgestuft hat.

Erleichterung an allen Fronten, könnte man also meinen.

Doch das stimmt so nicht ganz.

Zwar hat der S&P 500 im laufenden Jahr jetzt ein Plus von 15% zu verzeichnen.

Doch in die Freude über die absehbare Vermeidung des berüchtigten Kliffs mischen sich auch äußerst bescheidene Prognosen.

Der bekannte Finanzprofessor Peter Morici von der University of Maryland sagt für 2013 vorher, die US-Konjunktur werde große Probleme haben, überhaupt 2% Wachstum zu erreichen.

Aktienmarkt – Geht der Endspurt der Kurse weiter?

Den Börsianern ist das zwar nicht egal.

Aber weil in weniger als einer Woche Weihnachten ist, und 2012 auf jeden Fall als gutes Börsenjahr enden wird, klingen Prognosen für 2013 wie ein Blick in die ferne Zukunft.

Dabei sind es nur noch wenige Handelstage, bis das neue Jahr beginnt.

Und die Bilanzrunde für das vierte Quartal 2012 geht dann auch sofort los.

Die Bilanz-Saison hält aber weitere Fragezeichen bereit, zum Beispiel über die Gewinne der Firmen in einer schwächeren Weltkonjunktur.

Oder die Schleifspuren aus dem Monster-Sturm Sandy. Oder auch die Dellen in den Verkaufsbilanzen der Tech-Firmen.

Egal, sagen sich jetzt viele für die nächsten Tage, in den USA sind ja seit September die Benzinpreise allein um 16% gesunken, auf den tiefsten Stand in einem Jahr.

Die Rally vom Montag und Dienstag könnte sich heute also fortsetzen.

19. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.