Wall Street: An der Glasdecke

Die Webseite von CNN Money zeigte am Dienstag während des Handels in New York eine umgefallene Sektflasche, dazu zerknüllte Papierschlangen und verklebte Konfetti.

Die Überschrift über diesem Börsen-Stilleben: „Die Party ist vorbei.“

Es sei erstaunlich, so das Fazit in dem Online-Bericht, dass die Aktienkurse an der Wall Street im laufenden Jahr überhaupt so gut abgeschnitten hätten.

Der Nasdaq 100 hat seit Jahresbeginn satte 25,3% zugelegt. Der S&P 500 verzeichnet ein Plus von 15,9%. Der Dow registriert einen Zuwachs von immerhin 10,9%.

Bei einer Rendite von 1,8% für die 10jährige US-Staatsanleihe muss erst gar nicht gefragt werden, wo Anleger ihr Geld besser hätten aufbewahren können als am Aktienmarkt.

Selbst Gold hätte seit dem 3. Januar nur 13% gebracht, Kupfer lediglich 10%. Wer in Öl investiert hätte, müsste ein Minus von 3,6% beklagen.

Trotz Miniwachstum – Aktien besser als Anleihen

Die 10jährige US-Anleihe hätte bei einem Minizins von durchschnittlich rund 1,6% einen Kurszuwachs von mageren 0,8% beschert.

Auch das ist kein Stoff, der Sektkorken knallen lässt.

Allein dieser Vergleich zeigt aber, warum die Frage – ob die Party trotz der erneuten Notenbank-Geldschwemmen zu Ende geht – falsch gestellt wird.

Sie müsste heißen: Welches Anlage-Segment verspricht bei schwachem wirtschaftlichen Wachstum – sowie der Gefahr von steigender Teuerung und einer zunehmenden Blase am Anleihemarkt – mehr als die Aktien?

Wer nicht sofort eine Antwort auf diese Frage hat, kann – so sieht es auch Marc Faber – eigentlich nur ganz trocken bleiben (völlig liquide) oder seine Füße zumindest vorsichtig in den Aktienmarkt tauchen.

Welche Aktien kaufen? – Schwellenmarkt-Gewinner

In welche aber, wenn Banken wieder sinkende Kurse vorweisen, wenn Rohstoffe wegen des Dümpel-Wachstums in China korrigieren – und wenn selbst Techtitel schwächeln?

Apple – das stur an der Marke von 700 Dollar kratzt – scheint ja eine der wenigen Ausnahmen zu sein. Und alles auf den iPhone-Primus setzen, das raten uns selbst die hart gesottensten Tech-Analysten nicht.

Schaut man auf die Gewinner im DOW am Dienstag, ergibt sich eher folgender Eindruck:

Werte wie Kraft Foods, McDonald´s, General Electric und Caterpillar, die alle auf ihre Weise von einem Turnaround in den großen Schwellenmärkten – also von einer baldigen Rückkehr zu mehr Wachstum – profitieren können: Die scheinen noch Luft nach oben zu haben.

Kommt nach der Spekulation auf die Bazookas der Notenbanken jetzt also eine Spekulation auf die Rebound-Gewinner, wenn es den Chinesen gelingt, ihre lahmende Turbo-Wirtschaft wieder in höhere Drehzahlen zu bringen?

Weit verbreitete Zweifel an der jüngsten Geldspritze

Auch das ist schwer zu sagen. Sicher ist: Am Anleihemarkt wurde bis gestern bereits die Hälfte der Kursverluste seit der Fed-Entscheidung am vergangenen Donnerstag wieder gut gemacht. Die US-Treasuries stiegen gestern den zweiten Tag in Folge.

Das heißt: Anleger suchen wieder stärker den sicheren Hafen der Schuldtitel, weil sie der Konjunktur nicht trauen – und damit dem Wirken der Notenbanken.

Wirkung der Notenbanken verpufft in Rekordzeit

Der Grund liegt auf der Hand. Anleger und Investoren erwarten nicht, dass die jüngste Geldspritze der Notenbanken das Wachstum der Konjunktur bei anhaltende schwacher Nachfrage kräftig beflügeln und dadurch deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen kann.

Im Klartext: Nur drei Handelstage nach dem bislang kräftigsten Schluck aus der geldpolitischen Pulle der US-Notenbank zweifeln die Märkte bereits kräftig an der versprochenen Wirkung.

Währenddessen zeigt der Euro gegenüber dem US Dollar schon wieder Schwäche. Auch das zeugt von fehlendem Vertrauen.

In diesem Fall mangelt es an dem Vertrauen in die Fähigkeit der europäischen Regierungen, die Schuldenkrise trotz der Hilfe der Europäischen Zentralbank zu meistern.

19. September 2012

geve
Von: geve.