Wall Street: Budget-Optimismus treibt Kurse

Apple steigt 7% – und alles ist gut. Das wäre die kurze Zusammenfassung eines Optimisten vom Montag an der Wall Street.

Am Aktienmarkt in New herrscht Jubel-Laune, seit führende Demokraten und Republikaner am Freitag die beginnenden Gespräche für einen Sparpakt in Washington als „konstruktiv“ und „gut“ bezeichneten.

Der höchste Tagesgewinn seit dem Juli war die Folge. Dazu höhere Rohstoffpreise, die vom Öl angeführt wurden, wegen der Spannungen im Nahen Osten.

Gegen Zuwächse von 3% bis 5% bei Bank of America, Hewlett-Packard und Verizon lässt sich wahrlich schwer etwas einwenden.

Dennoch wollen wir das hier tun.

Denn an einem solch guten Tag wie gestern ist es verwunderlich, wenn der Dollar gegen alle 16 wichtigen Währungen im Index schwächer wird, und wenn aus dem Anleihemarkt in New York nur so wenig Liquidität in riskantere Anlage-Klassen abwandert, dass die Rendite auf die 10jährige Treasury nur um 3 Basispunkte steigt.

Party am Aktienmarkt – Verhaltene Freude anderswo

Warum hat die Party am Aktienmarkt nicht mehr Reaktionen am Bondmarkt ausgelöst, zumal ja in den USA der Index der National Association of Home Builders für die Wohnungsbauer im laufenden Monat auf ein 6-Jahreshoch springt ?

Vielleicht hilft diese Erklärung etwas: Der Aktienmarkt hat nach der jüngsten Korrektur ein attraktives Niveau erreicht, das Käufe rechtfertigt, obwohl mit Blick auf die Budgetverhandlungen in Washington immer noch Vorsicht geboten scheint.

Denn es gibt noch keinerlei Zeichen einer tatsächlichen Annäherung zwischen den beiden großen Parteien, was höhere Steuern angeht.

Am Aktienmarkt in New York haben Kursverluste und – bei vielen Firmen – weiter steigende Gewinne zu einer Neubewertung geführt.

806 Milliarden Dollar Anlagevermögen wurden seit dem Wahlabend vor zwei Wochen vernichtet.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im S&P 500 liegt damit am unteren Ende der neun Bullenmärkte, die seit 1962 erlebt wurden.

Es liegt niedriger als in jeder Phase steigender Kurse seit Ronald Reagan.

„Die Aktien sehen günstig aus, weil die Leute viel zu pessimistisch sind, was das BIP-Wachstum für die kommenden 10 Jahre angeht“, erklärt Brian Jacobsen, ein Fondsmanager bei den Wells Fargo Advantage Funds.

Jacobsen sagt dem S&P 500 für 2013 daher ein Plus von satten 47% vorher, auf 2.000 Punkte.

Damit dürfte das obere Ende der Prognose-Skala schon einmal deutlich gekennzeichnet sein.

Die Einschätzung wird nur von jenen Experten geteilt, die einen kräftigen Konjunkturschub für die US-Wirtschaft erwarten, falls vor dem Jahresende ein Kompromiss im Spar-Konflikt gefunden wird.

Doch diese Experten-Gruppe ist ziemlich klein.

Die Mehrzahl der Börsenbeobachter an der Wall Street blickt kurzfristig in die Zukunft und sieht dabei eine Menge Hürden auf dem Weg zu dem Optimisten-Szenario.

Hürden vor einer Rally nach dem „Kliff“

Die erste Hürde sind die Investitionen der Firmen. Die Hälfte der 40 größten Konzerne in den USA hat nach Berechnungen des Wall Street Journal für dieses oder nächstes Jahr ihre Investitionen gedrosselt.

Das signalisiert einen Bremseffekt für die zerbrechliche Erholung.

Denn zum ersten Mal seit 2009 kamen im dritten Quartal Ausgaben für Geräte und Software wieder zum Stillstand.

Man muss kein Chefökonom sein um zu ahnen, was das für die Firmengewinne in den nächsten Quartalen heißt.

Die zweite Hürde: Hedgefonds haben jetzt schon sechs Wochen in Folge ihr Engagement in Rohstoffen herunter gefahren. Das ist der längste Rückgang seit der Großen Rezession vor vier Jahren.

Warum das so ist, erklärte gestern der Citigroup-Analyst Edward Morse. Für ihn ist der Super-Zyklus bei den Rohstoffen vorbei, weil China auf langsameres Wachstum umstellt.

Und dann sind da noch die prominenten Warnungen.

Gestern kam eine von dem Verleger und einstigen Präsidentschafts-Kandidaten Steve Forbes.

Forbes erwartet kurzfristig starke Volatilität an den Kapitalmärkten, weil die US-Notenbank durch das Festhalten an ihrer ultra-lockeren Geldpolitik den Greenback entwertet.

Blick in den Abgrund – Ein „U“ oder ein „N“?

Die Anleger können sich die kommenden Wochen also eher wie ein Drahtseil vorstellen, und nicht so sehr wie ein Kliff.

Links vom Drahtaseil steht ein großes Schild mit einem „U“ – wie Unsicherheit.

Das passiert, wenn es keine – oder eine späte – Einigung bei den Spar-Verhandlungen gibt. Die Folge wären weniger Investitionen, mehr Dividenden-Ausschüttungen, langsameres Wachstum in der Wirtschaft.

Auf der rechten Seite vom Drahtseil steht unten am Boden ein Schild mit einem „N“, wie Nachholbedarf.

Sollte es zu einer baldigen Einigung bei den Sparverhandlungen kommen, könnten sich die aufgestauten und verzögerten Investitionen in einem Schwall entladen.

Mehr Wachstum in den USA – und steigende Firmengewinne – wären die Folge.

20. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.