Wall Street: Das „Kliff“ kommt bedrohlich näher

Die Techniker haben Recht behalten. Der DOW machte gestern bei einem leichten Minus von 0,33% an seiner 200-Tagelinie kehrt nach unten.

Im Klartext: Es sieht so aus, als sei die kleine Rally im überverkauften Markt zu Ende gegangen.

Das legen auch die Nachrichten aus Washington nahe.

Zu Wochenbeginn wurde deutlich, wie weit Republikaner und Demokraten bei den Spar-Verhandlungen, die jetzt ins Detail gehen, auseinander liegen.

Auf Republikanischer Seite wird betont, die zusätzlichen Steuereinnahmen zur Reduzierung der klaffenden Defizite sollten durch Beseitigung von Schlupflöchern und Abschreibungsmöglichkeiten kommen.

Im Weißen Haus und bei den Demokraten heißt es dagegen weiter, die Steuersätze bei Einkommen über 250.000 Dollar im Jahr sollten steigen.

Warren Buffett schlägt Mindeststeuer für Reiche vor

Auch die Wirtschaft – inklusive führende Wall Street-Firmen – mischt in der Meinungsbildung über das erhoffte Sparpaket mit.

Warren Buffett schlug in der New York Times in einem Kommentar gestern vor, eine zweistufige Mindeststeuer für reiche Amerikaner einzuführen.

Seine Idee: 30% auf Einkommen von 1 bis 10 Millionen. Darüber 35%.

Währenddessen rücken bereits vier Abgeordnete der Konservativen von ihrem schriftlich abgegebenen Versprechen ab, auf keinen Fall die Steuereinnahmen zu erhöhen.

Das beweist, dass es Bewegung in den Gesprächen geben wird. Aber die Frage bleibt, ob das für einen Kompromiss vor dem Jahresende reicht.

„Die Leute kommen nach der Feiertags-Pause mit weit geöffneten Augen zurück zur Arbeit und registrieren, dass es nicht mehr so gut aussieht wie vor der Pause“, sagt der Fondsmanager Lawrence Creatura bei Federated Investors in New York.

Seine Einschätzung zu den laufenden Spar-Verhandlungen lautet so: „Die Wahrscheinlichkeit einer gütlichen Einigung bei den Verhandlungen ist gesunken, jeder analysiert zudem die Umsatz-Zahlen des Einzelhandels während des Wochenendes, und die sehen nicht begeisternd aus.“

Die Anleger und Investoren werden nun sichtbar nervöser. Es bleiben lediglich 36 Tage bis zum sogenannten Fiskalischen Kliff, dem 1. Januar, an dem für 607 Milliarden Dollar höhere Steuern und niedrigere Budgetausgaben einsetzen, falls es keinen Kompromiss bei den Verhandlungen gibt.

Laut einer Umfrage fürchten 77% der Amerikaner Vermögens- und Einkommensverluste, falls kein Kompromiss zustande kommt.

Darunter sind natürlich viele Börsianer.

Während die Aktien erneut unter Druck geraten, steigen die Anleihen in New York zum ersten Mal nach einer schwachen Woche wieder an.

Anleger gehen mehr in den Anleihe-Markt

Die Rendite auf die 10-jährige US-Anleihe sank gestern drei Basispunkte.

Ganz klar: Eine wachsende Zahl von Anlegern beginnt, angesichts der Sparverhandlungen und wegen der Aussicht auf schwächeres Wachstum im nächsten Jahr den vermeintlich „sicheren“ Hafen der US-Anleihen aufzusuchen.

Eine Webseite in den USA brachte das am Montag schön auf den Punkt: „Die Anleihe-Bären kapitulieren, während die Fed wegen der Kliff-Ängste kauft.“

Damit verringern sich die Chancen auf eine Weihnachts-Rally am Aktienmarkt fürs Erste.

Das hat am Montag die übrig gebliebenen Freunde der Facebook-Aktie wenig gestört. Sie trieben nach zwei Analysten-Empfehlungen das Papier um 8% in die Höhe.

Facebook notiert jetzt knapp 48% über dem Tief, das im September markiert worden war, aber immer noch 32% unter dem Einführungspreis vom Börsengang im Mai bei 38 Dollar.

Es scheint, als habe das Management bei Facebook die Kurve gekriegt, was die Einnahmen aus Anzeigen im Mobil-Geschäft angeht.

Der Rest der Woche sollte in New York mit Vorsicht angegangen werden.

27. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.