Wall Street: Ernüchterung am „Kliff“

Zwei Tage Rally, ein Tag Pause ? Schön wäre es für die Aktien in New York. Doch die Kursverluste gestern signalisieren nichts Gutes.

Es war in der letzten Stunde des Handels, als die Aktienkurse plötzlich sanken. Und zwar kräftig.

Der DOW verlor 99 Punkte (-0,7%). Der S&P 500 bricht 0,8% ein. Der Nasdaq 100 kommt mit Minus 0,3% einigermaßen ungeschoren davon.

Es hatte so gut ausgesehen bei den Verhandlungen in Washington, die automatische Steuererhöhungen und Ausgabenürzungen zu Jahresbeginn 2013 verhindern sollen.

Doch gestern wurde deutlich, wie weit beide Seiten noch auseinander liegen. Die Republikaner wollen mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus heute ein eigenes Sparpaket verabschieden.

Barack Obama hat ein Veto gegen das Paket angedroht.

Einvernehmliche Gespräche, bei denen sich eine deutliche Annäherung abzeichnet, sehen anders aus.

Aktienmarkt – Ist die kurze Rally schon zu Ende?

Es zeigt sich: Die Anleger und Börsianer an der Wall Street waren wieder einmal voreilig mit ihren Erwartungen.

Zwei Tage lang stiegen am Montag und Dienstag die Kurse am Aktienmarkt der Wall Street kräftig.

Und plötzlich haben alle Zweifel ?

Das stimmt auch nicht ganz. Obama sagt, er hält einen Kompromiss vor dem Ende des Jahres für möglich.

Doch das sind nur noch Tage.

„Tagelang waren wir alle optimistisch“, schimpft Ryan Larson, Portfolio-Manager beim Vermögensberater RBC Global Asset Management, „doch jetzt erkennen wir, wie weit es noch bis zu einem Deal ist.“

Noch eine andere Hoffnung leidet zur Wochenmitte am Aktienmarkt in New York.

Der Aluminiumschmelzer Alcoa, der am 8. Januar die Bilanzrunde für das vierte Quartal 2013 eröffnen wird, plumpste gestern 3%.

Der Grund: Die Ratingwächter bei Moody´s haben den Rohstoff-Konzern auf ihre Abschussliste für eine mögliche Abstufung gesetzt.

Ordentlich die Hände reiben können sich dagegen Aktionäre von General Motors. Die Aktie schoss 6,6% in die Höhe, auf ein 10-Monatshoch.

Der Grund hier: GM will 200 Millionen Aktien von der Regierung zurückkaufen, aus der Zeit, als der Autohersteller in der Finanzkrise gerettet wurde.

Gute Kunde für die Fans von Energie-Aktien. Die Öl-Notierungen in Nordamerika schossen gestern 1,8% nach oben. Sie haben jetzt den höchsten Stand in zwei Monaten erreicht.

Hier spielt eine Rolle, dass nach Informationen des Energieministeriums in Washington die Öl-Vorräte der USA in der vergangenen Woche zurückgegangen sind.

Kein Wunder: Die Raffnierien haben ihre Kapazitätsauslastung hoch gefahren.

Jetzt müssen die Ausfuhren von Öl aus den USA erhöht werden, oder die Preise sinken.

Das würde für die US-Konsumenten noch niedrigere Benzinpreise zur Folge haben.

Die sind in den vergangenen Monaten ohnehin schon deutlich gesunken und verheißen mehr Kaufkraft für andere Anschaffungen.

An der Wall Street hört man das gerne

Die USA haben im September bei der Öl-Förderung den höchsten Stand in 15 Jahren erreicht.

Wer die Prognosen für diese Industrie in Nordamerika liest, sieht sich in großer Versuchung, an dem Boom mit zu verdienen.

Doch Vorsicht. FALLE ! Wenn die USA mehr von dem schwarzen Gold exportieren, müssen sich die ausländischen Käufer Dollars besorgen, um die Lieferungen zu bezahlen.

Das würde den Kurs des Dollars steigen lassen und die Industrie-Exporte der USA verteuern.

US-Firmen mit erfolgreichem internationalen Geschäft würden zudem bei der Rückführung ihrer Gewinne aus dem Ausland weniger Dollars bekommen.

Das würde Schleifspuren in der Bilanz hinterlassen, vor allem bei so internationalen Firmen wie Coca-Cola, General Motors oder McDondald´s.

Die letzten beiden Handelstage vor Weihnachten – heute und morgen – sind enorm schwer vorher zu sagen.

Denn jetzt wird in Washington bei den Verhandlungen um einen Budget-Kompromiss hoch gepokert. – Der Ausgang ist ungewiss.

Das Resultat: Die Wall Street wankt zwischen Rally und bitterer Enttäuschung.

20. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.