Wall Street: Gold als Protestwährung?

Amerikanische Zeitungen waren am Wochenende bemüht, uns den Abschluss eines guten Quartals für die Aktien in New York zu berichten.

Der DOW konnte in den drei Monaten bis Freitag um 4,3% zulegen. Der S&P 500 verzeichnet ein Plus von 5,8%. Und der Nasdaq 100 bringt es auf satte Plus 6,2%.

Da könnte man fast die Zitterbörse der vergangenen Tage vergessen. Aber davor bewahrt uns der Terminkalender.

Der hält für die Börsianer einen Stresstest in Sachen Realität bereit.

Am 9. Oktober, also am Dienstag kommender Woche, gibt der Aluminiumschmelzer Alcoa wie gewohnt den Startschuss zur neuen Bilanzrunde.

An der Wall Street werden die Gewinnzahlen für das September-Quartal präsentiert. Und sie könnten hässlich werden.

Alcoa soll Analysten zufolge eine Gewinnrückgang von bis zu 94% berichten.

China – Schlapper Riese verschärft Wachstums-Krise

Schuld ist die eingetrübte globale Wirtschaft, vor allem die Abschwächung des wachstumsverwöhnten China. Dessen enttäuschende Zahlen setzen die Rohstoff-Werte zunehmend unter Druck.

Zuletzt hatten wir am Samstag von einem enttäuschenden Einkaufsmanager-Index gehört, der weiter unter der Marke von 50 liegt, wo eine schrumpfende Wirtschaft signalisiert wird.

Bremsspuren rund um die ganze Welt

Im Osten der USA werden in den kohlereichen Bundesstaaten entlang der Appalachen ganze Kohleviertel verwüstet, weil die Bestellungen von Chinas Stahlindustrie einbrechen.

Der China-Schock sitzt aber nicht nur Minengesellschaften in den Knochen.

Zuletzt wurden – wie am Freitag – auch andere große Firmen abgestraft, weil sie in China viel Geschäft machen.

McDonald´s verlor nach einer Analysten-Abstufung 1,6%. Nike, der Sportartikel-Primus, verlor über 1%, weil die Auftragseingänge Sorge machen.

Doch China ist nicht an allem Schuld. Schon länger sorgen sich US-Produzenten über die schwachen Absatzmärkte in Europa.

Und jetzt kommen immer düsterere Nachrichten aus den USA selbst.

Der Rückgang der Orders für langlebige Konsumgüter brach im August um 13% ein, auch die stagnierenden Konsumausgaben im selben Monat sind Alarmzeichen.

Das US-Parlament hat sich zudem in eine Pause bis nach der Präsidentenwahl am 6. November verabschiedet.

Das heißt, dass ein gemeinsames Sparpaket zwischen Republikanern und Barack Obamas Demokraten bis Anfang 2013 immer unerreichbarer wird.

Dann setzen aber automatische Ausgabenkürzungen im US-Haushalt ein, dazu empfindliche Steueranhebungen.

Deshalb hört man an der Wall Street jetzt immer öfter die besorgte Frage, die am Freitag auch der Vermögensverwalter Dan Greenhaus in New York stellte: „Wird sich die Rally im 4. Quartal fortsetzen?“

Die Antwort darauf lautet immer öfter: N E I N.

Wall Street – Strömungsabriss am Aktienmarkt

Vor allem wegen den USA selbst: „Wir sehen Konjunktur-Daten, die einen Strömungsabriss nahe legen“, erklärt der Fondsmanager Tom Wirth bei Chemung Canal Trust in New York.

Ein brisanter Vergleich. Denn unter Piloten bezeichnet man so einen Zustand, wenn die Maschine kurz vor der Landung zu langsam wird.

Die größte Sorge bereitet in den USA der Arbeitsmarkt. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Arbeitslosigkeit seit 44 Monaten über 8% verharrt.

Es liegt vor allem daran, dass die US-Notenbank (Fed) sich mit ihrer dritten großen Geldschwemme, die vor wenigen Tagen gestartet wurde, eine Besserung am Arbeitsmarkt zum Ziel gesetzt hat.

Richard Fisher, der Präsident der Fed-Zweigstelle in Dallas, meldete sich am Wochenende mit dem Hinweis zu Wort, die US-Wirtschaft ertrinke in Arbeitslosigkeit.

Doch ganz kurzfristig fürchten die Anleger und Investoren in New York vor allem neue schlechte Nachrichten aus Europa.

„Was Europa angeht“, fügt Tom Wirth hinzu, „diesen Kinofilm haben wir schon einmal gesehen.“

Dass von beiden Seiten des Atlantiks schlechte Nachrichten kommen, hat zuletzt dem Gold weiter Auftrieb verliehen. Natürlich auch mit Unterstützung der erweiterten Geldschwemme der  Notenbanken in Europa und Washington.

Die Gold-Notierungen gaben zwar am Freitag zum Abschluss des Quartals etwas nach. Doch das gelbe Edelmetall schloss insgesamt das beste Vierteljahr seit 2010 ab.

Jetzt ist das alte Hoch von 2012 in Reichweite.

Der Vermögensverwalter Jeffrey Sica hat dafür nur eine Erklärung: „Gold wird von den Investoren als Protest gegen Regierungen eingesetzt, die schändlich mit ihrer Schulden- und Krisenpolitik versagen.“

Behält er Recht, dann wird das 4. Quartal am Aktienmarkt in New York wohl nicht mit einem Pluszeichen enden.

1. Oktober 2012

geve
Von: geve.