Wall Street: Gute Konjunkturdaten ziehen nicht

Es war ein einziger Satz, der am Dienstag die Aktienkurse an der Wall Street ins Wanken brachte und ein schlechtes Licht auf den Wertpapierhandel der kommenden Tage wirft.

Der Fraktionschef der Demokraten im Senat, Harry Reid, forderte die streitenden Parteien bei den Spargesprächen in Washington auf, „das nette Gerede zu beenden und endlich über Details zu sprechen.“

Ins Deutsche übersetzt heißt das: Zwischen Präsident und Kongress wird derzeit um den heißen Brei herum „verhandelt“, während die Zeit davonläuft.

Dabei schiebt sich das sogenannte Kliff aus massiv höheren Steuern und Ausgabenkürzungen immer näher. Jetzt sind es nur noch 33 Tage bis ein Kompromiss gefunden sein muss.

Danach treten die bitteren Sparmaßnahmen im US-Budget am 1. Januar automatisch in Kraft, wenn kein Kompromiss erzielt wird.

Am Aktienmarkt ließ dieser Befund am Dienstag die führenden Indizes zwischen 0,3 und 0,6% sinken.

Daten helfen nicht – Kliff-Angst überlagert alles

Und das, obwohl es positive Nachrichten aus der Konjunktur gab, und zwar gleich drei.

Während der langen Rally ab dem Frühjahr 2009 hätte diese Konzentration guter Wirtschaftsmeldungen Freudensprünge an der Wall Street ausgelöst.

Die Orders für langlebige Güter stiegen im Oktober 1,7%. Die Preise für Wohnhäuser am US-Immobilienmarkt stiegen in den 12 Monaten bis September um 3%.

Und das Konsumvertrauen hat im November den höchsten Stand seit Februar 2008 erreicht.

Wenn das mal kein Jubel-Cocktail ist. Doch die Reaktion blieb aus.

Dass diese Nachrichten die Aktien nicht in die Pluszone katapultieren konnten, sagt alles über die große Unsicherheit wegen des drohenden Kliffs.

Die Aktien in New York haben gestern am zweiten Tag in Folge nachgegeben. In der vorigen Woche noch hatte der S&P 500-Index satte 3,6% dazu gewonnen.

Seit der Wiederwahl von Barack Obama am 6. November hat das Aktienbarometer 2,1% verloren.

Das ist nicht gerade ein Vertrauensbeweis in die US-Politik.

Als Bleigewicht am Dow Jones Index erweist sich einmal mehr Hewlett-Packard. Die Aktie sank gestern weitere 3%, weil angeblich die ersten Beweise für Bilanztricks beim Software-Unternehmen Autonomy auftauchen.

Den britischen Software-Spezialisten hatte HP vor über einem Jahr für 11 Mrd. Dollar gekauft.

Vorige Woche musste HP jedoch plötzlich zugeben, dass auf den Kauf 8,8 Mrd. Dollar abgeschrieben werden.

Das FBI untersucht nun Autonomy. Und HP muss mit Klagen erzürnter Aktionäre rechnen.

Alarmierend klingt zur Wochenmitte auch die Warnung des Bipartisan Policy Center in den USA.

Dieses warnt, der US-Finanzminister habe diesmal weniger Waffen im Arsenal um zu reagieren, wenn die USA am Jahresende – also in vier Wochen – erneut an der Schuldendecke anstoßen.

Zweites Kliff droht – USA stoßen an Schuldenlimit an

Der Kongress muss zuvor die Schuldengrenze per Abstimmung erneut anheben, sonst droht den USA die Zahlungsunfähigkeit.

Doch in dem angespannten Klima mit den strittigen Spar-Verhandlungen könnte das ein brisant schwieriges Unterfangen werden.

Damit schlittern die USA streng genommen gleich auf zwei verschiedene Kliffs zu.

Das wird den Aktienmarkt in New York bis Weihnachten in Atem halten und alle Nachrichten aus Europa und aus der eigenen US-Konjunktur stark überlagern.

Das gilt vermutlich auch für möglicherweise gute Konsumzahlen, die bis dahin noch aus dem angelaufenen Weihnachtsgeschäft kommen.

Ob es auch an diesem Donnerstag gilt, wenn die zweite Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt der USA im dritten Quartal vermutlich stark nach oben korrigiert wird – von 2,0% auf vielleicht 2,9% – ist schwer zusagen.

Wer in diesem Umfeld gute Nerven und Geduld hat, kann getrost auf bessere Einstiegskurse warten.

Das gilt auch für die Rohstoffe, die gestern mit den Aktien weiter nachgaben.

28. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.