Wall Street im Bernanke-Fieber

Die USA sind zur Wochenmitte in Umfragefieber.

Es ist wie vor einer wichtigen Präsidentenwahl. Überall wird gelauscht und gefragt, was das (Börsen)Volk über den heutigen Tag der Entscheidung denkt.

Zwei große Umfragen stachen gestern mit Blick auf die Entscheidung der US-Notenbank am heutigen Nachmittag hervor. Die Verkündung steht um 18:30 Uhr deutscher Zeit an.

Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Maßnahme wurde heftig diskutiert, während das positive Urteil der Karlsruher Richter zur Vereinbarkeit des Europäischen Stabilitätsfonds mit dem Grundgesetz schnell abgehakt wurde.

Die viel wichtigere Frage ist jetzt aus der Sicht der Börsianer in New York: Wird der oberste US-Geldhüter Ben Bernanke heute eine dritte Runde massiver Anleihekäufe (QE3) ankündigen?

Bei Bloomberg antworteten fast zwei Drittel aller befragten Experten mit Ja.

Sie gehen sogar davon aus, dass nicht nur verstärkte Anleihekäufe kommen, sondern auch eine Verlängerung der Ära ultra-niedriger Zinsen bis 2015. Das wäre noch ein Jahr länger als bisher von der Zentralbank geplant.

Fed-Entscheidung: Inhaltliches Ziel statt Fahrplan?

Darüber hinaus erwarten die Experten auch, dass die Fed statt eines Terminfahrplans für QE3 ein Ziel angeben wird. Demnach könnte festgelegt werden, wie stark sich die Konjunktur – vor allem der Arbeitsmarkt – erholen muss, bevor der Fuß vom geldpolitischen Gaspedal genommen wird.

Die zweite große Umfrage führte gestern der Fernsehsender CNBC durch. Dort fiel das Ergebnis noch deutlicher aus als bei Bloomberg.

Von den 58 befragten Geldmanagern, Strategen und Ökonomen erwarten 90%, dass die Fed innerhalb der nächsten 12 Monate aktiv wird. 77% sagen für heute schon eine Maßnahme vorher.

QE3 – Hoffen auf den Startschuss, Zweifel an der Wirkung

Doch in der CNBC-Umfrage kommen auch kräftige Zweifel daran auf, ob die Notenbank mit ihrer nächsten Maßnahme so viel wird bewegen können.

So denken nur 36% der Geldmanager, dass die Fed mit der nächsten Geldflut die Arbeitslosenrate in den USA senken kann.

Diese verharrt seit 43 Monaten über 8%.

Es wird als Folge der nächsten Kaufrunde für Anleihen durch die US-Notenbank sogar Schlimmes befürchtet.

Peter Schiff, der Chef von Euro Pacific Capital, sagt, QE3 sei garantiert. Aber er würde die nächste Geldflut lieber nicht sehen.

„Die US-Wirtschaft hängt wie ein Drogenabhängiger am Tropf der Fed, wenn die Geldhüter mehr Rückgrat hätten, würden sie dieses Finanz-Heroin nicht mehr verabreichen.“

Schiff gibt der Fed sogar die Schuld daran, dass die Konjunktur in den USA sich derzeit nur sehr langsam und zäh erholt.

Die Sorge derer, die so argumentieren – und das sind nicht wenige: Die Notenbank wiegt die Börsianer in falscher Sicherheit und drängt viele von ihnen auf der Suche nach mehr Rendite aus dem Anleihemarkt hinaus, in den Aktienmarkt hinein.

Das wird zwar zunächst den Aktienkursen helfen. Doch der Abfluss von Kapital aus dem Anleihe-Segment wird die Zinsen nach oben treiben.

Und das verteuert sämtliche Kredite, vom Autokauf über den Kauf von Häusern bis hinzu Studien-Krediten.

Schiffs Fazit: „Die Depression wird noch schlimmer werden.“

Am Aktienmarkt in New York könnte das noch einen weiteren Schub für die Aktien bedeuten, der nicht mehr groß ausfallen dürfte und schnell an Schwung verlieren wird.

Dann dürfte eine kräftige Korrektur folgen, sagt auch Investoren-Legende Jim Rogers voraus.

Jim Rogers – „Es wird schrecklich enden“

Laut Rogers hat die laufende Rally nichts mit den wirtschaftlichen Fundamentaldaten zu tun. Die zusätzliche Liquidität der Fed pumpt Aktienkurse und Rohstoff-Notierungen auf, „und das wird schrecklich enden“, sagt Rogers.

Er nennt den Gipfelsturm an der Wall Street schlicht eine „Fed-Rally.“

Apple hat gestern endlich sein lange erwartetes iPhone 5 vorgestellt. Die ersten Reaktionen der Börsianer waren gemischt, der Kurs der Apple-Aktie tauchte spontan ein halbes Prozent ab.

Doch im Verlauf der restlichen Börsensitzung legte die Notierung wieder kräftig zu. Der Schlussstand: Plus 9,20 Dollar. Das ist ein Zuwachs von 1,4%. (siehe Grafik)

In Erwartung dessen, was Peter Schiff vorhersagt, baut derzeit auch Bill Gross, der Chef des weltweit größten Anleihefonnds Pimco, seinen Anleihebestand ab.

Der Anteil von US-Schuldscheinen in seinem 272 Mrd. Dollar umfassenden Anlagepool sank im August auf 21%, von immerhin 33% im Monat zuvor.

Fazit: Genießen Sie die kurze Notenbank-Sonne. Und dann möglichst schnell anschnallen.

13. September 2012

geve
Von: geve.