Wall Street: Kehrt die Kliff-Angst zurück?

Das Weihnachts-Geschäft war für den US-Einzelhandel lange Zeit eine Wette mit sicherem Ausgang: Es ging fast nur aufwärts.

Deshalb bekommen Aktien großer Einzelhändler wie Wal-Mart, Target oder Amazon nach dem Thanksgiving-Wochenende immer viel Aufmerksamkeit.

Doch Vorsicht: Die Aktien der großen Retailer gehen oft nicht im Gleichschritt mit dem Weihnachtsgeschäft, das jetzt in den USA einen Höhepunkt erreicht.

Beispiel 2005: Das war das beste Jahr im vergangenen Jahrzehnt. Die Verkaufserlöse in den US-Shopping-Malls legten zum Vorjahr um satte 5,9% zu.

Doch was machten die Aktien der US-Konsumtempel ? Sie fielen im November und Dezember 3,1%.

Beispiel 2008:  Da meldete das Handelsministerium in Washington 4,6% weniger Umsatz im Einzelhandel. Aber die Aktien der Branche kletterten zum Jahresschluss knackige 6,3%.

Blickpunkt Retail-Aktien – Ein Renner in dieser Woche?

In diesem Jahr ist alles anders: Da haben die führenden Retail-Aktien in der Woche bis zum Black Friday – dem Freitag vergangener Woche – bereits eine Rally hinter sich.

Abercrombie & Fitch, ein Anbieter von Teen-Mode, legte 8,6% zu. Dollar Tree, wo alles von Spielzeugen bis zu Tierfutter verkauft wird, verzeichnet einen Wochengewinn von 8,3%. Und Macy´s machte ein Plus von 3,9%.

Doch jetzt haben der Präsident und die beiden großen Parteien in Washington nur noch fünf Wochen, um einen Kompromiss bei den schwierigen Sparverhandlungen zu erzielen.

Je länger es dauert, bis aus dem Weißen Haus die frohe Nachricht von einer Einigung kommt, desto nervöser dürfte die Börse werden.

Und desto mehr dürften die US-Konsumenten, die 70% zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern, ihren Verbrauch zügeln.

Fiskal-Kliff – Wann gewinnt die Angst vor höheren Steuern die Oberhand?

Denn ohne Kompromiss droht am 1. Januar das „Fiskal-Kliff“ mit Steuererhöhungen für viele.

Die Jubelsprünge der Aktien, die wir am Freitag gesehen haben, könnten also für die nächsten Tage ausfallen. Am Freitag hatten der DOW, der S&P 500 und der Nasdaq 100 zwischen 1,3% und 1,4% zugelegt.

Alle drei Indizes konnten in der Woche über 3% steigen.

Zu der guten Stimmung hat nicht nur die Erwartung auf einen Sparkompromiss beigetragen.

Auch der steigende Einkaufsmanager-Index aus China und die Nachricht vom unerwartet gestiegenen Geschäfts-Klima in Deutschland haben geholfen.

Bis Freitag war es schon fast wieder vergessen, dass der S&P 500 in den zwei Wochen nach Obamas Wiederwahl am 6. November einen Stand von 7,7% unter dem September-Hoch erreichte.

Die Frage ist jetzt für die Anleger und Investoren in New York, wie lange sich die gute Laune mit Blick auf die Spar-Verhandlungen hält.

Die erste Nachricht von Streitigkeiten im Weißen Haus wird zu einer Fortsetzung der Talfahrt führen, die wir nach dem Wahlabend gesehen hatten.

Doch fürs erste scheint die positive Einschätzung zu halten.

„Wir sehen aus Washington anhaltend positive Töne“, erklärt zum Beispiel Bill Greiner, ein Portfolio-Manager beim Vermögensverwalter Mariner Wealth Advisors in Kansas City, Missouri.

„Ich sehe nicht viel Platz nach unten, selbst wenn wir über das Fiskal-Kliff fallen“, bestätigt Brian Jacobsen. Er ist Anlagestratege beim Wells Fargo Advantage Fund in San Francisco.

Jordan Kotick, der oberste technische Stratege bei der Barclays Bank, hält sogar eine Dezember-Rally für möglich.

„Ich denke, der Markt preist einen Kompromiss in die Kurse ein, die Gefahr eines Falls über das Kliff ist ja bestens bekannt.“

Der S&P 500 – jetzt bei 1.409 Punkten – kann laut Kotick sogar auf 1.500 klettern, wenn er die wichtige Marke von 1.420 überwindet.

Doch dafür bedarf es eines Zünders. Und der kann in diesen Tagen eigentlich nur von den Spar-Verhandlungen in Washington kommen.

Aktienmarkt – Geduldsprobe bis Silvester

Wenn es mit Blick auf das politische Ringen eine Gewissheit unter den Beobachtern gibt, dann ist es jedoch diese: Eine Lösung kommt frühestens im letzten Augenblick, sozusagen als eine Art Silvester-Böller.

Doch hier ist der Knackpunkt: Sollte ein Kompromiss wirklich so lange auf sich warten lassen, dann nur weil die Gespräche schwierig sind.

An der Wall Street wird man das wohl kaum feiern.

Daher riecht es ab dieser Woche in New York zunächst nach einer Pause in der jüngsten Rally.

Kommt eine negative Nachricht aus Washington, setzt sich die Talfahrt der Aktienkurse aber schnell fort.

26. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.