Wall Street: Kein Sparpaket in Sicht

Die Aktien in New York haben auch den zweiten Tag der Woche im Minus geschlossen.

Man müsste für die Wall Street das Gegenteil von einem freien Fall definieren, um am besten zu beschreiben, wie langsam der Sinkflug ist.

Der S&P 500 sank gestern lediglich 0,2% auf 1.407 Zähler. Damit hat er sich zwei weitere Pünktchen von der 50-Tage-Linie bei 1.421 entfernt.

Das ist wirklich alles andere als ein rasanter Absturz, aber es etabliert sich langsam ein Trend.

Und der bekommt aktuell jede Menge Nahrung für eine Fortsetzung.

Gestern lehnte Barack Obama das Gegenangebot der Republikaner für einen Spar-Kompromiss ab. Das Papier enthielt nicht, was Obama unbedingt will: Höhere Steuersätze für reiche Amerikaner.

Die Situation im Kongress beginnt sich politisch derart festzufahren, dass der langjährige Senator Alan Simpson, einer der Vize-Vorsitzenden der berühmten Defizit-Kommission, gestern die US-Wirtschaft anflehte: „Rettet uns vor uns selbst.“

Kongress an Wall Street: „Rettet uns vor uns selbst“

Mit uns meinte Simpson natürlich die Politiker, den Kongress. Den bezeichnete er als „total konfus.“

Was das für die Aussichten auf eine Kompromiss-Lösung in Washington heißt, kann man sich denken, ohne Marc Faber oder Warren Buffett zu heißen: Gurt anlegen und ganz vorsichtig weiter fahren – oder investieren.

In den Worten von Alan Simpson lautet der Rat für die restlichen Tage des Jahres an der New Yorker Börse schlicht so: „Gehen Sie in Deckung.“

Das sehen auch Finanzexperten so: „Die Uhr tickt“, sagt Quincy Krosby, ein Aktien-Stratege bei Prudential Financial in New Jersey.

Und er fügt hinzu: „Alle Augen schauen jetzt auf Washington, der Markt wird sehr volatil sein, Sie müssen sehr gute Sicherungsgeschäfte für Ihre Aktien machen, denn Schlagzeilen treiben diesen Markt.“

Wenn es eine sichere Prognose für die Wall Street bis zum Jahresende gibt, dann ist es folglich diese: Am Einfluss der Schlagzeilen auf diesen hyper-nervösen Markt wird sich bis Silvester nichts mehr ändern.

Unter den Republikanern brechen seit gestern richtige Flügelkämpfe aus, um Steueranhebungen zu vermeiden. Ein Finanz-Blog in den USA rechnete vor, dass dem Land 6% seiner Millionäre verloren gehen, wenn es über das Fiskal-Kliff stürzt.

Sollte dann der Dollar abstürzen und die Zinsen steigen, würden alle Amerikaner – und Börsianer – zu den Verlierern zählen.

Währenddessen macht in New York eine Studie von Bloomberg die Runde, wonach die USA zwei Mal so viele Einsparungen bräuchten, wie nach jetzigem Stand selbst im günstigsten Fall von den Spar-Verhandlungen zu erwarten wären.

Selbst mutiger Spar-Kompromiss verheißt nichts Gutes

Im Klartext: Selbst mit einem phantastischen Kompromiss, der große Einsparungen von etwa 4 Billionen Dollar brächte, würden die USA zu kurz springen. Und zwar um etwa weitere 4 Billionen Dollar für die nächsten 10 Jahre.

Das entspräche zwei Mal der Gesamtwirtschaft von Brasilien, das bereits zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen ist.

Was bedeutet das für Anleger? – Es bedeutet, dass das berüchtigte Fiskal-Kliff nicht einmal die größte Gefahr ist.

Die wahre Gefahr, die sich am Horizont aufbaut, ist eine weitere Abstufung der USA, ein Kollaps des Dollars, dazu rasant steigende Zinsen.

Für die Wall Street wäre das mehr als ein Stresstest. Es wäre der Hauptgang, zu dem die Finanzkrise von 2008 nur die Vorspeise war.

Hier kommt die sicherste Prognose des Jahres: Die Nikolaus-Rally ist abgeblasen.

5. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.