Wall Street: Kliff-Absturz eingepreist?

Die Aktien in New York klettern weiter an der sogenannten „Wall of Worry“, der Furcht-Mauer, in die Höhe.

In der vergangenen Woche konnte der S&P 500-Index zum zweiten Mal hintereinander zulegen. Das Plus bis Freitag betrug 0,5%.

Für den Monat November verzeichnet der S&P 500 einen Zuwachs von 0,6%. Das folgt auf einen Rückgang von 2% im Oktober.

Angesichts einer weiter eingetrübten Weltkonjunktur – und angesichts zunehmend pessimistischer Einschätzungen der beiden großen Parteien in Washington über das angestrebte Sparpaket – ist das fast ein Wunder.

Zumindest auf den ersten Blick.

Doch näher betrachtet hat der leichte Aufwärtstrend kurzfristig durchaus seine Berechtigung.

Erstens gab es zuletzt aus der US-Kojunktur positive Nachrichten.

US-Konjunktur: Aufträge und Konsum lassen hoffen

Die Auftragseingänge für langlebige Konsumgüter stiegen im Oktober schneller als erwartet.

Das Konsum-Vertrauen kletterte auf den höchsten Wert in über vier Jahren.

Die Wachstumsrate für das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal wurde am Donnerstag von 2% in der ersten Schätzung auf jetzt 2,7% deutlich nach oben korrigiert.

Zweitens: Die Kurse am US-Anleihemarkt haben Schwindel erregende Höhen erreicht. Die möglichen Kursgewinne sind nicht mehr sehr attraktiv.

Das lenkt mehr Anlagekapital in den Aktienmarkt um und stützt die Kurse der Dividenden-Titel.

Drittens, der Bundestag in Berlin hat der nächsten Kredit-Tranche für Griechenland zugestimmt. Damit ist eine der kniffligsten Hürden im europäischen Schuldendrama – zumindest vorübergehend – beseitigt.

Natürlich hat die Abstufung von Moody´s gegen den Europäischen Rettungsmechanismus ESM negative Auswirkungen.

Die Idee des Rettungsschirms ist es ja, den Randstaaten in der Eurozone das dringend benötigte Kapital zu günstigeren Zinsen zu beschaffen.

Doch die Aberkennung des Top-Ratings macht das nun schwerer.

Unter Börsianern in New York sorgt das aber nicht für viel Nervosität, weil man an der Wall Street stets die Europäische Zentralbank als Trumpfkarte in der Hinterhand sieht.

Viertens – auch das spricht für die Aktien in New York – sind die schlechten Nachrichten aus den Schulden-Verhandlungen in Washington bereits in die Aktienkurse eingebaut.

Schwierige Verhandlungen – Aber trotzdem Hoffnung auf Kompromiss

Schlimmer als der Hinweis von John Boehner – dem Sprecher des Repräsentantenhauses – dass die Verhandlungen bisher „zu nichts führen“, kann es erst einmal nicht kommen.

Und fünftens: Die Tatsache, dass den US-Konsumenten mit oder ohne den Sturz über das berüchtigte Kliff ab 1. Januar Steuererhöhungen drohen, steckt schon in den Kursen.

Und jetzt kommt noch ein Faktor ins Spiel: Drei Monate nach der Ankündigung von QE3 durch die US-Notenbank Fed rechnen die ersten Beobachter bereits mit QE4, einer vierten großen Welle zusätzlicher Liquidität.

Manche sagen das bereits innerhalb von wenigen Wochen vorher.

Wichtigster Grund: Der Monster-Sturm Sandy ließ die Ausgaben der privaten Konsumenten im Oktober zum ersten Mal in fünf Monaten sinken.

Und das private Einkommen in den USA stagnierte zuletzt.

1. Quartal 2013 – Was kommt nach dem Kliff?

Dies lässt für das vierte Quartal 2012 – und für die ersten drei Monate in 2013 – nichts Gutes ahnen.

Der US-Konjunktur droht weiterhin ein ziemlicher Rückschlag.

Doch wenn die Verhandlungen in Washington nicht so richtig in die Gänge kommen, könnte da vielleicht Maestro Bernanke wieder ein Rettungsboot auswerfen ?

Allein die Frage löst in den Gehirnen von Anlegern und Investoren in New York schöne Kursphantasien aus, unabhängig davon, ob weitere Geld-Fluten der Fed viel bewirken können oder nicht.

Fazit – für die nächsten Tage an der Wall Street gilt:

Kurzfristig Phantasie vorhanden. Probleme sind auf mittelfristig verschoben.

Das bedeutet: Ein paar Tage zum Luft holen – und ein klein bisschen die Kurse weiter nach oben treiben – bleiben also …

3. Dezember 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.