Wall Street: Korrektur hat begonnen

Aktien steil runter, Öl hoch, Renditen im Sinkflug: Die führenden Aktien-Indizes in New York beginnen offiziell eine Korrektur.

Der DOW brach gestern 185 Punkte ein und verlor 1,5%. Der S&P 500 plumpste 1,3%.

Es war Déja vu am Aktienmarkt. Wie schon am Dienstag konnte eine prominent gute Firmen-Nachricht nicht den Abwärtstrend am Aktienmarkt verhindern.

Am Dienstag hatte sich Home Depot mit erfreulichen Zahlen vergeblich gegen sinkende Kurse gestemmt.

Gestern gab zunächst der weltweit größte Hersteller von Geräten für Telekom-Netzwerke, Cisco, gute Quartalszahlen bekannt. Die Wall Street machte sich zu einer Rally auf.

Doch dann gingen Bilder um die Welt, die einen von Israel getöteten Hamas-Führer zeigten.

Nachrichten von einer Mobilmachung verunsicherten die Börsianer und trieben den Ölpreis in den USA über 1% nach oben.

Dann trat Barack Obama vor die Presse und präsentierte seine weitreichenden Forderungen an die Adresse der Republikaner für den ersten Spar-Gipfel am Freitag im Weißen Haus.

Obama legt Latte für Schuldengespräche sehr hoch auf

Obamas Äußerungen schürten Angst, dass schwierige Verhandlungen bevorstehen und das gefürchtete Haushalts-Kliff in nur 46 Tagen droht.

Das wären 607 Milliarden Dollar höhere Steuern und reduzierte Ausgaben, die am 1. Januar automatisch in Kraft treten, wenn es vorher keinen Kompromiss zwischen Obama und dem Kongress gibt.

Das veranlasste den Business Rountable, eine Interessenvertretung der US-Wirtschaft, eine TV- und Radio-Kampagne zu starten. Darin erhöhen Vorstandschefs von renommierten Konzernen wie Xerox, United Parcel Service und Honeywell den Druck auf den Kongress, sich zügig zu einem Kompromiss mit Obama durchzuringen.

Honeywell-CEO David Cote wurde dabei drastisch: „Wenn die letzte Schuldenverhandlung 2011 ein Spiel mit dem Feuer war, dann wird dieses Mal mit Nitroglycerin gespielt“, sagt Cote.

Und er fügte hinzu: „Viele rechnen nur mit einem Feuer in Washington, aber das könnte ein Flächenbrand werden.“

Hinzu kam gestern das neue Sitzungs-Protokoll von der jüngsten Fed-Sitzung. Daraus geht hervor, dass verschiedene Fed-Gouverneure mit einer Verlängerung der Operation Twist liebäugeln.

Operation Twist ist die bis Ende 2012 terminierte Kampagne, bei der die US-Notenbank Anleihen mit kurzer Laufzeit verkauft und dafür längerlaufende Papiere kauft. Das soll die Langfrist-Zinsen zu Gunsten des Immobilienmarktes und zu Gunsten von Konsumenten-Krediten niedrig halten.

Doch vom Präsidenten der Fed-Zweigstelle in Dallas, Richard Fisher, hören wir, dass die Notenbank nicht als Retter einspringen soll, wenn die Verhandlungen über einen Spar-Kompromiss scheitern.

Für diesen Fall rechnet ja zum Beispiel das Congressional Budget Office mit einer Rezession im kommenden Jahr sowie mit deutlich steigender Arbeitslosigkeit.

„Ich sehe uns nicht als eine solche Art von Sicherheitsnetz“, sagt Fisher, „es muss eine Grenze geben.“

Auweia: Die Fed in einer neuen Rolle als Spielverderber?

Als wäre das nicht genug gewesen, meldete das Handelsministerium am Mittwoch auch noch einen Rückgang der Umsätze im Einzelhandel.

Sie fielen im Oktober auf Monatsbasis um 0,3%. Das ist eine scharfe Kehrtwende, nach der Zunahme um 1,3% im September.

Dass die US-Konsumenten in dieser heiklen Phase für die Konjunktur den Rückwärtsgang einlegen, belastet die Psychologie der Anleger und Investoren in New York zusätzlich.

US-Konsum – Rückgang lässt nichts Gutes ahnen

Diesen Effekt darf man nicht unterschätzen, zumal in den USA jetzt das Weihnachtsgeschäft in seine heiße Phase geht und der umsatzstarke „Black Friday“ in der kommenden Woche ansteht, eine Art Mutter aller Konsumschlachten.

Die Einzelhändler in Amerika ziehen den Black Friday schon auf Thanksgiving vor, den Donnerstag, um durch längere Öffnungszeiten zu mehr Umsatz zu gelangen.

Das zeigt, wie schwach die Konsumenten eingeschätzt werden und wie hart der Einzelhandel zu kämpfen hat.

Für die Börsianer heißt das, dass viele Firmen jetzt mit kleineren Gewinnmargen rechnen müssen, weil sie nur noch mit starken Rabatten ihren Marktanteil verteidigen können.

Das verspricht noch enttäuschendere Bilanzen ab Anfang Januar, wenn die Ergebnisse für das vierte Quartal 2012 berichtet werden.

Kein Wunder, dass Marc Faber den Aktien eine Korrektur von 20% vorhersagt und als Grund nicht das Haushalts-Kliff angibt, sondern die schwächeren Firmenbilanzen nennt.

Die gute Nachricht ist: Behält Faber Recht, haben wir die erste Hälfte dieser schmerzlichen Korrektur schon ungefähr hinter uns.

Das ist es aber schon an guten Nachrichten.

15. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.