Wall Street: Müde vom Warten

Es waren wieder mal schwache Konjunkturzahlen, die den Börsianern die Laune verdarben. Der S&P 500 Index fiel gestern den zweiten Tag in Folge. Nicht stark. Nur 0,1%. Auf 1.403 Punkte.

Die Markit-Indizes aus London für Dienstleister und Industrie in der Eurozone fielen im August stärker als erwartet. Auch in China nahm der Schwung in der Service-Branche ab.

Hinzu kamen schlechte Zahlen von FedEx, der weltweit größten Fracht-Airline. Die Aktie verlor 2%, weil der Gewinn im Finanzquartal bis Ende August enttäuschte.

Der erste Rückgang beim Gewinn je Aktie seit November 2009 ist ein Paukenschlag an der Wall Street.

Denn als global bestens aufgestellter fliegender Paket-Zusteller spürt FedEx viel mehr als die meisten anderen Konzerne den raueren Wind in der Weltwirtschaft.

Mikado am Aktienmarkt – Wer bewegt sich am wenigsten?

Trotzdem konnten sich die führenden Aktien-Indizes in New York am Mittwoch nahe der Nulllinie halten. Der DOW legte 0,09% auf 13.047 Zähler zu. Der Nasdaq 100 gab ganz leicht um 0,2% auf 3.069 Punkte nach.

Was den Druck auf die Aktien aus den enttäuschenden Konjunkturdaten etwas linderte, war wieder einmal das Prinzip Hoffnung.

Denn heute steht der große Tag für Mario Draghi an, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank.

Falls seine Pläne von der Politik abgesegnet wurden, will Draghi heute in Frankfurt darlegen, wie er künftig die Zinssätze der Staatsanleihen von europäischen Wackelländern niedrig halten und damit den Euro stabilisieren will.

Es sollen Käufe vor allem kürzer laufender Schuldtitel bis drei Jahre sein, ohne dass Rendite-Ziele festgelegt werden. Die Taktik dahinter: Die Finanmärkte sollen kein Ziel haben, auf das sich Spekulanten gegen die EZB stürzen können.

Aktienstarre – Wenn die einen auf dem Geld sitzen und die anderen auf ihren Papieren

Die Gefahr ist heute an den Börsen, dass Draghi mit seinen Plänen hinter den Erwartungen zurück bleibt. Erfüllt er sie dagegen, könnte es in New York zum typischen „sell on the news“ kommen.

Das sind Verkäufe, wenn das erhoffte Ergebnis eingetroffen ist, weil zuvor die Kurse schon gestiegen waren.

Wie durchwachsen das Bild am New Yorker Aktienmarkt aktuell ist, zeigt der Vergleich der Aktien im Plus und im Minus: Sechs Aktien mit Verlusten kamen auf jeweils fünf Aktien mit Kursgewinn.

Bruce Bittles, der Investmentstratege beim Vermögensverwalter Robert W. Baird & Co. in Milwaukee, bringt die vertrackte Lage, die derzeit die Aktienkurse förmlich einfriert, so auf den Punkt.

„Diejenigen, die verkaufen wollen, trauen sich nicht, weil sie fürchten, dass die Notenbanken eine Rally auslösen. Auf der anderen Seite ermutigt die Konjunktur aber auch nicht zu Käufen.“

Also: Stillstand, Richtungslosigkeit und Hoffen.

Hoffen, dass rechtzeitig, bevor die ganze Rally im Treibsand versinkt, die Notenbanken in den USA und Frankfurt einen Rettungsring zuwerfen.

„Dieses Abwarten und Tee trinken geht jetzt schon seit drei Wochen“, beklagt sich Bittles.

Doch die Hoffnung geht trotz der Geduldsprobe anscheinend nicht verloren. „Die Investoren setzen immer noch darauf, dass Mario Draghi sie heute positiv überraschen kann“, sagt Jack Ablin.

Bibbern vor Frankfurt – Was, wenn Draghi kneift?

Er hilft bei der BMO Harris Private Bank in Chicago als Portfoliomanager 60 Milliarden Dollar Anlagevermögen zu verwalten.

Viele Blicke richten sich bereits auf morgen, wenn in den USA die Jobzahlen für den August gemeldet werden. Die Experten erwarten im Schnitt 120.000 neue Arbeitsplätze in der US-Wirtschaft.

Das wären wieder einmal nicht genügend, um wenigstens das Bevölkerungswachstum abzufangen und zusätzlich die Arbeitslosenrate zu senken.

Fed-Chairman Ben Bernanke hat vorige Woche die Lage am Arbeitsmarkt als „ernste Sorge“ bezeichnet.

Eine Zahl von unter 120.000 neuen Jobs für den August würde den obersten Währungshüter der USA endgültig gnädig stimmen und eine dritte Runde massiver Anleihekäufe (QE3) auslösen.

Goldman-Prognose: Hütet Euch vor dem nächsten Donnerstag

Das hoffen jedenfalls viele an der Wall Street. Doch auch dafür müssen sie sich noch gedulden. Der Offenmarkt-Ausschuss der Fed kommt erst am kommenden Mittwoch für zwei Tage zusammen.

Der Donnerstag kommende Woche wird der zweite Tag dieser wichtigen Sitzung sein.

Er wird auch der neunte Tag seit einer etwas beunruhigenden Vorhersage sein, die der Goldman Sachs-Stratege Stuart Kaiser am Dienstag dieser Woche machte.

In 9 Tagen – also am 13. September – sei mit einem starken Verkaufsdruck an der Wall Street zu rechnen. Das ist der Tag, an dem wir erfahren werden, ob die Fed bei ihrer Sitzung eine Entscheidung über QE3 trifft.

Es scheint also, dass wichtige Insider an den Finanzmärkten immer noch starke Zweifel daran haben, dass die Notenbank so schnell zur Hilfe eilt.

6. September 2012

geve
Von: geve.