Wall Street: Noch mehr Turbulenzen?

Der Aktienmarkt an der Wall Street ist angeknackst, psychologisch und technisch.

Der S&P 500 hat mit einem Verlust von 2,3% in der vergangenen Woche jetzt um einen Punkt die 200-Tagelinie nach unten durchbrochen.

Und das zähe Ringen um ein Sparpaket in Washington, das den Sturz über das fiskalische Kliff – 600 Mrd. Dollar Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen – verhindern könnte, dürfte sich bis mindestens Januar hinziehen.

Am Freitag haben sowohl der wiedergewählte Präsident Barack Obama, als auch der Republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, ihre Positionen für die Spar-Verhandlungen benannt.

Obama will höhere Steuern für gut verdienende Amerikaner mit Einkommen über 250.000 Dollar. Boehner lehnt das strikt ab.

Wochenlanges Pokern, Feilschen und Schachern zeichnet sich ab. Für die Anleger und Investoren wartet mehr als eine Geduldsprobe.

Es könnte eine solide nach Süden orientierte Kurs-Folter werden.

Aktienmarkt – Keine Panik, aber eine Korrektur

„Ich denke nicht, dass Panik angebracht ist, aber wir werden wohl in den kommenden Monaten korrigierende Aktienkurse sehen“, sagt zum Beispiel Frank Gretz, Marktanalyst und Chart-Techniker beim Brokerhaus Wellington Shields & Co. in New York.

Noch etwas kommt hinzu, außer dieser Ungewissheit: Egal wie der Kompromiss am Ende aussehen wird, höhere Steuern werden von fast allen in irgendeiner Form erwartet: Entweder höhere Steuersätze, auch für Dividenden und andere Kapitalerträge, oder weniger Schlupflöcher.

Diese Aussicht motiviert viele Börsianer, zumindest einen Teil ihrer Aktien vor dem Jahresende zu verkaufen, um die Steuerlast zu reduzieren.

Doch die größte Sorge macht Anlegern und Investoren die Technik. „Es gibt einen technischen Schwächeanfall, der Vorbote weiter sinkender Kurse sein könnte“, fürchtet Adam Sarhan, Chef beim Vermögensberater Sarhan Capital in New York.

Was er meint, liegt auf der Hand: 17 der 30 Aktien im DOW notieren bereits sowohl unter der 50-Tagelinie, als auch unter der 200-Tagelinie.

Weitere 8 Aktien sind zumindest schon unter die 50-Tagelinie gerutscht.

Nur fünf Werte im DOW können sich bislang über beiden Linien halten: Bank of America, JP Morgan Chase, Home Depot, Johnson & Johnson sowie Travelers Co.

Schwer auf dem Markt lastet auch der Ausverkauf bei Apple.

Der Tech-Primus hat in der vergangenen Woche insgesamt 5,2% verloren. Seit dem Hoch am 21. September hat die Aktie 22,4% abgegeben. Damit ist sie offiziell im Bären-Territorium.

Der einzige Lichtblick könnte in dieser Woche ausgerechnet von der auslaufenden Bilanzrunde für das dritte Quartal kommen.

Bislang haben zwar 449 der S&P 500-Firmen die Zahlen präsentiert und 71% die Gewinnprognosen der Analysten übertroffen.

Doch satte 60% haben bei der Umsatz-Prognose enttäuscht. Bei den Umsätzen für das dritte Quartal konnten lediglich 38% der Firmen überzeugen.

Die gute Nachricht: In dieser Woche stehen die Bilanz-Zahlen von großen Retailern wie Target, Wal-Mart und Home Depot an.

Konsumenten gut gelaunt – Aber in Schnäppchen-Laune

Und der Index für das Konsumenten-Vertrauen der University of Michigan ist mit einem Zählerstand von 84,9 im laufenden Monat auf dem höchsten Stand seit fünf Jahren.

Für das Weihnachtsgeschäft, das in den USA jetzt auf Hochtouren kommt, sind das gute Nachrichten.

Doch die US-Einzelhändler sind vorsichtig. Der Retailer J.C. Penney meldete vergangene Woche ein Minus bei den Verkaufserlösen von 26% für Ländern, die seit mindestens einem Jahr geöffnet haben.

Die Kunden strafen J.C. Penney dafür ab, dass die Coupons fast komplett ausgemustert wurden, um das Billigheimer-Image abzustreifen.

Dass die Kunden der Kette das so übel nehmen, lässt ahnen, worauf es im Weihnachtsgeschäft diesmal noch mehr als früher ankommt.

Wer bietet die größten Rabatte an ? Das bedeutet zwar Umsatz. Aber die Gewinne leiden unter den vielen Schnäppchen-Angeboten.

Sollte zu dem Krimi um den Spar-Kompromiss in Washington noch eine schlechte Nachricht aus Europa oder aus dem Weihnachtsgeschäft hinzu kommen, dürfte dies einen weiteren Schub nach unten am Aktienmarkt auslösen.

Das Ende der Verhandlungen um den EU-Haushalt, das den EU-Gipfel in diesem November platzen lassen könnte, wäre so eine Nachricht aus Europa.

Die Wall Street bleibt daher unter Strom.

Und die Aktienkurse bleiben unter Druck.

Den Anleihen wird das helfen, dem Gold wahrscheinlich auch.

12. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.