Wall Street: Rohstoffe unter Druck

Schon wieder Minuszeichen in New York. Aktien und Rohstoffe bleiben unter Druck. Das fiskalische Kliff wird zum Dauer-Gespenst.

Daran ist zur Mitte dieser Woche vor allem eine vielsagende Zahl Schuld.

Im Oktober, dem ersten Monat des neuen Budgetjahres in Washington, stieg das Defizit laut dem Finanzministerium um 22% gegenüber dem Vorjahr an.

Das ist ein Weckruf für die jetzt beginnenden Schulden-Verhandlungen in der US-Hauptstadt. Am Freitag sitzen sich im Weißen Haus erstmals der Präsident und die Spitzen der beiden großen Parteien gegenüber.

Die Washington Post berichtet, dass US-Präsident Obama zu Verhandlungsbeginn eine Anhebung der Steuereinnahmen um 1,6 Billionen Dollar für die kommenden 10 Jahre plant.

Sparpaket – Obama sattelt ordentlich drauf

Zur Erinnerung: Bei den gescheiterten Verhandlungen im August 2011 hatte Obama nur 800 Milliarden bis 1,2 Billionen Mehreinnahmen verlangt.

Er hat also mindestens ein Drittel draufgesattelt. Das verspricht brisante und explosive Verhandlungen.

Für die Wall Street werden diese Gespräche in den nächsten Wochen im Weißen Haus den Spannungsbogen eines James Bond-Movies haben.

Und da geht bekanntlich jedes Mal einiges über die Klippe.

„Wir haben es mit einer ausgerasteten Haushaltspolitik zu tun, wir müssen dringend die Ausgaben verringern und die Einnahmen des Staates erhöhen.“ Das erklärt Ward McCarthy, der Chefökonom bei Jefferies & Co. In New York.

Dabei gibt der Finanzexperte die Einschätzung der Wall Street wieder.

Zittern am Budget-Kliff – Entwarnung erst 2013

Doch das Problem für den Aktienmarkt in New York für die kommenden Wochen ist folgendes: Die wenigsten rechnen mit einem Kompromiss für das angestrebte Sparpaket vor dem 1. Januar.

Nur 38% der Amerikaner zeigten sich in einer Umfrage des Pew Research Center und der Washington Post in dieser Woche überzeugt, dass der Präsident und der Kongress bis Jahresende einen Deal verkünden werden.

Im Klartext: Die Börsianer werden zumindest auf die Kliffkante stolpern, bevor sie durch ein Sparpaket vom drohenden Abgrund zurück gezogen und in Sicherheit gebracht werden.

Das fiskalische Kliff besteht bekanntlich aus 607 Milliarden Dollar höheren Steuern und niedrigeren Ausgaben, die automatisch in Kraft treten, wenn die streitenden Partein – Republikaner und Demokraten – keine gemeinsame Lösung finden.

Da überrascht es kaum, dass wieder mehr Anleger und Investoren die Sicherheit von US-Anleihen suchen.

Der jüngste Kursanstieg der US-Treasuries (Staatsanleihen) ließ gestern die Rendite der 10jährigen Papiere auf ein 2-Monatstief sinken.

Das ist jetzt der wichtigste Angstpegel an der Wall Street, bis eine Lösung im Sparstreit verkündet wird.

Technologieaktien und Finanzwerte erweisen sich in diesem explosiven Umfeld als die größten Verlierer in New York.

Die große Ausnahme gestern am Aktienmarkt war die Heimwerker-Kette Home Depot.

Weil das Unternehmen für das dritte Quartal bessere Gewinnzahlen als erwartet berichtete, schoss der Kurs 3,6% nach oben.

Damit ist Home Depot der Tagesgewinner vom Dienstag.

Es gibt sie also noch, die positiven Überraschungen. ABER: In diesem Furcht-erfüllten Umfeld in New York entwickeln solch positive Nachrichten derzeit keine Zugkraft für die Aktienkurse.

„Wenn wir diese Kliff-Ängste nicht hätten“, sagt Tom Mangan, ein Fondsmanager bei James Investment Research in Ohio, „dann hätte Home Depot gestern den ganzen Markt nach oben gezogen.“

Dass in Europa derweil über den Haushalt für Brüssel gestritten wird – und Griechenland auch auf ein Kliff zutreibt – hilft der Psychologie in New York natürlich nicht.

Zwei prominente Meinungsäußerungen geben seit gestern den Börsianern an der Wall Street auch noch zusätzlich zu denken.

Mini-Zinsen – Erneute Verlängerung durch die Fed?

Der ehemalige Finanzminister Robert Rubin schreibt in einem Kommentar für die New York Times, dass Amerika nicht um die Anhebung von Steuern für die Reichen herumkommt.

Das Schließen von Schlupflöchern im Steuersystem allein reiche nicht, um die USA vor einem Sturz über das Budget-Kliff zu bewahren.

Die zweite Äußerung kommt von Ben Bernankes Stellvertreterin Janet Yellen. Sie ist im Gespräch als mögliche Nachfolgerin, wenn Bernankes Amtszeit im Januar 2014 ausläuft.

Laut Yellen könnte es sein, dass die Notenbank wegen des schwachen Arbeitsmarktes die rekordniedrigen Zinsen bis 2016 verlängern muss.

Damit sind niedrige Leitzinsen zum einzigen Produkt auf diesem Planeten geworden, dessen Verfallszeit immer länger wird.

Man könnte es Magie nennen. Für die Börsianer in New York ist es ein dringend benötigtes Beruhigungsmittel.

14. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.