Wall Street: Sechs Wochen Fiskalkliff-Drama

Wenig Umsatz, noch weniger Kursbewegungen. Die neue Woche an der Wall Street beginnt ereignislos. Doch das kann sich ganz schnell ändern.

Am Montag war der „Veterans Day“, an dem in Nordamerika der Kriegsopfer gedacht wird.

Die drei führenden Aktien-Indizes zeigten Veränderungen erst an der zweiten Stelle hinter dem Komma.

Aktien wurden gehandelt, aber Banken und Bondmärkte blieben zu.

Mehr noch: Weniger als 292 Millionen Aktien von Firmen, die an der New York Stock Exchange gelistet sind, wurden gehandelt. Weniger waren es zuletzt im Jahr 2003 gewesen.

Phasenweise wurden 216 Wertpapiere wegen eines Computer-Problems nicht gehandelt.

Wir haken den ersten Tag dieser Woche also besser ab. Er war nicht nur ereignislos. Er war auch in keiner Weise repräsentativ.

Mit einer Ausnahme: Die Angst vor dem fiskalischen Kliff in den USA – 607 Milliarden Dollar höhere Steuern und geringere Ausgaben zu Jahresbeginn 2013 – hält weiter die Börsianer in Atem.

Fiskalkliff-Börse: Niemand will sich aus dem Fenster hängen

„Es dreht sich alles nur darum, ob wir einen Kompromiss im Ringen um ein Sparpaket sehen werden“, sagt Mark Luschini, der Chefstratege bei Janney Montgomery Scott, „der Markt will sich nicht weit aus dem Fenster hängen.“

3,3% hat der S&P jetzt verloren, seit Barack Obama vor einer Woche wiedergewählt wurde. Das zeigt die ganze Nervosität, die die Wall Street eisern in ihrem Würgegriff hält.

Kein Wunder: Zählt man nur die reinen Arbeitstage, dann haben Präsident und Kongress lediglich zwei Wochen, um sich auf ein Sparpaket zu einigen, das die Defizite verringert, ohne die Konjunktur abzuwürgen.

Und das ist beileibe nicht viel.

Morgen empfängt Barack Obama im Weißen Haus Wirtschaftskapitäne aus der US-Industrie. Dort könnte sich abzeichnen, ob der Präsident genügend Top-Manager um sich scharen kann, die ihn bei höheren Steuern für reiche Amerikaner unterstützen.

Die Republikaner lehnen dies vehement ab.

Doch es scheint, als stelle sich bereits die ganze Wall Street darauf ein, dass in irgendeiner Weise in den kommenden Monaten die Steuern steigen.

Allein das wird für eine Korrektur der Aktien sorgen.

„Wir werden in den nächsten sechs Wochen nur auf die Nachrichten zum Fiskalkliff starren“, sagt Thomas Nyheim, Fondsmanager beim Christiana Trust in Wilmington, Delaware.

Seine Einschätzung zur Chance auf einen Kompromiss entspricht der vorherrschenden Meinung an der Wall Street: „Es gibt eine gute Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Deal bekommen, aber je länger das dauert, desto negativer wird die Börse reagieren.“

Gute Nachrichten kommen derweil aus China: Dort sind die Ausfuhren im Oktober um 11,6% gestiegen. Nach Crash sieht das für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht aus.

Das ist gute Kunde für die Metalle.

Kupfer setzt sich von seinem August-Tief nach oben ab. Aluminium und Zink legen über 2% zu. Kein Wunder: China ist der größte Importeur von Kupfer und Aluminium.

Aktienkurse – Kurzfristig etwas nach oben?

Nicht wenige Beobachter der Wall Street können sich ganz kurzfristig einen Kursanstieg am Aktienmarkt vorstellen, bevor es weiter nach unten geht.

David Bianco, Chefstratege für US-Aktien bei der Deutsche Bank, vermutet: Der nächste Ausschlag beim S&P 500 von 5% dürfte nach oben gehen.

Währenddessen werden auf amerikanischen Finanzwebseiten eifrig Tipps für Anleger herum gereicht, wie sie sich mit ihren Investments am besten gegen das drohende Fiskalkliff wappnen können.

Die meistgenannten Empfehlungen lauten: Dividenden-Papiere und Anleihen von Schwellenländern.

Doch die Erwartungen sind aktuell nicht besonders gut an der Wall Street.

Eine Umfrage von Reuters unter Finanzexperten ergibt: Die meisten erwarten am Ende eine Einigung bei den Sparverhandlungen in Washington.

Aber wenn sich die Positionen verhärten und die Gespräche darunter leiden, wird das Vertrauen in die US-Wirtschaft leiden.

Reichlich drastisch hat dies am Montag Pimco-Gründer Bill Gross ausgedrückt: „Das fiskalische Kliff in den USA ist tiefer als angegeben, es ist ein Grand Canyon.“ – Und der hat bekanntlich steile Wände.

13. November 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.