Meta testet problematischen „Voice Mode“ im Metaversum-Prototyp

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Zuckerbergs Vision eines Metaversums ist zum Erfolg verdammt. Die Wachstumsgrenzen der überalternden Community im sozialen Netzwerk Facebook scheinen in absehbarer Zeit erreicht, und ob der Messenger WhatsApp oder der Fotodienst Instagram auf Dauer im Konzern verbleiben dürfen, ist aktuell Gegenstand wettbewerbsrechtlicher Auseinandersetzungen.

Große Probleme mit „Hate Speech“ und Belästigung im sozialen Netzwerk

Die Marktmacht aller drei Apps ist derweil ungebrochen, mehrere Milliarden Menschen weltweit nutzen mindestens eine der Plattformen regelmäßig – zur Selbstdarstellung, zur Interaktion mit Familie, Freunden und Bekannten, zum Austausch mit gänzlich Fremden, zur Informationsgewinnung oder ganz einfach zum Zeitvertreib.

Vor allem Facebook und Instagram geraten dabei immer wieder wegen „Hate Speech“ in die Kritik: So wird zwar konsequent alles zensiert, was nach nackter weiblicher Brust aussieht, doch schnell hinuntergetippte Verbalausfälle bleiben oftmals einfach stehen. Content Manager kommen kaum hinterher, die Kommentarspalten unter Postings geschäftlicher oder medialer Seiten frei von Störenfrieden zu halten.

Wie können Nutzer im Metaversum künftig besser geschützt werden?

Nun steht das Unternehmen vor der Frage, wie es Nutzerinnen und Nutzer im Metaverse künftig schützen kann. In einer derzeit eingeschränkt verfügbaren Testversion namens Horizon Worlds werden Sicherheitsmechanismen erprobt, die zwar offenbar wirksam vor sexueller Belästigung schützen können, dafür aber andere, durchaus problematische Effekte mit sich bringen dürften.

So plant Meta Medienberichten zufolge die Einführung eines sogenannten „Voice Mode“. Mit diesem lassen sich Stimmen von „Nicht-Freunden“ zu unverständlichem, aber freundlich klingenden Gebrabbel quasi „stummschalten“ – man hört noch, dass gesprochen wird, kann aber nichts Inhaltliches mehr identifizieren.

Freundliches Gebrabbel statt unerwünschter Kommentare

Ein Vorteil der Technik: Unerwünschte Gespräche können so einfach deaktiviert werden. Niemand ist gezwungen, sich Sprüche anzuhören, die ihm oder ihr nicht gefallen. Beleidigungen oder Belästigungen lassen sich so recht mühelos abstellen.

Ein Nachteil der Technik liegt damit aber bereits auf der Hand: So ist auch niemand gezwungen, sich Argumente anzuhören, die womöglich der eigenen Meinung widersprechen. Diskurse können so im Keim erstickt werden. Im Gegenzug wird die Echokammer enger, die eigene „Bubble“ kann noch stärker nach außen abgeriegelt werden, als es etwa Facebook-Algorithmen ohnehin schon tun.

Zielgruppengenaue Ansprache führt zum Rückzug in die Bubble

Das Phänomen ist seit Jahren bekannt: Die Computer hinter Facebook analysieren das Nutzerverhalten innerhalb und außerhalb der Plattform möglichst detailliert, um Werbeanzeigen, aber auch andere Vorschläge möglichst interessengenau ausspielen zu können. Darauf basiert das Geschäftsmodell, hierüber nimmt das für Nutzer kostenfreie Netzwerk seine Milliarden ein: Je besser man die potenzielle Werbezielgruppe (er)kennt, umso zielgerichteter und erfolgversprechender können die Anzeigen ausgespielt werden – und umso höhere Gebühren kann Facebook von seinen Werbekunden für die passgenaue Zielgruppenansprache verlangen.

Ein Nebeneffekt dieser Praxis ist, dass Nutzern vor allem Produkte oder auch Links zu Videos und Artikeln vorgeschlagen werden, die der eigenen politischen Einstellung entsprechen. Anstatt mit Gegenmeinungen konfrontiert zu werden oder sich mit andersgelagerten Argumenten auseinandersetzen zu müssen, ziehen sich die User – ohne dies unbedingt selbst zu merken oder gar steuern zu können – immer mehr in die eigene „Bubble“ zurück. Sie sind im Netzwerk zunehmend umgeben von Meldungen, die den eigenen Einstellungen und Erwartungen bereits entsprechen, was wiederum zu verstärkenden Effekten führen kann. Wer sich nicht mehr über die Grenzen des eigenen Meinungsspektrums hinauswagt, sondern lediglich eigene Werte und Vorstellungen von allen Seiten bestätigt bekommt, bei dem können sich mitunter problematische Entwicklungen schnell verfestigen – und im schlimmsten Fall zum gesamtgesellschaftlichen Problem werden, etwa wenn sich Einzelne radikalisieren und gegen alle „Andersdenkenden“ auch jenseits der virtuellen Welt vorgehen wollen.

Ignorieren statt entgegenwirken

Die Tendenz zum Rückzug in die Echokammer, in der nur das zurückschallt, wovon man ohnehin schon überzeugt ist oder wohin man zumindest tendiert, könnte durch den „Voice Mode“ noch verstärkt werden. Hier können Nutzer aktiv alles ausblenden, was ihnen missfällt oder nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.

Das geht bei den bisherigen Netzwerken selbstverständlich auch schon, etwa durch Blockieren anderer Nutzer. Doch mit der Erprobung des „Voice Mode“ zeigt Meta noch lange vor Einführung des geplanten Metaversums, dass man künftig keineswegs neue Wege erkunden will, um unerwünschten Belästigungen Herr zu werden. Stattdessen setzt man auf Altbewährtes: stummschalten und ignorieren. Davon allein dürften Hate Speech und belästigende Kommentare keineswegs verschwinden. Zwar ist schon viel gewonnen, wenn die potenziellen Opfer effektiver geschützt werden können und sich derartigen Angriffen nicht aussetzen müssen. Doch auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft, die Facebook-Gründer und Meta-Chef Mark Zuckerberg so gerne als seine Vision verkauft, könnte sich der „Voice Mode“ als kontraproduktiv erweisen.

Meta Aktie: Noch nicht erholt vom Februar-Schock

Nichtsdestotrotz: Auf dem Metaversum ruhen große Hoffnungen, nicht zuletzt auch von Seiten der Werbekunden sowie der Anleger. Neue Impulse kann die Aktie gut gebrauchen: Seit Beginn des Jahres hat sie sich nahezu halbiert und kostete zuletzt noch etwas über 160 Dollar. Damit hat sich der Kurs deutlich schwächer entwickelt als der insgesamt gebeutelte Aktienmarkt. Extrem unter Druck geriet die Meta Aktie Anfang Februar, als die Zahlen für das Schlussquartal 2021 die Anleger schockten – weil die Zahl aktiver Nutzer auf Facebook erstmals leicht rückläufig ausgefallen war.

Zwar konnten die nachfolgenden Q1-Zahlen die Aktionäre wieder etwas beruhigen. Doch von dem immensen Kursrutsch Anfang Februar hat sich die Meta Aktie bislang nicht erholt. Als umso wichtiger werden auch weiterhin die Aussichten auf das Metaversum eingestuft.

Analysten warnen vor Umsatzrückgang in Q2

Analysten warnten zuletzt häufiger vor rückläufigen Werbeeinnahmen, weil Geschäftskunden angesichts der dynamischen Inflationsentwicklung ihre Marketingbudgets zurechtstutzen könnten. Zusätzlich könnten sich Wechselkurseffekte negativ auf die Bilanzen der US-Konzerne auswirken: Erstmals waren beispielsweise Euro und Dollar vor wenigen Tagen im Verhältnis 1:1 bewertet. Das Problem trifft nicht nur Facebook, sondern auch andere Unternehmen, deren Haupteinnahmequelle auf Werbeanzeigen beruht wie etwa Google. Im Gegensatz zu Facebook und Meta verfügen andere Tech-Konzerne aber noch über alternative Einnahmequellen, beispielsweise das wachstumsträchtige Cloudgeschäft.

Für Meta rechnen Analysten mit möglicherweise erstmals rückläufigen Umsätzen in der Q2-Bilanz, die für den 27. Juli erwartet wird. Vor diesem Hintergrund hat die kanadische Bank RBC das Kursziel für die Meta Aktie von 240 auf 200 Dollar gesenkt, die Kaufempfehlung jedoch beibehalten. Etwas weniger optimistisch positionierte sich dagegen die US-Großbank JP Morgan: Sie beließ die Einstufung auf „neutral“, reduzierte aber zuletzt das Kursziel von 275 auf 225 Dollar.