Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Ist es als Bewertungs-Kennziffer tauglich?

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Falls Sie schon längere Zeit ein eifriger Chartanalyse-Trends-Leser sind, dann kennen Sie meine Maxime: Die Kurse von Aktien werden nahezu […] (Foto: everything possible / Shutterstock.com)

Falls Sie schon längere Zeit ein eifriger Chartanalyse-Trends-Leser sind, dann kennen Sie meine Maxime:

Die Kurse von Aktien werden nahezu ausschließlich von den Unternehmens-Gewinnen getrieben.

Das gilt auch dann, wenn es auf den 1. Blick nicht ganz so offensichtlich erscheint:

  • So kann beispielsweise die Installation eines neuen Vorstands-Chefs die Kurs-Phantasie der Anleger beflügeln. Doch das Ziel des neuen Mannes am Ruder ist letztlich, den Konzern profitabler zu machen.
  • Auch könnte ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung für einen Aufwärtstrend der Aktie sorgen. Doch hier steckt ebenfalls die Aussicht auf höhere Firmen-Gewinne dahinter.
  • Die Ankündigung eines Aktienrückkauf-Programms hebt auch gerne die Laune der Investoren. Doch auch hier geht es vornehmlich um das Ziel eines höheren Gewinns:

Durch den Rückkauf eigener Anteile verringert sich die Zahl der ausgegebenen und frei handelbaren Aktien.

Der erzielte Gewinn verteilt sich so auf weniger Stücke, wodurch das Ergebnis je Aktie – trotz eines gleichbleibenden Nettogewinns  – gesteigert werden kann.

Gängiges Bewertungs-Werkzeug: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

Wenn wir über den Gewinn pro Aktie reden, dann ist das Thema Bewertung nicht weit:

Das wohl gängigste Werkzeug zur Beurteilung einer Aktie ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz: KGV.

Zur Berechnung des KGVs wird der Kurs einer Aktie durch den erzielten Gewinn je Anteil dividiert. Heraus kommt dann eine positive Zahl über Null.

Wie bewerten Sie das KGV einer Aktie?

Das Problem, welches sich bei der Bewertung einer Aktie mittels des Kurs-Gewinn-Verhältnisses ergibt: Wie ist die ermittelte KGV-Kennziffer einzuschätzen?

Ist eine Aktie bei einem KGV von 10, 15 oder 20 schon zu teuer? Oder ist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 noch „tolerierbar“?

Schauen wir zur Beantwortung der Fragen einmal auf die Studien-Ergebnisse von William J. O’Neill, Herausgeber der amerikanischen Börsenzeitung „Investors Business Daily“.

Die folgenden Daten sind seinem Buch „How to make Money with Stocks“ (übersetzt: „Wie Sie Geld mit Aktien verdienen“) aus dem Jahr 2002 entnommen:

Studien-Ergebnisse zum KGV von William J. O’Neill

  • Zwischen 1953 und 1985 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 20. Während ihres Aufstiegs erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Mittel um +125% auf etwa 45.
  • Zwischen 1990 und 1995 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 36. Während ihrer Aufwärts-Bewegung erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Schnitt um +122% auf etwa 80.
  • Zu Beginn ihres Aufstiegs bewegte sich das KGV in einer Spanne von 25 – 50 und dehnte sich auf 60 – 115 aus. Ende der 1990er-Jahre – im Rahmen der Internet-Blase – erreichten viele Top-Performer sogar noch weit höhere KGVs.

Was O’Neills Erkenntnisse für Sie bedeuten

O’Neills Erhebungen machen Ihnen 2 Dinge deutlich:

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  1. Ein (vermeintlich) hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis sagt rein gar nichts über das Gewinn-Potenzial einer Aktie aus.
  2. Tatsächlich ist ein hohes KGV eher ein Indiz dafür, dass Sie es mit einer beim Gewinn stark wachsenden Aktiengesellschaft zu tun haben. Und Gewinne treiben schließlich die Aktienkurse.

Die Magie des Gewinn-Wachstums

Die nachfolgende Tabelle zeigt Ihnen, wie unsinnig das Festhalten an der Bewertungs-Methode Kurs-Gewinn-Verhältnis ist:

magie des gewinnwachstums_10-04-2017

Die Magie des Gewinn-Wachstums: KGV als Bewertungs-Kennziffer untauglich

In dieser Auswertung habe ich einmal ein konstantes jährliches Wachstum beim Unternehmens-Gewinn von +25% unterstellt.

Die Spalte “Wachstum p.a.” zeigt den Betrag, um den sich dann der Gewinn pro Aktie jährlich erhöht.

Ausgehend von einer Gewinnbasis von 1,00 € oder 1,00 USD habe ich dann auf der rechten Seite einmal die Kurs-Entwicklung berechnet, wenn das KGV konstant die Bewertungen von 10 bzw. 25 annimmt.

Es ist erstaunlich, nicht wahr!? Das Gewinn-Potenzial bleibt in beiden Fällen völlig gleich – es ist komplett unerheblich, wie hoch die dauerhafte Bewertung mittels KGV ist!

Nach 9 Jahren Gewinn-Steigerungen um jeweils +25% hat sich der Aktienkurs um satte +645,1% verbessert.

Fazit und Empfehlung

Ich nenne das gerne „Die Magie des Gewinn-Wachstums“.

Einmal abgesehen davon, dass sich schwer einordnen lässt, ab wann ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) preiswert, angemessen oder zu teuer ist:

Wenn Sie auf ertragsstarke Unternehmen oder – noch besser – auf Gesellschaften mit einem hohen Gewinn-Wachstum setzen, dann ist das KGV als Messlatte für Sie untauglich.

Ganz nebenbei haben Sie erfahren, welche Bedeutung das Gewinn-Wachstum einer Aktiengesellschaft für den Kurs hat.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.