Kapitalmarkt und Konjunktur 2019: Die Rückkehr der Unsicherheit

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Alles ist drin – auch das komplette Gegenteil: Selten waren sich Konjunktur- und Kapitalmarktexperten in ihrer Ratlosigkeit so einig, wie beim Blick auf das kommende Börsenjahr. (Foto: tom - Adobe Stock)

Beim Prinzip Hoffnung, weiß man, dass es nicht zwingend greift. Manchmal geht es auch nach hinten los. Umso mehr verließen sich die Kapitalmarktexperten auf ihre Wahrnehmung, dass es keine größeren ökonomischen Risiken für die Weltwirtschaft gäbe. Und da es angesichts anhaltend niedriger bis negativer Zinsen kaum Alternativen zur Aktienanlage gab, sahen sie Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer auf bis zu 14.500 Punkte steigen. Selbst die Pessimisten konnten sich nur ein DAX-Stand von 12.300 Punkten zu Jahresende vorstellen – und lagen damit weit daneben.

Tatsächlich kämpft der Deutsche Aktienindex zum Jahreswechsel darum, die 10.000-Punkte-Marke zu halten. Statt der vorhergesagten Hausse brachen die Kurse ein. Der Index verlor im Jahresverlauf fast 25 Prozent. Im Vergleich dazu nimmt sich das Minus von 16 Prozent beim amerikanischen Dow Jones fast überschaubar aus. Der Index der wichtigsten US-Werte hielt sich um die 22.000 Punkte.

Der Kursverfall lässt die Nervosität steigen

Die Frage ist nur, wie lange. Vorsicht ist angesagt. Glaubt man der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dann hat das globale Wirtschaftswachstum seinen Zenit überschritten. Die weltweite Wachstumsprognose für 2019 wurde von 3,7 auf 3,5 Prozent zurückgenommen. Klingt nicht viel, gibt im Kontext des offiziellen Forecasts jedoch Anlass zur Sorge. Angel Gurria, der OECD-Generalsekretär, und sein Chefvolkswirt Laurence Boone brachten ihr Szenario auf eine kurze Formel:

„In vielen Ländern ist die Arbeitslosigkeit auf Rekordtiefstständen, und es beginnt sich ein Arbeitskräftemangel zu zeigen. Steigende Risiken könnten […] die prognostizierte weiche Landung in der Abschwächung untergraben. Das Handelswachstum und die Investitionen haben sich aufgrund von Zollerhöhungen abgeschwächt. Höhere Zinsen und ein aufwertender US-Dollar haben zu einem Kapitalabfluss aus den Schwellenländern geführt und schwächen deren Währungen. Die monetären und fiskalischen Impulse werden im OECD-Raum schrittweise zurückgenommen.“OECD Economic Outlook, Volume 2018 Issue 2

Wem das noch nicht klar genug ist, für den wurde bei der Veröffentlichung des Ökonomischen Ausblicks ausdrücklich darauf verwiesen, dass Handelskonflikte und politische Unsicherheit die Schwierigkeiten der Regierungen verschärfen würden, ein starkes, nachhaltiges und integratives Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Gurria verband das mit der Forderung an die politischen Entscheidungsträger, dazu beizutragen, das Vertrauen in das internationale regelbasierte Handelssystem wiederherzustellen und Reformen durchzuführen, die das Wachstum ankurbeln und den Lebensstandard anheben – insbesondere für die Schwächsten.

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Nichts ist nur schlecht: Die Suche nach Chancen

Die Forderung des OECD-Oberen ließe sich auch übersetzen mit: Dem Tüchtigen gehört die Welt. Und wäre damit ganz im Sinne von Dr. Gertrud Traud. Die Chefvolkswirtin der Helaba tanzte mit ihrer Prognose für 2018 aus der Reihe und sah als einzige der namhaften Börsenbeobachter den DAX im Rückwärtsgang. Auch dieses Jahr folgt die Helaba nicht dem Mainstream. Für 2019 verbreitet das Haus verhaltenen Optimismus: Alles wird gut, wenn wir uns anstrengen, so die Botschaft.

Frau Traud sieht die Wirtschaft zu 70 Prozent in einer Situation wie im Fitnessstudio. Mit den richtigen Übungen ließe sich die langjährige Aufwärtstendenz stabilisierung und verlängern. Passiert das nicht, heißt ihr Szenario vielsagend „Notaufnahme“. Eintrittswahrscheinlichkeit: 20 Prozent. Das Nichtstun zum Erfolg führt, wäre wie in einer Wellness-Oase und hat eine Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent.

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Nach „Hoch“ kommt „Runter“? Die Zweifel am Zyklus

Tatsächlich gelten die meisten Risiken für Finanzmärkte und Konkunktur als bekannt. Da ist der Handelsstreit zwischen den USA und China. Da ist die Unsicherheit über den Brexit. Und da ist die Frage, wie die ohnehin bankenkrisengeschüttelten Italiener zur Haushaltsdisziplin gezwungen werden können.

Das Wort Risiko kommt aus dem Italienischen, und es verbindet die Beschreibung einer Gefahr bzw. negativer Folgen eines Ereignisses mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen eines Handelskriegs, eines ungeordneten Ausscheidens der Briten aus der EU oder eines fortgesetzten Handelsstreits der EU mit Italien gelten als an den Börsen „eingepreist“: Die Profis rechnen nicht mit größeren Überraschungen. Dennoch ist die Stimmung an den Märkten mau. So etwas nennen die Experten – Unsicherheit.

Unsicherheit lässt sich schwer in Zahlen fassen. Sie ist das „Bauchgefühl“, das Finanzmärkten dieses letzte Quentchen Irrationalität gibt. Das heißt aber nicht, dass Unsicherheit unbegründet sein muss. Letztlich sieht die klassische Volkswirtschaftslehre die Wirtschaftsentwicklung in Zyklen verlaufen. Nach „Hoch“ und „Höhepunkt“ kommt „Runter“ und „Tiefpunkt“.

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UBS – Turning Points 2019(externe Webseite)

In den vergangenen zehn Jahren jedoch kannten die Kapitalmärkte im wesentlichen nur eine Richtung: nach oben. Die Finanzkrise – ein Jahrhundertereignis – war der letzte wirkliche Einschnitt. Viele seiner Kunden hätten das Gefühl, jetzt müsse doch der Abschwung kommen, wird nun der UBS Anlagestratege Maximilian Kunkel in „Capital“ zitiert. Und etliche seiner Kollegen auch von anderen Banken und Vermögensverwaltern machten Jahreswechsel ähnliche Erfahrungen.

Das Tempo mag abnehmen, aber die Wirtschaft wächst weiter

Und so wartet die Finanzwelt auf einen wirklichen Auslöser für die nächste Krise. Wo sie sich früher daran orientierte, ob allgemeine Preissteigerungen auf Produktionsengpässe und Überhitzungen deuteten, fehlen aktuell verlässliche Indikatoren. Die weltweite Wirtschaftsvernetzung hat den klassischen Konjunkturzyklus ausgehebelt: Irgendwo auf der Welt gibt es immer jemanden, der liefern kann, zu Preisen, die akzeptabel sind.

„Aufschwünge sterben heute nicht mehr an Altersschwäche“, sagt Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Zu hoch sei die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken wie Federal Reserve und EZB. Deren Mantra der Anti-Inflationspolitik hat gegriffen. Nachhaltig. Und so kann sich die Finanzwelt nur noch selbst ein Bein stellen – indem sie Blasen entstehen lässt. Doch die sind derzeit nicht in Sicht. Nicht im Technologiesektor und nicht im Baubereich. Und andernorts schon gar nicht.

Inflationsrate; Median für zehn Industrieländer, in den Jahren vor bzw. nach jeweiligen konjunkturellen Höhepunkten

(Zeitpunkt auf Null gesetzt).

Quelle: BIZ, Commerzbank-Research

In der Konsequenz geht die Commerzbank eher davon aus, dass es eine Wachstumsverlangsamung gibt, als dass die Weltwirtschaft in eine echte Rezession abrutscht. Zumal China als Wachstumstreiber noch nicht abzuschreiben sei, heißt es. Die chinesische Regierung erlaube den Unternehmen eine höhere Verschuldung, was Spielraum gebe. Für Investititionen und auch für Zukäufe – letztlich also für Wachstum.

Emerging Markets: Impulsgeber jenseits von China

China ist Pulsgeber von der Weltwirtschaftsbühne längst nicht mehr wegzudenken. Und die Tweet-Launen des US-Präsidenten geben der Aufmerksamkeit – zumal in der Finanzgemeinde – zusätzlichen Schub. Kaum jemand erwartet, dass sich das 2019 ändert.

Damit hat China aber eine Sonderstellung unter den aufstrebenden Volkswirtschaften. Argentinien, Brasilien oder die Türkei werden allgemein als riskant eingestuft – nicht nur von der OECD, von China erwarten die Börsianer Impulse. Positive am besten. Dabei hat sich jenseits des Reichs der Mitte ganz beachtliches Potenzial entwickelt.

Wer sich nicht vom Lärm der amerikanischen und chinesischen Handelskriegstrommeln ablenken lässt, bemerkt immense Chancen beispielsweise in Indien, sagt Nick Parsons. Er ist Head of Research and Strategy der Thomas Lloyd Group, einem Investment- und Beratungsunternehmen, das sich auf Infrastrukturprojekte in Asien spezialisiert hat. Gerade die Möglichkeiten deutscher Investoren würden vielfach unterschätzt, so der Asienexperte.

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Welcher Mix macht’s? Portfolio-Zusammenstellung wird zur Herausforderung

Ob Asiens Potenzial die Stimmung allgemein aufhellen kann, bleibt abzuwarten. Denn Stimmung ist Psychologie. Und die gewinnt an Bedeutung, wo harte Fakten unterschiedlich gedeutet werden können.

Beispiel Öl: Der Preis stieg zuletzt, was für eine hohe Nachfrage aus der Industrie, also eine zunehmende Produktion sprechen könnte und normalerweise für einen Aufschwung spricht. Doch die einschlägigen Einkaufsmanagerindizes deuteten auf eine sinkende Nachfrage nach Anlagegütern – im klassischen Verständnis ein Abschwungsignal. Alles ist drin – auch das komplette Gegenteil! Die Schwierigkeit der passenden Interpretation besteht in der Überlagerung unterschiedlicher Ereignisse. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING, empfiehlt daher eine ruhigere Betrachtung. Die wirtschaftlichen Fundamente seien gar nicht so schlecht.

Zeit für Grundsätzliches: Fundamentaldaten gewinnen an Bedeutung

Doch was macht ein Anleger – zumal ein Privatanleger – aus einer derart verwirrenden Lage? Die Antwort der ING: das Beste erwarten, sich aber auf das Schlimmste vorbereiten. Denn, so Brzeski, die Märkte seien doch ein unzähmbares Biest.

Selbst Notenbanken haben längst nicht mehr die beruhigende Wirkung, die ihnen noch vor Jahren zugeschrieben wurden: Die amerikanische Notenbank hat sie mehrfach erhöht, das spricht für Inflationsgefahr. Die höheren Zinsen bereiten aber den aufstrebenden Volkswirtschaften Probleme, das bremst den Welthandel. Gleichzeitig macht die Europäische Zentralbank keine Anstalten, den Preis für Geld zu erhöhen. Wo aber die Preise auseinanderlaufen, entstehen unterschiedliche Marktumfelder.

Viele Anlagestrategen empfehlen daher eher den amerikanischen Markt als den europäischen. Dr. Ulrich Stephan, der als Chief Investment Officer Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank berät, ist dieser Ansatz zu pauschal. Er rechnet für 2019 weiterhin mit politischen Belastungsfaktoren, hält aber (moderat) steigende Aktienkurse für möglich. Für den, der genauer hinschaut: Voraussetzung sind solide Gewinne und günstige Bewertungen. Mit anderen Worten, man muss sich die Perlen aus dem übergroßen Angebot herausfischen. Und am ehesten seien die noch im Technologiesektor zu finden, meint Stephan. Womit er an einer seiner Kernaussagen aus dem Vorjahr festhält.

2019 gefragt: der aktive Anleger – und ESG Investments

Erfolg kann haben, wer sich aktiv um seine Investments kümmert, so das Fazit des Deutsche-Bank-Experten. Aktive Anleger können Erfolg haben, müssen sie aber nicht. Denn sie haben die Qual der Wahl. Und bewegte Börsenjahre wie 2018 zeigen, dass es kein Rundumsorglos-Produkt für die Geldanlage gibt, sagt Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands. Er hat dabei nicht zuletzt die ETFs im Blick, die in den Jahren des ungebremsten Aufschwungs mit dem Markt nach oben gingen – jetzt aber auch den Abwärtstrend ungemildert mitnahmen.

Dass Derivate ihrem Ursprung nach zur Absicherung einer Anlage dienen, half den Anbietern aber auch 2018 nur bedingt. Immerhin, das Marktvolumen stabilisierte sich bei 70,3 Milliarden Euro, gut eine Milliarde über dem Wert vom Vorjahr. Dennoch fürchten viele Kleinanleger Produkte mit dem Etikett „strukturiert“. Das durchaus unterschiedliche Maß an Komplexität wird wie Kleingedrucktes wahrgenommen. Und schafft Raum für alternative Anlagen.

Nur, auch alternative Anlagen brauchen aktive Entscheidungen. Das Schlüsselwort heißt Faktorinvestment: Wie gewinnbringend eine Alternative ist, hängt auch an den Kriterien, die der Anlageentscheidung zugrunde liegen. Verantwortungsbewusste Anlagen steigen in der Beliebtheit.

Darunter versteht man sogenannte ESG Investments: Geldanlagen, die ökologisch, sozial und ethisch als einwandfrei gelten. Sie sind einer der großen Trends, die beispielsweise Allianz Global Investors für 2019 ausgemacht hat.

Lange Zeit galten diese Investments als moralisch wertvoll, nicht aber als wertvoll in Bezug auf das Portfolio. Diese Zeiten scheinen vorbei, zumindest, wenn man dem Forum Nachhaltige Geldanlage glaubt, nach deren Studien sind vielfach Wachstumsraten zwischen zwischen 15 und 30 Prozent in den nächsten Jahren möglich.

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Fazit:

2019 dürfte besser werden, als sein Ruf, es werde ein weiteres Jahr, das die Nerven der Anleger strapazieren dürfte. Politische Unsicherheiten bleiben, allen voran ein handelsstreitlustiger US-Präsident, aber auch die Ungewissheit über ob und wie des Brexit. Hinzu kommen nach EU-interne Spannungen wie der Haushaltsstreit mit Italien, die sich latent in einer Finanzkrise entladen könnten.

Grundsätzlich ist die Wirtschaft aber in einer guten Verfassung. Der Welthandel verliert zwar an Dynamik, aber die Wirtschaft wächst nach wie vor – bei geringen Inflationsrisiken. Zumal die so genannte Digitale Revolution unvermindert läuft, was den Technologiesektor nach wie vor zum Impulsgeber für Wachstum macht. Und auch von den Öl- und Rohstoffpreisen werden keine signifikant störenden Aufwärtssprünge erwartet.

Steigende Zinsen – insbesondere in den USA, aber auch am europäischen Anleihemarkt – schöpfen die lange Zeit hohe Liquidität ab. Das schärft den Blick für werthaltige Anlagen. Es wird nicht mehr pauschal investiert; die fundamentalen Daten gewinnen an Bedeutung. Anleger müssen genau hinschauen – und selektieren. Ob eine Auswahl nach ESG-Kriterien dabei für mehr als das Gewissen gewinnbringend ist, bleibt genauso abzuwarten wie die tatsächliche Börsenperformance.

Laut Umfrage von „Euro am Sonntag“ prognostizieren die Banken folgende Jahresendstände:


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Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.