Kursverluste ausgleichen: Darum ist es so mühsam

Bei einer Investition zeigt die Prozentrechnung das wahre Ausmaß von Verlusten. Wer 50 % verliert, muss tatsächlich 100 % aufholen. (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Nein, es ist nicht ehrenrührig, wenn man als Anleger bereits einiges über Investitionen und Aktienkurse weiß, aber irgendwann erfährt, dass man an einem entscheidenden Punkt einer Illusion nachhängt: „Wenn ich 50 % verliere, muss ich halt genauso viel wieder hereinholen“. Falsch! Wer 50 % verliert, muss 100 % aufholen.

Schon das Wort aufholen zeigt, dass eine rechnerische Dynamik dahinter steckt. Ein Verlust in der Geldanlage funktioniert anders als ein verlorener Fuffziger im Geldbeutel, den man mal eben ersetzt. Es geht bei einer Investition um Prozentrechnung und um Beträge, bei denen viel auf dem Spiel steht.

Verlust einer Investition durch Prozentrechnung erkennen

Kursverluste kosten Kraft und Zeit, je ausgeprägter, desto mehr. Verliert eine Aktie plötzlich 1 %, so gleicht das ein entsprechender Zugewinn am nächsten Tag noch locker aus. Auch ein Verlust von 5 % erfordert nur 5 % Gewinn. Ab 10 % aber sind schon 11 % erforderlich. Und bei 20 % sind es 25 %.

Spätestens an dem Punkt spürt man, wie sich bei einer Investition die Prozentrechnung auswirkt. Und das liegt am Basiseffekt. Nach dem Rückschlag muss sich die Aktie vom dann niedrigeren Niveau hocharbeiten.

Ein weiteres Zahlenbeispiel zum Verständnis: Fällt eine Aktie um 50 %, notiert sie natürlich bei 50 % ihres vorigen Werts. Legt sie von da aus wieder um 50 % zu, kompensiert sie aber nur 75 %. Denn 50 % von 50 sind 25. Für einen vollständigen Ausgleich müsste das Papier also 100 % aufholen.

Je tiefer der Kurs fällt, desto mehr muss er dann überproportional zulegen. Das allerdings geht kaum in wenigen Tagen. Bei 90 % Verlust müsste man übrigens ganze 900 % einholen. Auch wenn die Größenordnungen für Aktien eher untypisch sind, zeigt das Ganze, welches Potenzial hinter hochriskanten Investitionen steckt.

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Zahlen zeigen nüchterne Fakten

Irgendetwas aufholen zu wollen, kann sich schnell als Illusion erweisen. Bei 100 % wäre ohnehin das Ende der Fahnenstange erreicht. Wo nichts mehr ist, kann auch nichts mehr steigen: Totalverlust. In dem Fall ist es dann wie beim eingangs erwähnten verlorenen Fuffziger im Geldbeutel: er muss komplett ersetzt werden.

Um Verluste zu vermeiden, kann man es natürlich mit Shortselling Strategien versuchen, die umgekehrt und spiegelbildlich von fallenden Kursen profitieren. Das geht mit Short-Zertifikaten auf Einzelwerte wie Aktien genauso wie mit Short-ETFs auf einen ganzen Index. Wer sich damit etwas beschäftigt hat, mag vielleicht die Risiken der Konstruktion eines Leerverkaufs kennen.

Doch es gibt noch einen ganz anderen Haken: Auch bei dieser Investition greift die Prozentrechnung. Hier zusätzlich mit dem Effekt, dass die Strategie ab einem bestimmten Zeitpunkt regelrecht ins Leere läuft.

Basiseffekt steckt der Short-Absicherung Grenzen

Denn die Entwicklung etwa eines Short-ETFs auf den Dax verläuft nicht 100 % spiegelbildlich zum regulären Dax und weicht mit jedem Tag weiter ab. Der Grund: Short-Produkte bilden die Wertentwicklung börsentäglich neu ab. Und weil jedes Mal vom neuen Niveau aus zu rechnen ist, sorgt dieser Basiseffekt für ein Auseinanderlaufen.

Fällt der Dax etwa am ersten Tag um 2 %, steigt dann um 1 % und fällt am dritten Tag wieder um 3 %, entsteht ein Minus von 2 %. Anders beim Short-Dax: Am ersten Tag legt er noch spiegelbildlich um 2 % zu. Am Folgetag aber geht es erneut von der niedrigeren Basis des Schlusskurses vom Vortag weiter. Weil diese Basis jedes Mal verändert ist, entstehen mit der Zeit Abweichungen, was ein stetes Nachjustieren erfordert.

Die Prozentrechnung wirbelt also manch spontane Vorstellung gehörig durcheinander. Das beste Risikomanagement ist eine breite Streuung, und zwar mit verschiedenen Anlageklassen im Depot, die möglichst nicht korrelieren. Gegenläufige Entwicklungen gleichen sich aus, und vermeiden Verluste in der Spitze.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.