Ab welchem Einkommen greift der Spitzensteuersatz?

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Steigendes Einkommen bedeutet auch eine veränderte Besteuerung. Doch ab welchem Einkommen wird der Spitzensteuersatz fällig? (Foto: IhorL / Shutterstock.com)

Ab einem bestimmten Einkommen greift der Staat mit Steuern den Bürgern in die Taschen. Basis ist dabei ein progressives Steuersystem, d. h. je mehr Sie verdienen, umso höher ist Ihr Steuersatz und damit die zu zahlende Steuer.

Der Spitzensteuersatz beträgt in Deutschland 42 %. Er wird fällig ab einem Jahreseieinkommen von 57.052 Euro bei Ledigen und 114.103 Euro bei Verheiratenden. Unter Einkommen zählen dabei neben dem monatlichen Gehalt auch Renteneinkünfte, Mieteinnahmen und verschiedene weitere Einkunftsarten. Besonders gutverdienende Personen zahlen weitere 3 Prozentpunkte mehr. Jahreseinkommen über 260.533 Euro für Singles bzw. 521.066 Euro für Ehepaare werden so mit der „Reichensteuer“ (45 %) besteuert.

Dies sind die Werte, die im Frühjahr 2021 gelten. Die Beträge werden regelmäßig leicht angepasst. Insbesondere nach Bundestagswahlen und damit verbundenen Regierungswechseln sind auch stärkere Änderungen zu erwarten. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Belastungen tendenziell immer wieder abgesenkt worden. Insbesondere die Steuerbelastung ist immer wieder ein politisches Streitthema.

Das zu versteuerndes Einkommen – Steuerbelastung ist oft niedriger als gedacht

In Ihrer Steuererklärung haben Sie die Möglichkeit, Ihr zu versteuerndes Einkommen (alleine DAS ist die Basis für die oben genannten Steuersätze) zu senken. Die Möglichkeiten hierzu sind vielfältig, z.B. Werbungskosten, außergewöhnliche Belastungen, bestimmte Aufwendungen, das Steuersystem kennt hier in der Praxis ungezählte Möglichkeiten. Der Berufszweig der Steuerberater lebt davon, Ihnen Wege zur Steuersenkung zu zeigen. In der Praxis liegt damit das zu versteuernde Einkommen teilweise merklich unter dem Bruttoeinkommen.

Spitzensteuersatz: Das bedeutet er für Ihre zu zahlenden Steuern

Sollte Ihr Einkommen über den oben genannten Werten liegen, dann müssen Sie nicht auf Ihr gesamtes Einkommen den Spitzensteuersatz zahlen.

Genau genommen sagt der Spitzensteuersatz aus, wie hoch der Steuersatz für Ihren „zuletzt“ verdienten Euro ist. Konkret, als Single zahlen Sie für die ersten 57.051 Euro weniger Steuern als den Spitzensteuersatz. Ihre tatsächliche Steuerbelastung zeigt sich in Ihrem Durchschnittssteuersatz. Dieser wird in den Steuerbescheiden unter dem Punkt „Steuerbelastung“ offen ausgewiesen. So können Sie Ihre persönliche Steuerbelastung exakt nachprüfen.

Beispiel: Sie haben ein Einkommen in Höhe von 75.000 Euro. Durch Werbungskosten, Sonderausgaben und vieles mehr senken Sie Ihr zu versteuernden Einkommen auf rund 55.000 Euro. Für dieses Einkommen müssen Sie aktuell 13.981 Euro zahlen, Ihr Durchschnittssteuersatz beträgt somit nur 25,4 %. Zur Vereinfachung bleiben im Beispiel Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag unberücksichtigt.

Im Schaubild dargestellt sieht es so aus:

Grenzsteuersatzverlauf

Grundtabelle 2021

Zu versteuerndes­ Eink. in EuroEinkom­men­steuer in EuroDurch­schn. Steuer­satzGrenz­steuer­satz
10.000360,4 %            14,5 %
17.5001.6259,3 %            25,1 %
25.0003.62614,5 %            28,3 %
32.5005.86218,0 %            31,4 %
40.0008.33320,8 %            34,5 %
47.50011.04023,2 %            37,7 %
55.00013.98125,4 %            40,8 %

Hier ein Formular des Bundesfinanzministeriums, mit der Sie ihre zu zahlende Steuer selber hochrechnen können.

Tipp: Kursgewinne, Dividenden und Zinsen müssen Sie nicht in der Einkommenssteuererklärung versteuern. Diese Einnahmen werden pauschal mit einer Abschlagssteuer an der Quelle besteuert. Nur wenn Ihr Durchschnittssteuersatz deutlich unter 25 % liegt können Sie sich unter Umständen einen Teil der gezahlten Abschlagssteuer vom Finanzamt zurückholen.

Die Entwicklung des Spitzensteuersatzes in Deutschland

Der Spitzensteuersatz wurde im Zeitverlauf öfter gesenkt und angepasst.

Zeitverlauf des Spitzensteuersatzes:

  • In den 80er-Jahren lag der Wert noch bei 56 %.
  • Im Laufe der 90er-Jahre wurde er auf 53 %
  • Im Jahr 2000 setzte man den Satz auf 51 %
  • Anschließend erfolgte eine erneute Senkung im Jahr 2001 auf 48,5 %.
  • Zuletzt wurde eine Herabsetzung des Spitzensteuersatzes von 45 %im Jahr 2004 auf aktuell 42 % Diese Sätze gelten seit dem Jahr 2005.

Gleichzeitig wurden neben den Steuersätzen die Einkommensgrenzen neu verhandelt und teilweise angepasst, ab denen die Spitzensteuer greift. So sehen die Steuersätze heute aus:

Grenzsteuersätze

Umverteilung & die Reichensteuer: Debatte um Spitzensteuersatz & Reichensteuer

Zusammen mit der Steuerbelastung fällt der Begriff Umverteilung“. Es ist ein Dauerthema in der Politik und Hauptargument der Befürworter einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes.

In den letzten 50 Jahren sank in Deutschland der Spitzensteuersatz von mehr als 50 % auf 42 %. Gleichzeitig ist aber zu berücksichtigen, dass in der Vergangenheit die Spitzensteuer erst bei einem viel höheren Durchschnittseinkommen galt, als es heute der Fall ist.

Einführung der Reichensteuer

Seit Jahresbeginn 2007 gibt es für Steuerpflichtige über den Spitzensteuersatz hinaus die Tarifzone IV. Umgangssprachlich wird diese Progressionszone als „Reichensteuer” betitelt, da in den meisten Fällen überdurchschnittlich gut verdienende Menschen von dieser betroffen sind.

Bei zu versteuernden Jahreseinkommen von über 265.327 € bei Alleinstehenden liegt der Steuersatz bei 45 %. Für Ehepaare gilt die doppelte Betragsgrenze. Seit dem 1. Januar 2011 entfällt für diesen Personenkreis zusätzlich das Elterngeld.

Die Steuer wurde im Koalitionsvertrag vom 11. November 2005 zwischen CDU, CSU und SPD vereinbart. Sie löste heftige Debatten in der Politik und der Gesellschaft aus. Es gibt Kritiker als auch Befürworter der Reichensteuer. Die einen begrüßen sie als ausgleichende Gerechtigkeit, die anderen empfinden sie als unfair und kontraproduktiv.

Spitzensteuersatz nur für Großverdiener?

Die Spitzensteuer trifft heute viele Topverdiener. Eine breitere Masse fällt in diesen Einkommensbereich. Dabei verdienen die Bürger relativ gesehen nicht viel mehr als in der Vergangenheit.

Vor 50 Jahren war der Spitzensteuersatz ab einem Einkommen fällig, welches rund 20-mal höher als das Durchschnittseinkommen war. In der Gegenwart ist das nicht der Fall. Bereits ein gut ausgebildeter Facharbeiter kann vom höchsten Grenzsteuersatz betroffen sein und muss entsprechende Spitzensteuer zahlen.

Wie oben bereits beschrieben wird jedoch ein Einkommen, das über der Bemessungsgrenze zum Spitzensteuersatz liegt, nicht automatisch mit dem Spitzensteuersatz besteuert. Zahlreiche Abzüge und Freibeträge können noch vom Bruttoeinkommen abgezogen werden und bewirken oftmals, dass das zu versteuernde Einkommen faktisch nicht mit dem Spitzensteuersatz belastet wird.

Streitthema Spitzensteuersatz: Drei Fehler in der Debatte

Bereits normalverdienende Steuerpflichtige zahlen in Deutschland den Spitzensteuersatz, lautet der Vorwurf vieler Kritiker. Doch wenn man sich die Rechnung genauer ansieht, sieht die Sache etwas anders aus.

Das ständige Streitthema der Politik ist seit der Forderung von Finanzminister Olaf Scholz nach einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 45 % wieder entbrannt. Ständig wird über den Sinn einer zusätzlichen Steuerbelastung von Besserverdienenden debattiert.

Allerdings lassen sich bei der Diskussion drei Mythen auflösen:

Mythos 1: Millionen Deutsche zahlen den Spitzensteuersatz

Laut dem Bundesfinanzministerium haben im Jahr 2020 3,8 Millionen Deutsche den Spitzensteuersatz bezahlt. Daraus darf man wie oben gesehen aber nicht ableiten, dass all diese Menschen tatsächlich 42 % ihres Einkommens abgegeben haben.

Der Spitzensteuersatz wird nicht wie angenommen auf das gesamte Einkommen, sondern auf den Teil, der den Grenzwert überschreitet, gezahlt.

Zudem wird der Spitzensteuersatz nicht auf das Bruttoeinkommen gezahlt. Das besteuerbare Einkommen erhält man nach Abzug von diversen Aufwänden, die der Steuerzahler absetzen darf. Hierzu zählen z. B. Aufwendungen für die Altersvorsorge.

Das bedeutet, dass der Spitzensteuersatz in der Praxis erst bei viel höheren Bruttoeinkommen fällig wird.

Mythos 2: Ein hoher Spitzensteuersatz ist nachteilig für die Wirtschaft

Hinter diesem Argument steht die Annahme, dass sich bei einer zu hohen Steuerbelastung Leistung nicht mehr lohnt.

Die Menschen arbeiten als Folge weniger und potenzielle Unternehmer sind seltener bereit das Risiko einer eigenen Betriebsgründung einzugehen. Insgesamt sinkt die Produktivität des Landes.

Dieses Argument hat sowohl Unterstützer als auch Kritiker. Bis zu einem bestimmten Punkt wird es auch richtig sein. Aber ob die Produktivität bereits bei einem Steuersatz von 42 % abnimmt, ist fraglich und nicht pauschal zu beantworten.

Ein Blick in die Nachbarländer zeigt keine Nachteile

Ein Vergleich mit Nachbarländern wie Schweden oder Dänemark, deren Spitzensteuersätze jenseits der 50 % liegen, zeigt, dass kein Produktivitätsrückgang zu erwarten ist. Tatsächlich gilt die Lebensqualität im nördlichen Europa als sehr gut und die Menschen zählen zu den glücklichsten Personen überhaupt. Auch die Niederlande und Österreich haben Steuersätze über 50 % etabliert und beklagen keine Produktivitätseinbußen.

Weltweit betrachtet, erstaunt es zu erfahren, dass selbst China mit etwa 45 % einen höheren Steuersatz fordert – und trotzdem eine stark wachsende Volkswirtschaft unterhält. Die USA hingegen, die noch größte Volkswirtschaft der Welt, hat traditionell relativ geringe Spitzensteuersätze (aktuell 35 %), ohne dass deshalb die Wirtschaft zwingend besser laufen würde als im Rest der Welt.

Spitzensteuersätze Länder

Mythos 3: Der Staat hat schon zu hohe Steuereinnahmen

ImJahr 2020 summieren sich die Steuereinnahmen auf rund 740 Milliarden Euro aus Bund, Ländern und Gemeinde. Das bedeutet einen Rückgang zum Vorjahr von rund 60 Mrd. Euro. Für das aktuelle Jahr rechnet man wegen der Corona Krise maximal mit einer Stagnation oder sogar einem weiteren Rückgang, während die Belastung des Staates auch durch die Überflutungskatastrophe im Sommer nochmals stark angestiegen ist.

Mit den Einnahmen sind auch die zu bewältigenden Aufgaben des Staates gewachsen.

Es gibt heute mehr Betriebe und mehr Infrastruktur als vor einigen Jahrzehnten. Die Preise und der Lebensstandard der Bürger sind gestiegen. Daher bezieht man die Staatsausgaben auf das Bruttoinlandsprodukt.

Im europäischen Vergleich ist diese deutsche Staatsausgabenquote  unauffällig. Sie lag von 2007 bis 2019 stets zwischen 43 % und 48 %, sprang aber im Jahr 2020 wegen der Corona-Krise auf über 51 %.

Fazit: Spitzensteuersatz bleibt Dauerthema

Wenn Bundestagswahlen nahen, wird alle Jahre wieder der Einkommensteuer-Spitzensteuersatz ein Thema. Alle Parteien versuchen dann mit ihrer eigenen Steuerpolitik sich in dieser Debatte zu profilieren. Der Spitzensteuersatz in der Einkommensteuer ist eine komplizierte Angelegenheit. An dieser können die Wähler den Standpunkt einer Partei ablesen.

Alle Parteien versprechen milliardenschwere Steuersenkungen. Der Unterschied liegt darin, wer davon profitieren soll. Gemeinsam ist allen Parteien, dass sie vor allem die kleineren und mittleren Einkommen entlasten wollen.

Linke, SPD und Grüne wollen dies mit der Anhebung des Spitzensteuersatzes finanzieren. Zudem soll eine Vermögensteuer eingeführt werden. Der Spitzensteuersatz soll auf 49 % angehoben werden. Die Linke fordert entsprechend ihres sozialen Selbstverständnisses eine Erhöhung auf 50 %. Mit diesen Forderungen sollen die Wähler davon überzeugt werden, dass alle Schichten der Gesellschaft sich an den Kosten des Gemeinwesens beteiligen.

Das lehnen die Union und die FDP ab. Angesichts der aktuellen schwierigen wirtschaftlichen Lage ist mittlerweile keine Partei außer der FDP mehr dazu bereit, den Einkommensteuer- Spitzensteuersatz zu senken.

Die Parteien nutzen das Thema Spitzensteuersatz nicht nur, um sich zu profilieren. Hinter dem Plan einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes stehen reale finanzpolitische Ambitionen: die Sanierung des Staatshaushaltes. Die Erhöhung des Steuersatzes würde dringend benötigte Milliarden in die Staatskassen spülen.

Aktuell machen die Einkommensteuereinnahmen von 10 % der Bevölkerung rund 50 % des Steueraufkommens aus. Die Hälfte der besserverdienenden Steuerpflichtigen zahlt ein Drittel des Aufkommens. Bereits die Erhöhung um einen Prozentpunkt würde die Staatsfinanzen entlasten. Unberücksichtigt bleiben bei dieser Überlegung allerdings „Fluchteffekte“, die vielleicht den positiven Effekt überlagern könnten.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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