Goldpreis: Bemerkenswerte Charttechnik

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Der Goldpreis entwickelt sich seit März geradezu traumhaft. (Foto: Billion Photos / Shutterstock.com)

Am kommenden Donnerstag ist es wieder soweit: Dann werden die Daten zur Entwicklung der US-Inflation und -Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) für den Monat Mai veröffentlicht. Die Erzeugerpreise folgen dann am Dienstag nächster Woche. Vorher werde ich Sie in einem separaten Beitrag noch einmal auf den Stand vom Vormonat bringen und Ihnen die Prognosen der Volkswirte weitergeben.

Heute widmen wir uns aber zunächst dem Rohstoff, der wie kein anderer von einer anziehenden Geldentwertung profitiert: Gold.

Hier gibt es interessante charttechnische Entwicklungen.

Gold, das Krisen- und Inflationsschutzmetall

Gold wird gemeinhin als Krisenmetall angesehen und zum Schutz vor Inflation gekauft und gehalten.

Wir befinden uns in einer Krise, auch wenn das für so manchen nicht so augenscheinlich ist: Äußere Zeichen dafür sind eine unfassbare Geldflutung durch die Notenbanken der Welt und eine extreme Neuverschuldung der Staaten weltweit in den zurückliegenden 15 Monaten.

Bemerkenswertes zur US-Geldmenge M2

Apropos Geldmenge: Bei meiner Recherche zur jüngsten Entwicklung dieser Kennziffer in den USA bin ich auf einen bemerkenswerten Sachverhalt gestoßen. Schauen Sie sich dazu einmal die beiden folgenden Charts etwas genauer an (Quelle: Federal Reserve Bank of St Louis):

US-Geldmenge M2, wie sie bis Mai 2020 definiert wurde

US-Geldmenge M2, wie sie seit Mai 2020 definiert ist

In der ersten Grafik lesen Sie in der Legende „Discontinued“, also eingestellt, nicht mehr fortgeschrieben. Der zweite Chart zeigt die Geldmenge M2 in einer neuen Definition.

Die FED änderte im Mai 202 die Definition …

Bis Mai 2020 zählten zur Geldmenge M2 die Geldmenge M1 + Sparguthaben sowie Geldmarktkonten + Termingelder bis 100.000 USD + abzüglich der IRA-Accounts (Individual Retirement Arrangement = Konten zur Altersvorsorge) + Geldmarktfonds.

Seither wird die Komponente „Sparguthaben sowie Geldmarktkonten“ nicht mehr berücksichtigt. Wie Sie in den Grafiken sehen, habe ich den Stand per April 2020 – also vor der Umstellung – einmal hervorgehoben: In der alten Definition sahen wir 17,419 Billionen USD, in der neuen 17,042 Billionen USD.

… warum wohl?

Hm. Schauen wir uns nun einmal folgende Grafik an. Sie zeigt die Entwicklung der Sparquote der US-Haushalte, der Personal Savings Rate (Quellen: tradingeconomics; U.S. Bureau of Economic Analysis):

Sparquote der US-Haushalte (Personal Savings Rate)

Wie Sie hier ablesen können, explodierte die Sparquote im April 2020, also unmittelbar nach Beginn der Lock-down-Maßnahmen. In den vorausgegangenen 25 Jahren pendelte diese Kennziffer etwa zwischen 2,5% und 8,0%. Sie sprang nur ein einziges Mal – im Dezember 2012 – vorübergehend auf 12%. Wie Sie der Grafik entnehmen können, lag die Sparquote seit Krisenbeginn nicht mehr unter 12,5%.

Die FED (Federal Reserve Bank) ist offenbar, nach der Entwicklung im April 2020, zu der Überzeugung gekommen, dass es wohl besser sei, die „Sparguthaben sowie Geldmarktkonten“ nicht mehr in die Geldmenge M2 einzubeziehen, um die künftige Verlaufskurve etwas weniger dramatisch erscheinen zu lassen.

Doch auch ohne diese Komponente ist die US-Geldmenge M2 in nur 12 Monaten von 17,042 auf 20,108 Billionen USD (+18%) angeschwollen! Im Januar 2000 lag sie noch bei 4,666 Billionen USD, hat sich also in gut 21 Jahren mehr als vervierfacht!

Goldpreistreiber: Reale Rendite

Der zweite Faktor für steigende Goldpreise ist die Geldentwertung, oder präziser formuliert, die erzielbare Reale Rendite. Dazu wird die Inflation von der Marktrendite abgezogen.

Die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen notiert aktuell bei +1,57%. Abzüglich der Inflationsrate von +4,2% für April errechnet sich eine Reale Rendite von -2,63%. Anders ausgedrückt:

Wer heute 10-jährige US-Staatsanleihen kauft, muss damit rechnen, per Saldo -2,63% seines Kapitaleinsatzes pro Jahr aufgrund der Geldentwertung zu verlieren.

Goldpreis: Chart wie aus dem „Bilderbuch“

Da die Inflationsrate in den letzten beiden Monaten von +1,7% über +2,6% auf +4,2% gestiegen ist, die oben zitierte Anleiherendite vor 8 Wochen jedoch bei +1,72% lag, lässt sich schnell ermitteln, dass die Reale Rendite seither deutlich ins Minus abgerutscht ist.

Und das ist gut für den Goldpreis, wie die Entwicklung seit den Tiefs im März 2021 zeigt:

Goldpreis in USD / Feinunze:

Der Verlauf des Edelmetallpreises seither gleicht einem Chart aus dem „Bilderbuch“: Die Ausbildung der W- oder Doppelboden-Formation verlief bereits perfekt nach den Regeln der Charttechnik.

Die sich anschießende Aufwärts-Entwicklung setzte diesen Trend fort: Das gilt sowohl für den Ausbruch über die Nackenlinie (Linie durch das Hoch zwischen den beiden Tiefs) – und damit zugleich Aktivierung der W-Formation – als auch für den folgenden Pull-Back (Rücksetzer) exakt auf eben diese Nackenlinie.

Am Donnerstag und Freitag vergangener Woche korrigierte der Goldpreis, fiel in der Spitze bis auf 1.855 USD zurück und landete dabei genau auf der seit dem März-Tief etablierten Aufwärtstrendlinie! Doch es kommt aus charttechnischer Sicht noch besser:

Wie Sie sehen, reichte der Pull-Back (Rücksetzer) weder bis auf die zuvor durchbrochene Aufwärtstrend-Linie, noch auf die 200-Tagelinie, sondern drehte schon kurz darüber wieder nach oben. Das zeigt Ihnen, dass Investoren geradezu darauf gewartet haben, nach der verpassten Rallye seit Ende April, die Korrektur endlich für sich zum Einstieg nutzen zu können.

Last not least: Der Goldpreis beschloss die Handelswoche mit einem Kurs von 1.891 USD und zugleich nur knapp 5 USD unter dem Tageshoch! Damit legte der Goldpreis am Freitag eine heftige Aufholjagd von 41 USD aufs Börsenparkett!

Das alles signalisiert Ihnen Relative Stärke „pur“. Sie dürfen nun in den vor uns liegenden Wochen mit einem Angriff des Goldpreises auf sein Allzeithoch vom August 2020 bei 2.075 USD rechnen: Das entspräche übrigens einem Plus von fast +10%!

Fazit

Gold profitiert traditionsgemäß von Wirtschaftskrisen und einer hohen Geldentwertung. Eine extreme Neuverschuldung allein in den letzten 15 Monaten und eine zeitgleich exorbitant (+18%) angeschwollene Geldmenge M2 spiegeln dies für jeden deutlich sichtbar wider.

Bemerkenswerter Teilaspekt, auf den ich bei meiner Recherche für den heutigen Beitrag gestoßen bin: Die US-Notenbank hat seit Mai 2020 die Definition der Geldmenge M2 geändert:

Seither werden „Sparguthaben sowie Geldmarktkonten“ nicht mehr einbezogen! Das ist deshalb bemerkenswert, weil ausgerechnet die Sparquote der US-Haushalte seit April 2020 signifikant – um rund das Doppelte – über dem langjährigen Mittel liegt.

Der Goldpreis spiegelt die zuletzt deutlich anziehende Inflation bereits in der Entwicklung wider: Seit dem Tief Ende März bei 1.677 USD kletterte das Edelmetall um bis zu +14,3%.

Dabei nahm die Entwicklung einen Verlauf wie aus dem charttechnischen „Bilderbuch“. Mitte Mai gelang der Ausbruch aus dem im August 2020 etablierten Abwärtstrend. Ende der letzten Handelswoche setzte der Goldpreis exakt auf der Aufwärtstrendlinie seit März 2021 auf, drehte jedoch schon kurz vor Erreichen der 200-Tagelinie und der Abwärtstrendlinie von August 2020.

Das alles zeigt Ihnen: Der Goldpreis strotzt nur so vor technischer Stärke!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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