Aktienquote im Portfolio: Übervorsicht zahlt sich nicht aus

Die klassische Formel zur Aktienquote im Portfolio heißt: 100 minus Lebensalter. Doch dann tritt man die Bremse, wenn der Zinsturbo greift. (Foto: lassedesignen)

Langfristig sind Aktien eine hervorragende Vermögensvorsorge. So hat etwa der traditionelle US-Index  Dow Jones seit seinem über 100jährigen Bestehen inklusive Dividenden pro Jahr eine Rendite von ca. 10 % eingebracht – trotz aller Höhen und Tiefen seit der Zeit. Beim Dax sind es immerhin rund 8 %. Faktisch gesehen ist die Anlageklasse also nicht besonders risikoreich. Theoretisch jedoch sind Totalverluste nicht ausgeschlossen. Breite Streuung ist somit angesagt, auch über verschiedene Anlageklassen hinweg.

Klassische Faustformel zur Aktienquote mit Kehrseite

Zwar sind weniger ertragreiche Zinspapiere wie Anleihen ebenfalls keine Garantie, doch sie gelten als sicherer. Und vor allem verläuft ihre Entwicklung in der Regel nicht parallel zu der von Aktien. Ein Eigenleben führt etwa auch Gold. Die unterschiedliche Dynamik sorgt für Ausgleich und Stabilität im Portfolio. Doch wie hoch sollte hier die Aktienquote sein?

Ausgehend von dem Gedanken, dass Aktien die risikoreichere Anlageklasse ist, gilt üblicherweise die Faustregel: 100 minus Lebensalter. Demzufolge würde ein 20-Jähriger sein Geld zu 80 % in Aktien anlegen, im Alter von 60 wären es nur noch 40 %. Mit zunehmendem Alter schrumpft somit die Aktienquote. Richtung Rente sollte man seine Schäfchen ins Trockene bringen.

Allerdings ist dies keine starre Formel zur Aktienquote, denn vieles hängt von der gesamten Einkommens- und Vermögenssituation ab. Wer einigermaßen abgesichert ist, kann eben mehr riskieren. Unabhängig davon bleibt der Grundgedanke, dass ein jüngerer Mensch mehr Lebenszeit vor sich hat, schlechte Aktienphasen auszubügeln.

Diese Logik hat aber auch eine Kehrseite: Je länger die Anlagezeit, desto mehr Gelegenheiten entstehen, einen Börsencrash zu erleben. Die Nobelpreisträger Paul Samuelson und Robert Merton hatten bereits 1969 in einem Modell gezeigt, dass es sinnvoller sei, die Aktienquote mit zunehmendem Alter eher zu erhöhen, auf keinen Fall aber zu verringern.

Drei Rechenmodelle und eine Erkenntnis

Im Jahr 2012 wurde diese Annahme mit einer Untersuchung durch den US-Börsenspezialisten Robert Arnott untermauert. Er berechnete drei Grundszenarien, die einen Namen erhielten: Contrarie Connie mit einer zunehmenden Aktienquote von anfangs 20 % bis 80 % am Ende. Balanced Burt mit einer gleich bleibenden Aktienquote von 50 %. Und Prudent Polly, bei der die Quote, wie üblich empfohlen, von 80 % auf 20 % sank.

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Simuliert wurden 100 Sparverläufe über verschiedene Zeitfenster von 1871 bis 2011. Dabei ging es um einen Anlagehorizont von 40 Jahren, in denen pro Jahr 1.000 Dollar investiert wurden. Das durchschnittliche Ergebnis: Prudent Polly kam auf ca. 124.000 Dollar, Balanced Burt auf 138.000 Dollar und Contrary Connie schaffte 152.000 Dollar. Selbst in den schlechtesten Varianten lag Connie auf Platz eins.

Hätte der betrachtete Zeitraum nicht 2011 geendet und den anschließenden dramatischen Höhenflug der Aktienmärkte einbezogen, wäre das Ergebnis zugunsten einer steigenden Aktienquote noch extremer ausgefallen. Natürlich decken derartige statistische Berechnungen nicht alles ab, was zur persönlichen Lebensplanung dazu gehört.

Bremsen wenn der Turbo greift?

Doch egal wie man es dreht und sieht: Je mehr sich der Vermögenstopf auffüllt, desto stärker wirkt der Zinshebel. Angesichts deutlich gestiegener Lebenserwartungen erscheint es wenig sinnvoll, mit 60 Jahren auf die Bremse zu treten, während sich der Turbolader für den Endspurt meldet.

Wer zu diesem Zeitpunkt nicht gerade dringend auf den vollen Ertrag angewiesen ist, kann eine eventuelle schlechte Börsenphase auch aussitzen. Historisch gesehen haben selbst nach großen Crashs die Kurse in vier bis fünf Jahren ihr altes Niveau wieder erreicht. Gerade ETFs auf große Indizes konnten hier mit ihrer eingebauten Risikostreuung punkten.

Wer sich aber mit diesem Risikoprofil nicht wohl fühlt, sollte seine Aktienquote je nach persönlicher Belastbarkeit auf die Hälfte oder mehr reduzieren bevor er mit schlaflosen Nächten seine Gesundheit gefährdet.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.