Zertifikate selber erstellen: Bastelstube für Renditen

Ein Zertifikat selber erstellen kommt in Mode: Basiswert, Laufzeit und Preis einstellen – vom neuen Hype profitieren vor allem die Anbieter. (Foto: sdecoret / Shutterstock.com)

Zertifikate sind aus dem Spektrum der Anlagemöglichkeiten nicht mehr wegzudenken. Privatanleger können in die verschiedensten Anlageklassen investieren und die komplexesten Strategien verfolgen.

Nach dem Imageverlust durch die Lehman-Pleite dauerte es, bis sich die Derivate wieder erholten. Mittlerweile ist die Angebotsvielfalt schier unendlich. Hauptgrund des Erfolgs: Man kann sich einen individuellen Vermögensmix mit der optimalen Chance-Risiko-Struktur zusammenstellen.

Zertifikat selber erstellen

Seit geraumer Zeit geht noch mehr: Wer den Überblick verliert oder nichts Passendes findet, kann sogar sein Zertifikat selber erstellen. Statt vorgefertigter Angebote das maßgeschneiderte Produkt. Plattformen wie zum Beispiel wunschzertifikat.de, mein-zertifikat.de oder onemarkets.de wollen dem Bedürfnis nach mehr Individualität entgegenkommen. Bei genauer Betrachtung aber geht es vielen Anbietern um eine Belebung ihres Geschäfts, das seit Jahren rückläufig ist.

Neue Angebotsformen sind natürlich eine Bereicherung. Fragt sich nur, für wen es sinnvoll ist, ein Zertifikat selber zu erstellen. Das beginnt mit der alten Erkenntnis, dass scheinbar Einfaches oft voller Tücken im Detail ist. Hinzu kommt das generell eingebaute Insolvenzrisiko. Zertifikate sind als Inhaberschuldverschreibungen reine Leistungsversprechen, auch wenn das gerne übersehen wird. Nicht ohne Grund warnt etwa die Finanzaufsicht Bafin vor verbreiteter Intransparenz.

Vor diesem Hintergrund sind do-it-yourself-Zertifikate durchaus ein Anlass, sich näher mit Funktion und Risiko zu beschäftigen. Auch muss man bei der individuellen Auswahl von Basiswerten, Preisen, Laufzeiten oder Barrieren eine klare Marktmeinung haben – Fehleinschätzungen inklusive. Die Risiken werden zwar nicht weniger, beim Nachdenken und Konstruieren aber vielleicht etwas präsenter.

Aktuell drei Do-it-yourself-Portale

Den Anfang der Bastelzertifikate machte 2016 die Schweizer UBS, aber nur für Vermögensberater. Es folgte die Züricher Bank Vontobel, die sich mit mein-zertifikat.de auch an deutsche Anleger richtet. So wie bei den anderen Plattformen ist die Auswahl auf die meistgefragten Kategorien wie Aktienanleihen, Discount-Zerfitifkate, Protect- sowie Cap-Zertifikate beschränkt.

Nach einer Registrierung bestimmt man Basiswert, Preis, Laufzeit etc. und klickt auf „bestellen“. Ein halbe Stunde später steht das Eigenprodukt samt WKN zum Handel an den Börsen Stuttgart und Frankfurt bereit. Das Ganze funktioniert ohne Extrakosten oder Mindestabnahme.

Die wiederum gibt es auf der HypoVereinsbank-Plattform onemarkets.de. Unter 10.000 € geht nichts. Das seit 2012 bestehende Portal richtet sich an vermögende Anleger. Und die können ihr Produkt auch nur über einen HVB-Vermögensberater zusammenstellen. Das Zertifikat wird dann direkt über die Bank und nicht über die Börse gehandelt.

Ganz neu ist ein generelles Privatkundenangebot der Bank speziell für Hebelzertifikate, und zwar auf my.one direct: Basiswert oder Laufzeit eintragen und dann außerbörslich handeln.

Wer sich den Weg zur geregelteren Börse offen halten will, wird neben mein-zertifikat nun auch bei der Commerzbank fündig. Sie stellt ihre offene Plattform wunschzertifikat.de der Börse Stuttgart und dem Onlinedienst Onvista zur Verfügung. Hier findet man Zertifikate auch von der Société Générale – und Optionsscheine.

Der Vorgang ist kaum anders als der bei Vontobel und ebenfalls ohne Zusatzkosten. Allerdings entfällt eine Registrierung. Benötigt wird nur eine Handynummer, über die man einen Code per SMS geschickt bekommt, um das Zertifikat freizuschalten.

Preisvergleiche bei Maßanfertigungen schwieriger

Insgesamt bieten die Selbstbau-Papiere im Dschungel der Angebote eine Vereinfachung. Die Möglichkeit, ein Zertifikat selber zu erstellen ist derzeit auf einige Kategorien beschränkt. Das aber soll sich mit der Zeit ändern, was die Sache dann anspruchsvoller machen wird. Das gilt nebenbei auch für eventuelle Haftungsfragen, sobald es über eingrenzbare Standardprodukte hinausgeht.

Für den einzelnen Anleger wird es zugleich schwieriger, Preisvergleiche oder Erfahrungen im Internet zu finden, weil die sich nicht auf Maßanfertigungen beziehen. Zwar sind Zertifikate in Eigenregie an sich nicht teurer, aber man spart auch nichts.

Für die Anbieter indes sind die neuen Tools eine Möglichkeit, ihr Sortiment nach dem Nutzerverhalten neu auszurichten. Jahrelang haben sie am Kundeninteresse vorbeiproduziert. Die meisten der über 1 Mio. Produkte werden kaum gehandelt. Die Optimierung übernimmt nun der Anleger. Was sich empfiehlt ist, sich ein Sortiment anzulegen, auf das man je nach Marktlage spontan zugreifen kann.

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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