Experiment Kohleausstieg: Pro und Kontra

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Beim Kohleausstieg überwiegen erhebliche Unsicherheiten bei Energiesicherheit, Strompreis und sozialen Folgen - Pro und Kontra im Überblick. (Foto: Reinhard Tiburzy / shutterstock.com)

Seit dem letzten Wochenende im Januar ist es klar: Deutschland steigt aus der Kohle aus. Für Anleger, Wirtschaft und Verbraucher ist dies nicht wirklich neu. Neu sind der festgelegte Fahrplan, geplante Entschädigungen und Maßnahmen, die negative Folgen auffangen sollen. Dies wiederum hat der Aktie von RWE kurzfristig zu einem Sprung um über 10 % verholfen. Auch das Papier von Eon wurde mitgezogen, wenn auch nur zu rund 5 %. Und laut Umfragen sind Dreiviertel der Bevölkerung für einen Kohleausstieg.

Doch es herrscht nicht überall Optimismus. Das Ganze ist eine Art Kompromiss zum Kohleausstieg. Natürlich lässt sich nicht jeder Aspekt auf der guten und schlechten Seite verbuchen, vieles bewegt sich eher im Bereich potenzieller Probleme. Dennoch könnte eine grobe Auflistung von Pro und Kontra zum Kohleausstieg das Spannungsfeld etwas verdeutlichen.

Pro Kohleausstieg

  1. Auf der Pro-Seite steht zunächst der Handlungszwang, der sich aus dem offensichtlichen Zusammenhang zwischen CO2 Ausstoß und Klimaveränderung ergibt. Offiziellen Zahlen zufolge entsteht über ein Viertel des Treibhausgases hierzulande durch die Verstromung von Braun- und Steinkohle.
  2. Außerdem belastet gerade der Tagebau die Umwelt und betroffene Anwohner. Neben der Grundwasserbelastung wird bei der Kohleverbrennung außer Schwermetallen auch erheblich Feinstaub in die Luft abgegeben. Während sich in der Sache alle Welt auf BMW, Daimler und VW stürzt, sollte man Kohlekraftwerke nicht übersehen.
  3. Das nächste wäre eine Art Vorbildfunktion, die andere Länder zum Mitmachen anregt. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht das so und erkennt darin zugleich einen Anreiz, erneuerbare Energien voranzutreiben.
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Kontra Kohleausstieg

  1. Auf der Kontra-Seite steht die Unsicherheit, was die Stromversorgung angeht. Die Betreiber sind eigentlich verpflichtet, diese mit Reservekraftwerken zu gewährleisten, auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Deshalb sollen sie rund 2 Mrd. Euro Entschädigung erhalten. Immerhin wurde in bestehende Kraftwerke investiert. Je älter ein Kraftwerk ist, desto geringer fällt die Entschädigung aus. Fraglich ist aber, ob sich damit ein sicherer Ausgleich schaffen lässt. Derzeit wird Strom zu 41 % aus erneuerbaren Energien erzeugt, zu 35 % aus Kohle, zu noch 13 % Atom und 10 % von Gaskraftwerken. Einerseits wird von einem Überschuss bei Ökostrom gesprochen. Doch nach dem kompletten Ausstieg bis spätestens 2038, wenn das letzte Kohlekraftwerk vom Netz geht, muss eine tragfähige Alternative zuverlässig funktionieren.
  2. Derzeit ist nicht ersichtlich, woher die Speicher für den Ökostrom kommen sollen, die in flauen Zeiten unabdingbar sind. Zudem ist das Thema Stromtrassen genauso ein umstrittenes Politikum geworden, wie immer mehr Windräder, die keiner mehr in seine schöne Umgebung stellen will. Geht das Konzept nicht auf, muss mehr Strom importiert werden.
  3. Ungeklärt ist auch das Thema Stromkosten. Sie sind ohnehin schon die höchsten in Europa. Neben Verbrauchern ist gerade die energieintensive Industrie besorgt und spricht von einer Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit. Ob eine Preiserhöhung unvermeidlich wird, ist völlig umstritten.
  4. Weniger umstritten ist der Verlust von tausenden Arbeitsplätzen, vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg oder der Lausitz. Hierfür sind 40 Mrd. Euro für Strukturhilfen geplant. Doch die recht gut bezahlten Jobs lassen sich nicht mal eben ersetzen.

Riskantes und teures Experiment

Fazit: Bei aller Notwendigkeit, CO2 zu vermeiden wirkt der Beschluss nicht wirklich wie ein durchdachter Plan. Die Chancen, dass alles einfach nur unsicherer und teurer wird sind hoch. Der Steuerzahler erkennt schon jetzt, dass insgesamt 42 Mrd. Hilfen auf sein Konto gehen. Und in die Rubrik Wunschdenken gehören blumige Ankündigungen von besserer Verkehrsanbindung oder schnellem Internet in betroffenen Regionen.

Sie ersetzen keine gut bezahlten Jobs. Die Gefahr von weiterer Abwanderung in die Zentren und mehr Verdrusswählern wird damit nicht geringer. Auch nicht die Gefahr zunehmender Energieabhängigkeit vom Ausland. Sicher ist, dass erheblich mehr Gaskraftwerke zur Sicherung der Stromversorgung gebaut werden müssen. Und Gas kommt nicht aus Deutschland.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.