Börsengang: Westwing kann Emissionskurs nicht halten

Für die einen ist Westwing eine gigantische Geldvernichtungsmaschine, für die anderen ein lukratives Investment, das die Startupschmiede Rocket Internet an den Kapitalmarkt bringt. Es ist insgesamt die fünfte Beteiligung, die das Haus der Samwer-Brüder nach Namen wie Zalando oder HelloFresh über die Börse zu Geld macht. Gevestor hat den Börsengang begleitet.

 

Delia Fischers Begeisterung für Zahlen ist überschaubar. Zumindest verglichen mit dem Enthusiasmus der Westwing-Gründerin für schöne Raumgestaltung. So wurde der Gang zur Börse vorab frisch gefegt – und fesch möbliert. Ein Börsengang ist schließlich immer auch eine Marketing-Aktion.

Vom Umsatz hätte Westwing das nicht unbedingt benötigt. Der stieg allein im ersten Halbjahr 2018 um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 120 Millionen Euro. Im Gesamtjahr 2017 hatte Westwing Waren im Wert von 220 Millionen Euro umgesetzt.

Sorgen machten den Beobachtern des 2011 gegründeten Unternehmens wiederholt die Kosten. Operativ sei man in den schwarzen Zahlen, sagt man bei Westwing. Aber das Betriebsergebnis von zuletzt 1,6 Millionen Euro lässt Zinsen, Steuern und Abschreibungen außer acht.

Ungeachtet dessen war das Interesse am Börsengang groß. Als Delia Fischer die Glocke läutete, lag der erste Preis mit 26 Euro 49 leicht über den vorher angestrebten 26 Euro. Aufatmen bei der Gründerin.

Doch alles hat seine Zeit. Und die Zeit der Freude war heute begrenzt. Westwing-Aktien fielen relaitv zügig unter den ersten Kurs. Zeitweise notierten die Papiere 17 Prozent unter dem Ausgabepreis. Erst zum Handelsschluss auf dem Parkett zeichnete sich eine Erholung ab. Es blieb aber ein Minus von gut 3 Prozent

Entsprechend wechselhaft auch die Stimmung für Großaktionäre Rocket Internet. Die Startup-Schmiede hatte die Beteiligung an Westwing auf ca. 23 Prozent zurückfahren – und damit gut 30 Millionen Euro erlöst. Entsprechend profitierte zunächst auch die Rocket-Aktie von dem Debüt. Sie gab allerdings im Handelsverlauf um 3,6 Prozent nach.

Die Wirtschaftsprüfer von PwC bescheinigen der Branche in Deutschland grundsätzlich zwar ein “erhebliches” Wachstumspotenzial. Allerdings erst, wenn die sogenannte “Online-Hürde” überwunden ist. Die Firmen müssen Online-Vertrieb besser mit stationärem Handel verknüpfen. Und da hat Westwing noch erheblich Luft oben.

Für die ehemalige Modejournalistin Delia Fischer war der Börsengang derweil der Höhepunkt, nämlich einer nicht geplanten Karriere als Unternehmerin. Die neuen Aktionäre hoffen noch auf einen richtigen Höhepunkt – und werden genau hinschauen, ob Westwing mehr liefern kann als schönen Schein.

Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.