Darum wird der Ölpreis langfristig nachgeben

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Wohin steuert der Ölpreis langfristig? Realistisch erscheinen entweder eine Stagnation oder Werte um 40 Dollar. (Foto: Avigator Thailand / shutterstock.com)

Wer als Anleger in Öl investieren will, sollte sich der Dynamik von Rohstoffinvestments bewusst sein: Ein Rohstoff-ETF, besser ETC, bildet immer einen Future Index ab. Futures sind Terminkontrakte mit einer bestimmten Laufzeit.

Ist sie beendet, wird in den nächsten Kontrakt investiert, das Investment wird gerollt. Weil bei steigenden Preisen der nächste Kontrakt teurer ist, kommt es zu Rollverlusten: Der Contango-Effekt. Umgekehrt entsteht eine Backwardation – mit Gewinnen.

Rückblick verdeutlicht die Gegenwart

Das unberechenbare Auf und Ab ist bei kurzfristigen Futures in der Regel erheblich ausgeprägter als bei langlaufenden. Gut wäre natürlich einzuschätzen, wie sich der Ölpreis langfristig entwickelt. Doch kaum etwas ist schwieriger als das.

Wie Studien zeigen, bringen statistische Prognoseverfahren aufgrund historischer Daten keine wirkliche Erkenntnis. Was nützt es, wenn die Mathematik feststellt, dass auf Jahressicht der Preis pro Barrel mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % zwischen 30 und 200 US-Dollar liegt?

Ausschlaggebend ist zunächst, in welchem Trend wir uns befinden. Schaut man beim Ölpreis extrem langfristig in die Vergangenheit, so zeigen sich große Trends wie die Phase bis zur Ölkrise 1973, der Aufstieg der OPEC, dann die Industrialisierung in Ostasien mit Chinas Öldurst. In jeder Epoche gab es bei den Einflussfaktoren auf den Preis veränderte Grundmuster, seien es Förderkapazitäten, Nachfrage oder geopolitische Risiken. Wobei letztere stets nur temporäre Preisspitzen verursachten.

Der Blick auf die vergangenen 40 Jahre zeigt, dass sich der Ölpreis von 1977 bis 2003 in einem Korridor zwischen 15 und 30 US-Dollar bewegte. Nur in zwei Jahren ging er etwas darüber. Ab 2004 kam mit dem Aufstieg Chinas Bewegung ins Bild. Der Ölpreis stieg auf über 60 US-Dollar. 2008 sowie zwischen 2011 und 2014 lag das Jahresmittel über 90 US-Dollar. Danach fiel er auf die Hälfte und hat sich in der ersten Hälfte des laufenden Jahres auf einen Durchschnittswert um die 65 US-Dollar erholt.

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Überschaubares Konfliktpotenzial

Das entspricht dem Durchschnittspreis seit 2004 bis heute. Und es entspricht dem Mindestpreisniveau für eine rentable Förderung. Mit Blick auf die nächsten Jahre spricht vieles dafür, dass dieses Durchschnittsniveau zumindest nicht überschritten wird. Kurzfristige Ausschläge sind natürlich nicht ausgeschlossen.

Zu den Schreckensszenarien für einen plötzlichen Preisauftrieb gehört eine Eskalation des schwelenden Iran-Konflikts: Trump geht aufs Ganze. Gestärkt von Israel und Saudi Arabien wird der Gegenspieler in Teheran derart provoziert, dass es zur militärischen Auseinandersetzung kommt. Krieg und der Ausfall Irans als Öllieferant treiben den Ölpreis über 90 US-Dollar.

Was dagegen spricht: Trump gibt zwar den Dealmaker, der einschüchtert um der Gegenseite Zugeständnissen abzuringen. Doch wie ist es jüngst mit Nordkorea gelaufen? Trump trifft Kim Jong Un …und Putin lobt den „Mut des Präsidenten“. Dass er sich irgendwann mit Irans Chef Rohani schmücken wird, ist kaum zu erwarten. Doch wird er sich dreimal überlegen, ob er mit einsamen Entscheidungen die EU, Russland und China zu noch mehr Schulterschluss veranlassen will.

Ölpreis langfristig rückläufig

Wohl aber werden die USA weiterhin ihre Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren. Die hohe eigene Förderquote nimmt zugleich der Förderreduzierung von OPEC und Partnern Wind aus den Segeln. Zudem lässt Russland verlauten, selbst mit einem Preis von 40 US-Dollar auskommen zu können. Und dass Saudi Arabien den Ölkonzern Aramco an die Börse bringen will, ist letztlich der Ausstieg aus der Öl-Ära.

Was den Ölpreis auch langfristig halten wird: Die Nachfrage in den Schwellenländern wird tendenziell zunehmen, wobei sich in China die Nachfrage leicht abschwächen dürfte. Allerdings wird bei den etablierten Industrienationen die zunehmende Ausrichtung auf alternative Fahrzeugantriebe zu einer Stagnation mit rückläufiger Tendenz führen. Mit diesen Voraussetzungen kann der Ölpreis langfristig auf Werte um 40 US-Dollar nachgeben – durchaus mit Spielraum nach unten.

Ob der jedoch bis zu 10 US-Dollar pro Fass bricht, bleibt abzuwarten. Davon geht jedenfalls geht Chris Watling, Chef des britischen Instituts „Longview Economics“, aus. Als Grund sieht er die schnelle Abkehr von Benzin- und Dieselmotoren, was sich vor allem im Logistik- und Transportwesen bemerkbar machen wird.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.