Strategiespiele mit maßgeschneiderten ETF

Ein Faktor-ETF ist per Definition ein passiver Indexfonds, der auf einen Strategieansatz ausgelegt besser laufen soll als der Marktindex. (Foto: zhaoliang70 / Shutterstock.com)

Statt sich mit Einzelaktien herumzuschlagen, einfach einen ganzen Index abbilden und von dessen Wertentwicklung profitieren – sei es der Dow Jones, der Dax oder der EuroStoxx. ETF haben sich unter den Indexfonds zum Liebling der Anleger entwickelt. Auch sind Short-ETF bekannt, mit denen man zur Absicherung auf fallende Kurse setzen kann. Was aber ist ein Faktor-ETF?

Faktor-ETF: Definition eines Trendprodukts

Per Definition im Internet ist es ein ETF auf einen bestimmten Faktor-Index. Doch daraus wird man auch nicht schlauer. Dass sich ein ETF auf einen Index als Basiswert bezieht, ist bekannt. Die Definition zum Faktor-ETF erschließt sich besser, wenn man den technischen Begriff Faktor durch Kriterien oder Eigenschaften ersetzt. Solche, die man von bestimmten Aktien erwartet und nach denen der jeweilige Index konstruiert ist.

Bei Value-Aktien zum Beispiel kommt es darauf an, dass sie unterbewertet sind und sich entsprechend entfalten. Es geht also um die Aussicht auf mehr Rendite. Auf Anhieb wirkt die Definition des Faktor-ETF natürlich widersprüchlich. Sind doch ETF als passive Fonds bekannt, die den Markt gar nicht erst schlagen wollen. Aktiv gemanagten Fonds gelingt das schließlich auch nicht durchgehend.

Auch ein Faktor-ETF ist passiv. Allerdings gehört er zu einer Gruppe von Produkten, die zunehmend in Mode kommen: ETF, deren Performance besser ausfallen soll als der breite Marktindex – auch höheres Beta genannt. Der Spezial-Index wird nach bestimmten strategischen Kriterien so zusammengestellt, dass das Produkt zwar passiv aber schlauer ist als die Masse.

Daher auch die alternative Bezeichnung Smart Beta-ETF, die nichts anderes bedeutet. Beim Label Faktor-ETF liegt lediglich der begriffliche Schwerpunkt auf Kriterien, die von geläufigen Strategien beim Aktienhandel her bekannt sind – zum Beispiel Volatilität, Value-Aktien, Small Caps, Momentum oder Dividenden.

Kennzahlen machen den Index aus

Indizes, die auf einen dieser Faktoren setzen, sind anders ausgelegt als herkömmliche Barometer wie Dax oder S&P 500, bei denen die Marktgewichtung zählt. Bei denen richtet sich die Zusammensetzung nach der Marktkapitalisierung, dem Börsengewicht. Das Problem: Wenn sich gut laufende Titel im Aktienkorb besonders gut entwickeln, führt das zu Verzerrungen, weshalb er in gewissen Abständen an den Urzustand angepasst werden muss.

Beim Faktor-ETF entscheidet nicht der Börsenwert, der Index richtet sich nach Fundamentaldaten, also Kennzahlen aus der Bilanz: Umsatz, Cash Flow, Dividendenrendite, Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) oder Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Sie werden jährlich gleichgewichtet in die Indexanalyse einbezogen. Ein anderer Ansatz ist, Aktien mit besseren Werten zu einem bestimmten Prozentsatz höher und diejenigen mit weniger guten Werten unterzugewichten.

Die Anbieter kommen mit den verschiedensten Konstruktionen und Schwerpunkten auf den Markt. Dazu gehören auch solche, die etwa das Momentum berücksichtigen, also das Phänomen, wenn bei Aktien ein Trend quasi als Selbstläufer bis zu einem Jahr weitergeht. Eine beliebte Variante ist die Berücksichtigung der Volatilität. Bei Titeln mit historisch geringer Schwankungsintensität profitiert ein Anleger von krisenfesten Unternehmen, die auch in schwierigen Zeiten stabil sind.

Multi-Faktor-Produkte als Strategiebündel

All diese Ansätze werden bei den noch jungen Faktor-ETF teilweise und nach Schwerpunkten gebündelt. Es gibt also nicht nur das eine Angebot. Und was ist, wenn man am liebsten einen Momentum-, einen Value-ETF und einen auf Small Caps kaufen möchte, ohne sich zu verzetteln?

Auch dafür haben die Anbieter eine Antwort: Multi Faktor-ETF. Die kombinieren verschiedene Faktoren bzw. strategische Ansätze in einem Portfolio. Der ETF-Ableger von BlackRock iShares etwa bündelt im globalen FactorSelect-ETF Momentum, Value, niedrige Volatilität sowie Nebenwerte und verweist auf einen weiteren Vorteil der dabei entsteht: Die Faktoren bzw. Bereiche korrelieren kaum miteinander, entwickeln sich also unterschiedlich, womit das Portfolio in sich stabiler wird.

Dennoch bleibt einem nicht erspart, sich mit den Einzelheiten der verschiedenen Angebote und Konstruktionen genauer zu beschäftigen. Insofern könnte die Definition zum Faktor-ETF auch lauten: Ein ETF, bei dem der Anleger eine klare Meinung darüber braucht, welcher Ansatz künftig mehr Einfluss hat. Ein weiterer Faktor bei der Produktauswahl. Etwas teurer ist er übrigens auch.

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.