PR-Supergau für AstraZeneca: Aktie im Keller

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AstraZeneca kommt nicht aus den Schlagzeilen, das bekommen auch Anleger zu spüren. Doch auch bei anderen Impfstoffherstellern hakt es. (Foto: Roland Magnusson / shutterstock.com)

Volle Schutzwirkung nach nur einer Dosis, haltbar bei normalen Kühlschranktemperaturen: Der Corona-Impfstoff des US-Herstellers Johnson & Johnson versprach, Tempo in die Impfkampagne zu bringen. Aber das dauert noch.

Auch Biden blockiert offenbar Impfstoffexporte

Hintergrund ist ein Exportverbot von Corona-Impfstoffen aus den USA, das Ex-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr verhängt hatte und das von seinem Nachfolger Joe Biden bislang nicht aufgehoben wurde. Auch der amtierende US-Präsident scheint in Sachen Impfungen die Parole „America First“ zu verfolgen. Zumindest ließ er verlautbaren, dass die USA Impfstoffe abgeben würden, wenn es einen Überschuss gebe. Davon kann bisher nicht die Rede sein.

Der auch in Europa produzierte Impfstoff von Johnson & Johnson sollte zur finalen Abfüllung in die USA und dann von dort wieder nach Europa zurückgesendet werden, doch anders als ursprünglich erwartet hat sich die US-Regierung noch nicht klar positioniert, ob sie der Ausfuhr der für Europa bestimmten Chargen zustimmt.

Verzögerte Lieferungen: Erneuter Rückschlag für EU-Impfkampagne

Der Pharmakonzern hat deswegen nun die Reißleine gezogen und die Produktion umgestellt, die gesamte Produktionskette inklusive Abfüllung findet nun außerhalb der Vereinigten Staaten statt, um etwaige Exportschwierigkeiten zu umgehen. Doch diese Umstellung braucht Zeit, weswegen sich die Auslieferung des bereits zugelassenen neuen Vakzins bis weit in den April hinein verzögern wird.

Es ist ein weiterer Rückschlag in der Ende Dezember angelaufenen Impfkampagne, die in dieser kurzen Zeit bereits mehrere Dämpfer hatte einstecken müssen. Auch Biontech/Pfizer kamen zeitweise in Lieferverzug wegen Veränderungen an einzelnen Produktionsstandorten, in Deutschland sorgt zudem die Priorisierung bestimmter Personengruppen, eine komplizierte Terminvergabe sowie die Impfverabreichung in speziellen Zentren – und bis dato ohne Beteiligung der niedergelassenen Hausärzte – für reichlich Chaos.

AstraZeneca: Das schwarze Schaf unter den Impfstoffen

Die heftigsten Querelen aber gibt es nach wie vor rund um den Impfstoff von AstraZeneca. Der britisch-schwedische Pharmariese war Anfang des Jahres in einen heftigen Konflikt mit der EU-Kommission geraten, nachdem die Anzahl der zugesicherten Auslieferungen von 90 auf 40 Millionen Dosen im ersten Quartal mehr als halbiert werden musste. Zum Hintergrund hieß es, Großbritannien sei priorisiert beliefert worden, auch mit in der EU hergestellten Vakzinen, während umgekehrt eine Abgabe von Chargen seitens des Königreichs in Richtung Kontinentaleuropa blockiert wurde.

Es folgte ein unschönes öffentliches Gerangel um teils scheinbar missverständliche Vertragsklauseln, die EU-Kommission brachte ihr Missfallen gegenüber dem Pharmakonzern deutlich zum Ausdruck. Hinzu kam, dass AstraZeneca – ein klassischer Vektorimpfstoff – zumindest nach der ersten Dosis eine geringere Schutzwirkung aufzeigte als die ebenfalls bereits zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna, die auf der neuartigen mRNA-Technologie basieren. Aufgrund fehlender Studiendaten wurde AstraZeneca außerdem in einigen Ländern, unter anderem auch in Deutschland, zunächst nur für Personen unter 65 Jahren zugelassen. Diese Einschränkung wurde zwar mittlerweile aufgehoben, doch der Imageschaden ist immens – und wird noch vergrößert durch die Schlagzeilen der vergangenen Tage.

PR-Supergau: Impfungen gestoppt

Weil es im zeitlichen Umfeld kurz nach Impfungen mit AstraZeneca zu eigentlich seltenen Hirnvenenthrombosen gekommen war, haben mehrere Länder seit einigen Tagen die Verabreichung des Vakzins ausgesetzt. Auch Deutschland zog am Montag nach und stoppte die Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte trotz der insgesamt wenigen dokumentierten Fälle auf eine statistisch signifikante Häufung hingewiesen, die es näher zu untersuchen gelte. Bei 5 Millionen Geimpften wurden in 30 Fällen entsprechende Thrombosen festgestellt, die sich zwar grundsätzlich gut behandeln lassen, im schlimmsten Fall aber auch tödlich enden können.

Ob ein ursächlicher oder lediglich zeitlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von Thrombosen besteht, ist noch unklar und wird nun mit Hochdruck untersucht. Was allerdings bereits feststeht: Auch eine Infektion mit Covid-19 erhöht das Thromboserisiko, und zwar deutlich stärker als das Vakzin. Während die Impfungen nun also pausieren, kann sich das Virus weiter ausbreiten und somit unterm Strich womöglich sogar mehr Menschenleben gefährden.

Risikoabwägung: Das Problem mit dem Beipackzettel

Dass die wenigen Fälle so früh erkannt und zum Anlass genommen wurden, die Sicherheit des Vakzins noch einmal dahingehend zu überprüfen, spricht zudem für die engmaschige Qualitätssicherung im Zuge der Impfkampagne. Zum Vergleich: Die Antibabypille, die ebenfalls täglich millionenfach eingenommen wird, weist ein erheblich höheres Thromboserisiko auf, und das selbst ohne zusätzliche Risikofaktoren wie beispielsweise Rauchen oder Übergewicht. Dass auf diesen Umstand im Kontext der AstraZeneca-Prüfung nun häufiger hingewiesen wird, könnte sich mittelfristig positiv auf die Sicherheit der Pille auswirken, sollten nun hinreichend viele Menschen dies zum Anlass nehmen, hier ebenfalls zu protestieren.

Mediziner weisen außerdem darauf hin, dass es die vielfach eingeforderte hundertprozentige Sicherheit bei keinem Medikament gibt, dass schwere Nebenwirkungen in seltenen Fällen auch bei vermeintlich harmlosen Mitteln wie rezeptfrei erhältlichen Kopfschmerztabletten auftreten können – siehe Beipackzettel – und dass es stets darum geht, Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Tatsächlich ist wohl davon auszugehen, dass die Auswirkungen deutlich verheerender wären, hätten sich die 5 Millionen mit AstraZeneca Geimpften stattdessen mit Covid-19 infiziert, doch das Imagedesaster ist inzwischen kaum noch einzudämmen.

AstraZeneca: Ema-Entscheidung am Donnerstag

Was mit Lieferschwierigkeiten begann und mit Diskussionen um die prozentuale Schutzwirkung weiterging, entwickelt sich mit der zeitweiligen Aussetzung der Impfungen zum PR-Supergau für AstraZeneca. Darüber, wie es mit dem Impfstoff in Europa weitergehen soll, wird die zuständige Arzneimittelbehörde Ema voraussichtlich am Donnerstag entscheiden. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die Impfungen dann wieder aufgenommen werden, doch die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Präparat sitzt nun noch einmal tiefer als ohnehin schon.

Es dürfte eine Mammutaufgabe werden, die Menschen zu überzeugen, sich trotz aller negativen Berichterstattung mit AstraZeneca impfen zu lassen. Unterdessen hat das Unternehmen seine Lieferzusagen weiter zusammengekürzt: Nicht mehr 40, sondern lediglich 30 Millionen Dosen sollen bis Ende März an die EU geliefert werden, also gerade mal ein Drittel des ursprünglich vereinbarten Umfangs.

Die Impfverabreichung in der EU im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen erinnert derweil an die Stimmzettelauszählung bei der US-Präsidentschaftswahl: Es geht nicht voran. Angesichts der skizzierten Entwicklungen fällt es allerdings schwer, den verstörend langsamen Fortgang der Impfkampagne allein dem Bundesgesundheitsminister und seinen europäischen Amtskollegen anzulasten.

Aktien der Impfstoffhersteller: AstraZeneca als einziger im Minus

Auch am Börsenparkett blieb das Debakel für AstraZeneca nicht ohne Folgen: In den vergangenen sechs Monaten gab die Aktie des Pharmakonzerns um zeitweise mehr als 15 Prozentpunkte nach, zuletzt notierte das Papier auf Sechsmonatssicht gut 11 Prozent im Minus.

Demgegenüber konnten alle anderen Hersteller derzeit in Europa zugelassener Impfstoffe im gleichen Zeitraum kräftig zulegen: Der Kurs der Johnson & Johnson Aktie stieg im vergangenen halben Jahr um knapp 10 Prozent, Anteilsscheine von Pfizer lagen zuletzt rund 9 Prozent im Plus, die Biontech Aktie verzeichnet einen Kursaufschlag von 60 Prozent und Moderna ist mit einer Wertsteigerung von mehr als 125 Prozent einsamer Spitzenreiter unter den Impfstoffherstellern.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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