Dax-Rally verpufft: zu früh gefreut?

Dax-Rally verpufft: zu früh gefreut?
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Es ist das Thema Nummer eins dieser Tage in der deutschen Politik und Wirtschaft – und somit auch am Parkett in Frankfurt: Steht die Gasversorgung oder nicht?

Deutschland blickt gebannt auf Wartungsarbeiten an Ostseepipeline

Russlands Machthaber Wladimir Putin kann den staatseigenen Konzernen quasi diktieren, ob sie den Gashahn auf- oder zudrehen. Mehrere europäische Länder werden bereits nicht mehr beliefert. Deutschland erhält seit einigen Wochen nur noch rund 40 Prozent der eigentlich zugesagten Liefermengen.

Zurzeit aber strömt kein Gas durch die Versorgungspipeline Nord Stream 1. Turnusmäßig wird die Infrastruktur gewartet. Eigentlich kein großer Akt – aber in diesem Jahr schauen die Medienlandschaft und auch die Anleger ganz genau hin. Denn ob nach dem Ende der Wartungsarbeiten der Gashahn wieder aufgedreht wird oder geschlossen bleibt, liegt allein an Putin – und dessen Entscheidungen sind nicht unbedingt von Rationalität oder wirtschaftlichen Erwägungen geprägt, wie die vergangenen Monate eindrücklich gezeigt haben.

Medienberichte: Gashahn soll wieder aufgedreht werden

Morgen ist der große Tag. Dann wird sich zeigen, ob die Gasversorgung hierzulande schon jetzt die nächste Eskalationsstufe erreicht oder Putin der Bundesrepublik weiterhin eine Art Schonfrist gewährt.

Medienberichte, die darauf hindeuten, dass die Gaslieferungen am Donnerstag planmäßig wieder aufgenommen werden, haben am Dienstag in Frankfurt für Euphorie gesorgt – und den Dax in den Rallymodus geschickt. Binnen eines Handelstages legte das Barometer um rund 2,7 Prozentpunkte zu und notiert nun wieder deutlich oberhalb der 13.000-Punkte-Marke.

Uniper Aktie kräftig im Plus

Besonders stark nachgefragt war unter anderem die im MDax gelistete Uniper Aktie. Der Gasversorger ist angewiesen auf die Lieferungen aus Russland. Wegen der gedrosselten Liefermengen der vergangenen Wochen hatte der Konzern unlängst beim deutschen Staat um finanzielle Hilfen gebeten und soll nun wohl deutlich höhere Kreditlinien von Seiten der staatlichen Förderbank KfW erhalten.

Inwieweit sich die Berichte bestätigen und tatsächlich schon bald wieder Gaslieferungen durch die Ostseepipeline strömen, ist ungewiss. Die Freude am Frankfurter Parkett könnte also verfrüht sein. Doch Politikexperten gehen davon aus, dass Putin die Gaslieferungen – vor allem an Deutschland als einen seiner größten und wichtigsten Abnehmer – als Druckmittel in der Hinterhand behalten dürfte. Demnach würden die Gaslieferungen vorerst weiterlaufen wie gehabt.

Westliche Wirtschaftssanktionen belasten Russland zunehmend

Auch wirtschaftlich ist Russland zunehmend auf den Export von Rohstoffen angewiesen: Zuletzt hatte Putin eingeräumt, dass die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens dem Land und seinen Finanzen erheblich zusetzen. Zahlreiche Unternehmen haben nach dem Einmarsch in die Ukraine ihr Russlandgeschäft vorübergehend auf Eis gelegt oder beabsichtigen einen kompletten Rückzug vom russischen Markt. Letzteres gilt beispielsweise für den schwedischen Modehändler H&M oder auch für die deutsche Baumarktkette Obi: Beide Unternehmen haben angekündigt, ihr Russlandgeschäft vollständig abwickeln zu wollen.

Mit Blick auf den Dax war die Bullenstimmung in Frankfurt nur von kurzer Dauer. Nach der Rally am Dienstag setzten am Mittwochnachmittag Gewinnmitnahmen ein und drückten den Dax ins Minus. Zeitweise rutschte der Leitindex unter 13.200 Punkte, nachdem im frühen Handel zwischenzeitlich 13.399 Zähler erreicht worden waren.

Nervosität vor Zinsentscheid der EZB

Neben der Sorge um russische Gaslieferungen steht ein weiterer wichtiger Termin für den morgigen Donnerstag auf der Agenda: Die Europäische Zentralbank verkündet ihre Zinsentscheidung. Erwartet wird eine Anhebung des Leitzinses um 0,25 oder sogar 0,5 Prozent, um der immensen Inflationsdynamik entgegenzuwirken.

Vor allem höhere Energiepreise lassen die Kosten für Erzeuger und Verbraucher seit Monaten explodieren. So lagen etwa die Erzeugerpreise im Monat Juni in Deutschland knapp 33 Prozent höher als im Vergleichsmonat des Vorjahres, wie das Statistische Bundesamt bekanntgab. Die Energiepreise haben sich binnen eines Jahres nahezu verdoppelt und stiegen um 86 Prozent gegenüber dem Juni 2021.