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Zinssätze für kurzfristige Geldanlagen: So lesen Sie Euribor-Zinssätze

Jeden Börsenarbeitstag um 11 Uhr mitteleuropäischer Zeit werden seit 1999 die sogenannten Euribor-Zinssätze festgelegt (Fixings) und veröffentlicht. Es handelt sich um echte Marktzinssätze, die von einer größeren Anzahl europäischer Banken genannt werden.

Aus Deutschland sind Commerzbank, Deutsche Bank und DZ Bank Deutsche Genossenschaftsbank an der Umfrage beteiligt. Euribor steht dabei für Euro Interbank Offered Rate, wobei es unterschiedliche Laufzeiten gibt.

Der jeweilige Wert zeigt für 1, 2, 3, 6, 9, oder 12 Monate an, zu welchem Zinssatz sich Banken am jeweiligen Tag untereinander bereit sind, Geld zu leihen. Einer der wichtigsten dieser Zinssätze ist dabei der 3 Monats-Euribor.

Euribor-Fixings bilden die Grundlage für viele Zinsgeschäfte

Die Euribor Zinssätze haben direkte Auswirkungen für viele weitere Börsengeschäfte. Für variabel verzinsliche Anleihen stellen sie den Referenzzinssatz dar, den der jeweilige Schuldner zu bezahlen hat. Banken koppeln teilweise die Überziehungs- und andere Kreditzinsen an Veränderungen des Euribors.

Im Geschäft mit institutionellen Marktteilnehmern (Banken, Versicherungen, Unternehmen) bilden die Euribor-Fixings eine wichtige Grundlage für die Zinszahlungen, die zum Beispiel bei sogenannten Swapgeschäften vereinbart werden.

So wirkt sich der Euribor auf Börsengeschäfte privater Anleger aus

Variabel verzinsliche Anleihen stellen die vom Schuldner zu zahlenden Zinsen meist auf einen Referenzzinssatz ab, im Regelfall ist das in Europa der Euribor.

Beispielsweise zahlt eine Anleihe von SAP (ISIN: DE000A13SL18; fällig am 20.11.2018) einen Zinssatz von 3 Monats-Euribor plus 0,30 % p.a.Das letzte Fixing fand am 18.02.2016 statt, bei einem 3er Euribor von – 0,195 %. Das vorletzte Fixing hatte den Anlegern noch einen Zinssatz von 0,208% beschert.

Somit liegt der neue Zinssatz wird für die kommenden 3 Monate bis zum 20.05.2016 bei nur noch 0,105% p.a.  Anschließend wird alle 3 Monate dieser Zinssatz neu festgelegt. Das Zinsfixing dieser Anleihen findet zwei Bankarbeitstage vor dem jeweiligen 20. des entsprechenden Monats statt. Bei anderen Anleihen funktioniert dieser Mechanismus entsprechend.

Der Vorteil für den Anleger bei Floatern: bei steigenden Zinsen profitiert er, weil diese höheren Zinsen an ihn weitergegeben werden. Kursverluste seiner Anleihe wegen steigender Zinsen, die er bei einem festen Zinssatz erleiden würde, werden vermieden.

Aber: bei fallenden (Markt-)Zinssätzen erhält er auch weniger Zinsen, und profitiert nicht von steigenden Kursen, die ihm bei einer Anleihe mit festen Zinsen zufließen würden.

Im Beispielfall bedeutet die aktuelle Marktsituation folgendes: Da der Euribor kontinuierlich weiter sinkt, sind auch die Zinszahlungen immer geringer geworden (vgl. Schaubild des 3er Euribors). Die aktuelle Zinspolitik der Europäischen Zentralbank macht ein weiteres Sinken wahrscheinlich. Allerdings gibt es die Vereinbarung, dass mindestens ein Zinssatz von 0% festgelegt wird.

Bewegungen des Euribors als Spiegel des Zinsmarktes und der Wirtschaft

Die Veränderungen des Euribors sind eng an die jeweilige Zinspolitik der Europäischen Zentralbank gekoppelt.

Im folgenden Schaubild sieht man die starken Bewegungen, die meist einem längerfristigen (Zins-)Trends folgen.

Insbesondere die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) beeinflusst stark die Entwicklung der kurzfristigen Zinsen

Obwohl die kurzfristigen Zinsen schon im Jahr 2013 auf historischen Tiefständen angelangt waren, hat die EZB durch weitere stark expansive Geldpolitik den Euribor inzwischen sogar auf Werte von deutlich unter 0 % gedrückt. Selbst die Fixings des Euribors für 1 Jahr Laufzeit ist mit -0,018 % inzwischen negativ. (Stand 22.02.2016)

Euribor 22.02

Quelle: Deutsche Bundesbank; Stand: 22.02.2016

Euribor als „Frühindikator“ für Leitzinsänderungen

Alle Marktteilnehmer versuchen, mit ihren Marktaktivitäten Geld zu verdienen. Gehen sie also zum Beispiel von einer Zinssenkung der EZB aus, werden sie sich entsprechend am Zinsmarkt „positionieren“. Wenn die Mehrheit von fallenden Zinsen ausgeht, dann sinken diese bereits im Vorfeld von Zinsentscheidungen der EZB.

Euribor 2 22.02

Quelle: Deutsche Bundesbank; Stand: 22.02.2016

Ein Blick auf die Bewegungen des 3 Monats Euribors in den letzten Monaten zeigt, die Auswirkungen der „ultra“-expansiven Geldpolitik der EZB, die erklärter Maßen die Geldmenge massiv steigern will und dies auch noch bis  mindestens 2017 weiterführen will. Mit der ersten Ankündigung dieser Maßnahmen im Mai 2014 und der anschießenden Umsetzung hat so die Europäische Zentralbank massiven Druck auf die kurzfristigen Zinsen ausgeübt. Zum Vorteil der Kreditnehmer und auch Aktienbesitzer.

Insgesamt zeigen die Bewegungen des Euribors eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein Andauern der expansiven geldpolitischen Maßnahmen der EZB an. Die daraus resultierende höhere Liquidität sollte die Zinsen und Renditen weiter niedrig halten und weiter steigende Aktienkurse sorgen.

Derzeit sinkt der 3er Euribor sehr langsam aber kontinuierlich weiter ab. Nachdem er am 21.04.2015 erstmals in der Geschichte negativ wurde ging es nicht mehr in den positiven Bereich. Tendenz weiter kontinuierlich fallend.

Erst im Zuge eines Politikwechsels der EZB wird der Markt wieder eine nachhaltige Aufwärtsbewegung des Euribors zeigen. Wegen der aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Eurozone ist allerdings mit einem Zinspolitikwechsel der EZB auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Ganz im Gegenteil: die Aussagen der Verantwortlichen in der Europäischen Zentralbank deuten sogar eine weitere Ausweitung der expansiven geldpolitischen Maßnahmen an.

Die kurzfristigen Zinsen werden somit auf ihren historischen Tiefständen bleiben. Neue weitere Tiefstände wären keine Überraschung. Gleichzeit wird so auch ein Anstieg der langfristigen Zinsen gebremst. Gut, wenn Sie jetzt einen (langfristigen) Kredit brauchen oder umschulden müssen, schlecht, wenn Sie Geld anlegen wollen.

22. Februar 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Stefan Waldmann
Von: Stefan Waldmann. Über den Autor

Stefan Waldmann arbeitet nach Bankausbildung und Studium der Volkswirtschaft und Sozialpsychologie seit über 20 Jahren im Kapitalmarktbereich einer großen deutschen Bank.