Bilanzen lesen auf einen Blick
Vielen Aktionären schwirrt der Kopf beim Blick auf eine Unternehmens-Bilanz.
Doch welche Positionen sind wirklich wichtig und wie liest man sie richtig?
Welche Positionen wirklich wichtig sind
Die vollständige Bilanz eines Unternehmens ist oftmals sehr umfangreich und enthält zahlreiche Punkte, die nicht auf den ersten Blick einleuchtend sind.
Auch Bernhard Pellens, Professor an der Universität Bochum und Bilanzexperte, weiß:
„Kein Privatanleger hat die Zeit, sich 100 oder mehr Positionen aus den Bilanzen seiner Unternehmen anzusehen. Das braucht er auch nicht. Ein paar einfache Relationen genügen, um sich ein klares Bild über den Zustand eines Unternehmens zu machen.“
Stattdessen soll ein Privatanleger erstmal auf die Eigenkapitalquote achten. Um dieses Verhältnis zu errechnen, braucht man die Bilanz des Unternehmens.
Der Auflistung entnimmt man nun die Höhe des Eigenkapitals und setzt es dann in Relation zur Bilanzsumme.
Die so genannte Eigenkapitalquote sagt etwas darüber aus, wie das Unternehmen mit Eigenkapital finanziert ist.
Wenn Banken das Kreditrisiko eines Unternehmens beurteilen, ziehen sie unter anderem dieses Verhältnis zwischen Eigenkapital und Bilanzsumme zu Rate.
Riskant sind solche Unternehmen, bei denen die Eigenkapitalquote jahrelang unter zehn Prozent beträgt.
Mehr dazu: “Wie hoch sollte Eigenkapitalquote sein?”
Eigenkapitalquote und Kapitalfluss
Als nächstes ist es für Anleger wichtig, sich mit der Kapitalflussrechnung zu befassen. Diese zeigt, wie hoch der Gesamt-Cash-Flow des Konzerns ist.
Diesen Gesamt-Cash-Flow kann man in drei Rubriken unterteilen: Den Cash-Flow aus dem laufenden Geschäft, den Cash-Flow aus Investitionstätigkeit und den Cash-Flow aus Finanzierungstätigkeit.
Nach Professor Pellens ist der Cash-Flow des laufenden Geschäfts für Privatanleger besonders interessant.
Er zeigt, wie viel das Unternehmen im operativen Geschäft in cash verdient hat.
Oder anders ausgedrückt: Der Cash-Flow spiegelt den Überschuss der betrieblichen Einzahlungen über die betrieblichen Auszahlungen wider.
Natürlich können die Ausgaben auch höher sein als die Einnahmen – dann ist der Cash-Flow negativ.
Ein langfristig negativer Cash-Flow führt zur Iliquidität und ist damit ein sicheres Warnsignal.
Cash-Flow vergleichen
Um das Maximum an Information aus der Bilanz herauszuholen, sollte man außerdem den Cash-Flow aus laufender Geschäftstätigkeit mit dem Konzernergebnis vergleichen.
Steigt der Gewinn zum Beispiel deutlich an, der Cash-Flow bleibt jedoch im Vergleich zum Vorjahr unverändert, kann dies ein Signal für Bilanzpolitik sein.
Mit anderen Worten, setzt man den Cash-Flow in Relation zum Überschuss, sehen Privatanleger, wie viel ihr Unternehmen gewonnen hat und wie viel davon in die Kasse geflossen ist.
Sollte sich der Cash-Flow über einen längeren Zeitraum sehr von der Gewinnentwicklung unterscheiden, muss der Sache intensiver nachgegangen werden, zum Beispiel durch eine direkte Anfrage beim Unternehmen.
Um das Schuldentilgungspotential zu errechnen, muss man den Cash-Flow aus dem laufenden Geschäft in Relation zum Fremdkapital aus der Bilanz setzten.
Das Ergebnis gibt Auskunft darüber, wie lange ein Unternehmen bräuchte, um seine Schulden zu tilgen.
Anleger sollten den Überschuss, den man in der Gewinn- und Verlustrechnung findet, zusätzlich auch noch mit dem Marktwert, also dem Börsenwert, vergleichen.
Hieraus ergibt sich die sogenannte Eigenkapitalrendite.
Gemäß Professor Pellens sollte ein gesundes Unternehmen hier über die Jahre eine nachhaltige Rendite von mindestens zehn Prozent erwirtschaften, ansonsten sei es die Investition kaum wert.
Nicht manipulierbare Kennzahlen
Der große Vorteil an allen genannten Kennzahlen ist, dass sie nicht geschönt werden können: Der Cash-Flow aus Unternehmenstätigkeit kann nicht manipuliert werden.
Unregelmäßigkeiten, wie beispielsweise plötzliche Sprünge, sind sichtbar und müssen daher erklärt werden.
Gewinne dagegen lassen sich durch Bilanzpolitik, so genanntes Earnings Management, beeinflussen.
Durch Ab- oder Zuschreibungen sowie Rückstellungsauflösungen kann das Konzernmanagement Einfluss auf diese Größen nehmen.
Professor Pellens betont außerdem, dass es wichtig sei, nicht nur den Jahresabschluss zu lesen, sondern sich auch mit den Quartalsberichten auseinanderzusetzen.
Denn diese sind wesentlich aktueller als der nur einmal im Jahr erscheinende Abschlussbericht.
Auf diese Weise gewappnet, können Aktionäre sich ein ausreichend gutes Bild über den Zustand eines Unternehmens machen.



