KGV: Warum Sie diese Kennzahl getrost vergessen können

Wenn es darum geht zu beurteilen, ob eine Aktie günstig oder (zu) teuer ist, hat sich das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) etabliert. […] (Foto: photobyphm / Shutterstock.com)

Wenn es darum geht zu beurteilen, ob eine Aktie günstig oder (zu) teuer ist, hat sich das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) etabliert.

Sowohl bei Privat-Anlegern als auch bei Großinvestoren und Analysten ist diese fundamentale Kennzahl weit verbreitet.

Ich will Ihnen in diesem Beitrag erläutern, warum Sie dem KGV besser nicht allzu viel Beachtung schenken sollten.

KGV hat für sich genommen keinerlei Aussagekraft

Bei der Berechnung des KGVs wird der aktuelle Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn gesetzt. Sie erhalten das KGV einer Aktie, indem Sie den Kurs durch den Gewinn je Aktie teilen.

Hat ein Unternehmen im vergangenen Jahr einen Gewinn von 2,00 € je Aktie erzielt und der Aktienkurs liegt bei 30 €, beträgt das KGV also 15.

Damit wären wir schon beim ersten Problem: Für sich genommen sagt diese Zahl nämlich rein gar nichts aus!

Einem Konzern, der stark wächst, wird an der Börse i. d. R. nämlich eine deutlich höhere Bewertung zugebilligt als einer Firma, die in einer sehr konjunkturabhängigen Branche tätig ist und kaum wächst.

So ist es nur wenig sinnvoll die Aktie des Stahlkonzerns ThyssenKrupp mit einem stetig wachsenden Software-Unternehmen wie SAP zu vergleichen.

Aktuell kommt ThyssenKrupp auf ein KGV von 12, die SAP-Aktie auf 20 (Stand: Mai 2017).

Gewinn-Prognosen sind mit Unsicherheit behaftet

Ein Vergleich des KGVs ist allenfalls zwischen Aktien aus derselben Branche sinnvoll. Doch auch dann gibt es Tücken: So stellt sich die Frage, welchen Gewinn Sie verwenden.

Nehmen Sie den Gewinn des Vorjahres, ignorieren Sie die Zukunft, die an der Börse eine weit wichtigere Rolle spielt.

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Außerdem kann es passieren, dass eine Aktie nur deshalb ein niedriges KGV aufweist, weil ihr Kurs stark gefallen ist – möglicherweise aufgrund eines zu erwartenden Gewinn-Rückgangs.

Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend das KGV anhand der zukünftigen Gewinne zu berechnen.

Wenn Sie jedoch Gewinn-Schätzungen für das laufende oder gar das nächste Geschäftsjahr verwenden, tritt ein anderes Problem zutage:

Prognosen sind naturgemäß unsicher. Zudem können sich die Gewinn-Schätzungen im Laufe der Zeit immer wieder verändern.

Wenn Sie auf das KGV achten, entgehen Ihnen die großen Highflyer

All das sind Gründe, warum Sie das KGV nicht als alleinige Grundlage für Ihre Investitions-Entscheidungen heranziehen sollten.

Der für mich wichtigste Punkt ist jedoch: Wenn Sie Ihren Einstieg in eine Aktie von einem „günstigen“ KGV abhängig machen, entgehen Ihnen die wirklich großen Highflyer.

Denken Sie an Firmen wie Amazon oder Netflix! All diese Werte haben eine teils astronomisch hohe Bewertung gemeinsam. Dennoch ist ein Ende des Höhenflugs nicht in Sicht.

Wenn Sie ausschließlich auf das KGV achten, berauben Sie sich von vornherein der Chance, solche Top-Wachstumswerte zu erwischen.

Bei meinen Investitions-Entscheidungen spielt das KGV deshalb keine große Rolle. Viel wichtiger ist für mich der Trend:

Bewegt sich der Aktienkurs über längere Zeit stetig nach oben, ist dies ein Beleg für die Qualität des Konzerns. Das KGV ist dabei für mich Nebensache.


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Von: Michael Kelnberger. Über den Autor

Chefanalyst Michael Kelnberger ist der Experte für Aktien. Er setzt auf nachweislich erfolgreiche Anlage-Strategien: Die Trend-Strategie im Dienst Volltreffer Aktien und die mechanische Handlungsstrategie im Ranglisten Investor. So erzielt er für seine Leser beider Dienste stets überdurchschnittliche Renditen. Profitieren auch Sie von seinem Know-How.