Das bedeutet Merkels Rücktritt für die Börse

Der angekündigte Rücktritt von Angela Merkel hat die Börse zunächst beflügelt - in der Hoffnung auf neue Perspektiven. (Foto: photocosmos1 / shutterstock.com)

Sobald Kontinuität irgendwann zu lange als Stillstand empfunden wird, wirkt es erfrischend, wenn ein Fenster für neue Perspektiven geöffnet wird. So war es auch, als Ende Oktober Angela Merkel den Rücktritt ankündigte. Die Börse zog nach längerem Abwärtstrend an. Die Kanzlerin hatte noch einmal ihren Einfluss gezeigt und dem Dax zu einem kräftigen Plus verholfen. Viele Anleger hofften auf frischen Wind aus Berlin. Parallel gaben Anleihen nach.

Ruhige, starke Hand zur Krisenbewältigung

Merkels Fahrplan: Zum Dezember räumt sie den Parteivorsitz, und ab 2021 zieht sie sich aus der Politik zurück. Es ist die Konsequenz aus dem mageren Ergebnis der Hessenwahl und der Regierungsarbeit in einer Großen Koalition, die mehr den Konsens zu verwalten scheint als neue Signale zu setzen. Die Aussicht auf eine künftig wirtschaftsfreundlichere CDU mag kurzfristig die Phantasie anregen.

Ob aber Merkels Rücktritt die Börse nachhaltig beflügeln wird, ist längst nicht ausgemacht. Selbst Korrekturen im Steuerrecht können kaum aufwiegen, was für Deutschland als Exportnation wichtig ist: die Rahmenbedingungen im internationalen Handel, eine starke EU sowie eine stabile Eurozone. In einem Klima der Unsicherheit mit Donald Trump, dem Brexit oder Italiens Provokationen braucht es eine „ruhige Hand, die tragfähigen Kompromisse herbeiführen kann“, meint etwa das britische Analysehaus Capital Economics.

Deutungshoheit und Profil zurückgewinnen

Rückblick: Seit 18 Jahren ist Merkel Parteivorsitzende und seit 2005 Kanzlerin. Sie löste Gerhard Schröder ab, der mit seiner Agenda 2010 der deutschen Wirtschaft zu neuem Schub verhalf. Seitdem ging es mit dem Dax stets berauf. Selbst den Crash der Finanzkrise überstand Deutschland vergleichsweise gut. Mit Pragmatismus und sozialpolitischer Weitsicht verhinderte sie ein Auseinanderbrechen der Eurozone nach der Griechenlandkrise sowie soziale Spannungen, etwa durch Stützen für Geringverdiener. Dass ein Mindestlohn nebenbei zum Binnenkonsum beitragen kann, ist beleibe keine Erkenntnis linker Sozialromantiker.

Allen Unkenkrufen zum Trotz eilte die deutsche Wirtschaft von einem Rekord zum nächsten. Auch Arbeitnehmer, Verbraucher und Anleger konnten zufrieden sein. Da aber bei alledem die Politik zunehmend in die Mitte rückte, entstand Raum an den Rändern, der sich ab der Zuwanderungswelle 2015 füllte. Merkels ruhige Hand wurde auf einmal als Untätigkeit angesehen; verunsicherte Wähler erlagen der Deutungshoheit derer, die außer Protest auch keine wirkliche Alternative für Deutschland bieten.

So bietet Merkels Rücktritt Hoffnung für die Börse

Mit der Kanzlerdämmerung wuchs der Wunsch nach mehr politischem Profil, auch wirtschaftspolitisch. Immerhin: Mit dem angekündigten Rücktritt bewies Merkel Gestaltungswillen. An der Börse Frankfurt erholt sich der Dax weiterhin. Die große Unbekannte ist, wie es bis zur nächsten Bundestagswahl weitergeht. Sollte Friedrich Merz den Parteivorsitz übernehmen, muss es aber nicht zwingend zu Reibereien kommen, nur weil noch ein paar alte Rechnungen offen sind. Beide sind pragmatisch genug, und Merz ist nicht Seehofer.

Mit Friedrich Merz haben viele Anleger mehr zu tun, als ihnen bewusst ist. Er ist seit 2016 Aufsichtsratschef der deutschen Repräsentanz von BlackRock. Der weltweit größte Vermögensverwalter ist hierzulande vor allem durch seinen ETF-Ableger iShares bekannt und Aktionär bei fast allen großen Unternehmen. Im Dax von der Allianz bis zu Wirecard. Starre nationale Ordnungspolitik ist in diesen Kreisen bekanntlich keine Leitkultur. Auch Emmanuel Macron war Investmentbanker und sieht nationale Wirtschaftsinteressen im internationalen, übergeordneten Kontext.

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Kein Wunder, dass beide eher eine Vertiefung der EU anstreben. Mit gemeinsamer pragmatischer Gestaltungskraft ließe sich der Brexit ebenso überstehen wie Italiens Haushaltskrise. Sollte Merkel bis zum Ende der Legislaturperiode Kanzlerin bleiben, so stünde dem auch in der Konstellation nichts im Wege. Sie ist zwar nur eine der möglichen Varianten, wie es nach Merkels zweiteiligem Rücktritt weitergehen kann, doch nicht zuletzt mit Blick auf die Börsen eine Aussicht mit Potenzial.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.